Geschichte der Juden in Tunesien

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In der Synagoge der südtunesischen Küstenstadt Zarzis
Die Geschichte der Juden in Tunesien umfasst einen Zeitraum von mehr als 2000 Jahren. Sie lebten in diesem Zeitraum unter wechselnden Herrschern wie Karthagern, Römern, Vandalen, Byzantinern, Arabern, Osmanen, europäischen Kolonialmächten und ab 1956 im Staat Tunesien. Die einst großen jüdischen Gemeinden in Tunesien sind heute fast verschwunden. Die verbliebenen ca. 2000 Juden sind Misstrauen und Diskriminierung ausgesetzt, und durch den Arabischen Frühling ist ihre Lage noch schwieriger geworden.

1 Karthagische Zeit

  • Schon zu Zeiten der Karthager soll es im Norden Tunesiens jüdische Gemeinden gegeben haben. Manche Forscher datieren die erste jüdische Besiedlung auf den Zeitpunkt der Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar im Jahr 586 v. Chr.. Andere gehen noch weiter zurück und nehmen eine jüdische Besiedlung schon für das 10. vorchristliche Jahrhundert an.[1]

2 Römische Zeit

  • Nachweisbar sind jüdische Siedlungen allerdings erst für die römische Zeit nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.. In den nachchristlichen Jahrhunderten kam es im tunesischen Gebiet zu Aufständen gegen die Römer. Viele Juden flohen zu den Berbern an den Rand der Sahara.
  • Unter den bis zum Jahr 533 herrschenden Vandalen hatten die Juden bei der Religionsausübung freie Hand und innere Autonomie. [2]
  • Auch zur Zeit Kaiser Justinians, der im Jahr 535 in Nordafrika das Judentum verbot, flüchteten viele Juden in die Wüste, wo sie auch viele Berber zum jüdischen Glauben bekehrten, teilweise aber auch selber "berberisiert" wurden. [3]

3 Arabische Zeit

  • Nach der arabischen Eroberungswelle im 7. Jahrhundert lebten die Juden unter arabischer Herrschaft relativ frei. Das jüdische Leben unter den Arabern blieb dennoch von wechselnden Phasen der Sicherheit und Repression geprägt. [4] Hauptsiedlungspunkt der Juden in Tunesien war bis zum 11. Jahrhundert die Stadt Kairouan. Wegen Einfällen der Beni-Hilal-Nomaden flohen die Juden erneut. Viele ließen sich vor den Toren von Tunis im Dorf Melassine nieder. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts wurde ihnen innerhalb der Mauern von Tunis ein eigenes Stadtviertel (Hara) zugeteilt. Viele Juden strömten mit Abschluss der Reconquista (Eroberung Granadas im Jahr 1492) nach Nordafrika und Tunesien. [5] Diese zugewanderten Juden (Grana) waren kulturell weiter entwickelt als die einheimischen Juden und fühlten sich diesen auch überlegen. Die arabischen Herrscher bedienten sich dieses jüdischen Fachwissens. Viele Juden hatten hohe Ämter z.B. in der Finanzverwaltung inne. Ihr Haupttätigkeitsgebiet war allerdings der Fernhandel mit europäischen Mächten. Daneben waren sie auch auf dem Gebiet der Schmuckherstellung aktiv.

4 Osmanische Zeit

  • Tunesien erlebte im 18. und 19. Jahrhundert eine Renaissance jüdischen Denkens. Namen, die hier genannt werden müssen, sind Abraham Cohen, der Großrabbiner Isaac Lumbroso, Nathan Borgel oder Uziel el-Haïk. [6]
  • 1856 wurden Christen, Juden und Muslime auf französischen Druck hin rechtlich gleichgestellt.

5 Neuzeit

Jüdischer Geldwechsler in Tunis (um 1910)
  • Im Jahr 1883 wurde Tunesien französisches Protektorat. Das Leben der tunesischen Juden wurde dadurch freier von Benachteiligungen und Diskriminierungen. Ihnen wurden eigene Organisationen und die Errichtung von Schulen gestattet. Dafür kam jetzt andererseits der europäisch-christliche Antisemitismus auch in Tunesien zur Entfaltung.
  • Um 1914 lebten noch um die 70.000 Juden in Tunesien. [7] Im Jahr 1923 ermöglichte ein Gesetz den tunesischen Juden die Annahme der französischen Staatsbürgerschaft.
  • Ab Mitte der 1920er-Jahre kam es aufgrund des zunehmenden arabischen Nationalismus zu gehäuften Gewalttaten gegen Juden. [8]
  • Nach der Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg unterstand Tunesien dem Vichy-Regime. Die dortigen Juden wurden einem neuen Statut unterworfen. Sie wurden sukzessive aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und ihre Organisationen aufgelöst und ihre Presse unterdrückt. Später folgte die Einziehung ihres Vermögens und ihres Besitzes. Am 9. November 1942 besetzten deutsche und italienische Truppen Tunesien. Es wurden Arbeitslager für Juden eingerichtet. Über 2500 Juden starben innerhalb eines halben Jahres in Tunesien. [9]

6 Ab 1956

  • Zum Zeitpunkt der tunesischen Unabhängigkeit im Jahr 1956 lebten circa 85.000 Juden in Tunesien. Der Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 und die ständigen israelisch-arabischen Konflikte führten in der Folge daraus resultierender arabischer bzw. tunesischer Feindschaft zu großen Auswanderungswellen tunesischer Juden.
  • Heute leben weniger als 2.000 Juden in Tunesien. Diese wohnen hauptsächlich in Tunis und auf der Insel Djerba.
  • Diese sind besonders seit dem Arabischen Frühling einer zunehmenden Diskriminierung ausgesetzt. Die jüdische Gemeinde in Tunesien ist inzwischen vom Aussterben bedroht. [10] [11] Im Jahr 2011 wurden im Rahmen der Sturzes von Präsident Ben Ali zweimal jüdische Einrichtungen angegriffen. Bei einem der Übergriffe versuchten Islamisten in die Hauptsynagoge von Tunis einzudringen und riefen dabei judenfeindliche Parolen. [12]

7 Sonderfall Djerba

  • Bedeutend waren die jüdischen Gemeinden auf der Insel Djerba. Juden sollen teilweise bis zu 10% der Bevölkerung der Insel gestellt haben. Historisch nicht verifizierbaren Erzählungen zufolge sollen Juden bereits nach der Zerstörung des Ersten Tempels 586 v. Chr. und/oder zur Zeit der Könige David und/oder Salomon und/oder nach Zerstörung des Zweiten Tempels nach Djerba gekommen sein. Historisch belegbar ist das nicht. Vermutlich wanderten sie um das 6. Jahrhundert n. Chr. auf der Insel ein. Im 11. Jahrhundert werden jüdische Händler auf Djerba urkundlich erwähnt, und 1135/1136 sind sie als Gefangene der Normannen, welche die Insel kurzfristig eroberten, urkundlich genannt. [13] Die Juden Djerbas lebten sozial fast gänzlich isoliert von der muslimischen Bevölkerung in den beiden städtischen Siedlungen Hara Kebira und Hara Sghbira. Sie hatten eine eigene Verwaltung und eine ganz eigene Lebensweise. Arabische Quellen verschweigen sogar die Existenz der beiden jüdischen Gemeinden, obwohl sie im Geschäftsleben von Houmt Souk eine wichtige Rolle gespielt haben dürften. Sie sollen sich seit ihrer Zuwanderung im 6. Jahrhundert angeblich bis in heutige Zeit nicht mit anderen Gruppen gemischt haben.
    Juden vor der El-Ghriba-Synagoge auf Djerba
    Sehr wahrscheinlich suchten aber im 8. Jahrhundert jüdische Berberstämme aus dem algerischen Atlas auf der Insel Zuflucht und verstärkten so die alte Gemeinde. [14] Auch während der französischen Kolonialzeit hielten die Juden Djerbas an ihren religiösen und kulturellen Eigenarten fest. Untereinander sprachen sie ein korrumpiertes Hebräisch, im Umgang mit den europäischen Kaufleuten eine Mischung aus Arabisch, Italienisch, Französisch und Spanisch. Der französische Gouverneur fällte folgendes, nicht besonders schmeichelhafte Urteil über die Juden Djerbas:
"Sie leben eingeschlossen in ihren Dörfern, widersetzen sich jedem Fortschritt, ganz ihrem Rabbi gehorchend, sind fanatisch und intolerant. Keine der jüdischen Familien schickt ihre Kinder in die französische Schule von Houmt Souk. Wie man mir sagte, sei es ihnen von den Rabbis verboten worden, da kein Rabbiner an der Schule tätig ist." [15]
  • Seit der Gründung des Staates Israel sind die meisten Juden Djerbas nach dorthin ausgewandert. 1946 lebten noch fast fünftausen Juden auf Djerba. In den späten 1960er-Jahren waren es um die 1.500, 1976 um die tausend, 1984 circa 800 und im Jahr 1993 nur noch um die 600. [16] [17] Noch heute künden mehr als ein Dutzend private, der Öffentlichkeit nicht zugängliche Synagogen von der ehemals hervorragenden Bedeutung der jüdischen Gemeinden Djerbas. In ihrem äußeren Erscheinungsbild sind diese ehemaligen Ghettos allerdings nicht mehr von den übrigen Ortschaften zu unterscheiden und sind auch längst nicht mehr nur der jüdischen Bevölkerung vorbehalten. [18] Im Jahr 2002 ereignete sich auf Djerba ein hinterhältiger und feiger Anschlag arabischer Terroristen auf die el-Ghriba-Synagoge im Dorf Er-Riadh. Dabei kamen 19 Menschen ums Leben. [19]

7.1 Musik der Juden auf Djerba

  • Die über Jahrhunderte andauernde Isolierung der Juden der Insel zeigt sich auch in ihrer Musik. So hat die synagogale und weltliche Musik der Juden von Djerba im Unterschied zu den meisten jüdischen Gemeinden in der islamischen Welt anscheinend kaum Einflüsse der arabischen Musik aufgenommen, und gilt als Referenzpunkt für Hyphothesen zum nicht notierten und damit für immer verlorenen Klang der altisraelitischen Musik. Der deutsch-jüdische Musikethnologe und Orientalist Robert Lachmann (1892-1939) unternahm von 1927 bis 1933 im Auftrag der Preußischen Staatsbibliothek mehrere Forschungsreisen in den Vorderen Orient und erforschte u.a. die Musiktraditionen der Juden und arabisierten Berber in Tripolis, der Kabylei und Testour. Auf Djerba fand er die damals fast vergessene, alteingesessene jüdische Bevölkerung mit ganz eigenen, sich von der umgebenden arabischen Musik unterscheidenden Merkmalen vor. Er machte in Hara Sghira 22 Feldaufnahmen jüdischer Musik auf Wachszylinder, die später Basis für sein 1940 erschienenes Buch Jewish Cantillation and Song in the Isle of Djerba [20] wurden. [21] Lachmann nahm dabei drei Gattungen von Musik auf: Liturgische Kantillationen, piyyutim und besondere, nur von Frauen gesungene Lieder. Wie im Nahen Osten üblich wurde die Musik ausschließlich oral tradiert, und war überwiegend vokal. In Hara Sghira hatten die Rabbiner nicht nur wie sonst üblich den Einsatz von Musikinstrumenten in der Synagoge und an religiösen Feiertagen verboten, sondern diese sogar ganz aus dem Dorf verbannt. In Hara Kebira waren sie dagegen nur im religiösen Kontext verboten. Der liturgische Gesang sowie der Vortrag der piyyutim war ausschließlich den Männern vorbehalten und basierte auf niedergeschriebenen Texten. Es wurden Melodien verwandt, die bei Muslimen der Insel und des tunesischen Festlandes unbekannt waren. Bei einigen piyuttim konnte Lachmann eine auffallende Ähnlichkeit mit den ab dem 12. Jahrhundert von Juden und Muslimen nach Nordafrika mitgebrachten Melodien nachweisen. Die von den Frauen vorgetragenen Lieder waren im judeo-arabischen Dialekt verfasst und konzentrierten sich auf biblische Themen sowie weitere Themen mit Bezug zum Leben der Frauen. Begleitet wurden sie mit Handklatschen. Die Frauen versicherten Lachmann, dass sie bei ihren Liedern dieselben Melodien wie ihre muslimischen Nachbarn verwenden. [22]
  • 1960 zeichnete der Schweiter Musikethnologe Wolgang Laade in Hara Kebira eine Beschneidungszeremonie auf.
  • Nicht nur die Musik der Juden auf Djerba hat sich seit der Zeit Lachmanns gewandelt. Als die Musikwissenschaftlerin Ruth Frances Davis 1978 auf Djerba Aufnahmen machte, lebten in Hara Kebira nur noch 800 und in Hara Sghira 300 Juden. Zur Zeit Lachmanns waren es 3.500 Juden in Hara Kebira und 1.500 in Hara Sghira. Sie konnte kein spezielles Repertoire an Frauenliedern und auch kein die bäuerlichen Traditionen repräsentierendes altes Liedgut mehr finden. Im Gegensatz zu Lachmanns Zeit verwendeten die Juden nun auch Musikinstrumente und bei jüdischen Festen traten auch professionelle, teils sogar aus jüdischen und muslimischen Musikern bestehende Gruppen auf. Die vor allem im Erziehungswesen von Israel geleitste Hilfe für die Juden Djerbas hat leider auch einige musikalischen Traditionen zerstört. In den 1940er-Jahren haben zionistische Aufbauhelfer aus Israel auf der Insel moderne, weltliche Schulen für Jungen sowie Mädchen gegründet. Dabei wurden piyyutim aus dem aschkenasischen sowie übrigem sephardischem Raum sowie neuere, von europäischen Juden geschriebene und häufig zionistische Inhalte transportierende Lieder eingeführt. Dazu kamen später auch musikalische Einflüsse von Verwandten, die zeitweilig außerhalb der Insel gelebt hatten.

8 Einzelnachweise

  1. Dorsaf Nehdi: Die Spannungen der jüdisch-muslimischen Beziehung in Tunesien während des 20. Jahrhunderts und ihr Zusammenhang mit der massiven Auswanderung der Juden aus diesem Land, Freie Universität Berlin, 2009
  2. «Land der Farben und des Lichts» - «Abrahams Söhne» blicken auf über 2.500 Jahre Präsenz in Tunesien zurück
  3. Dumont Reise-Taschenbücher: Djerba & Südtunesien, DuMont Buchverlag, Köln, 1997, Seite 116
  4. Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus - Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band I, K. G. Saur Verlag, München, 2008, Länder und Regionen Seite 374
  5. Barbara Waldis: Trotz der Differenz: interkulturelle Kommunikation bei maghrebinisch-europäischen Paarbeziehungen in der Schweiz und in Tunesien, Waxmann, München und Berlin, 1998, Seite 83
  6. «Land der Farben und des Lichts» - «Abrahams Söhne» blicken auf über 2.500 Jahre Präsenz in Tunesien zurück
  7. Eine ignorierte Geschichte - Die Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten auf www.israelnet.de
  8. Götz Aly und Wolf Gruner: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band II, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München, 2009, Seite 104
  9. Bella Gutterman und Avner Shalev (Hrsg.): Zeugnisse des Holocaust - Gedenken in Yad Vashem, 2005, Seite 81
  10. Anja Schliebitz und Jochen Klinckmüller: Baedecker-Allianz Reiseführer - Tunesien, 2008, Seite 36
  11. Arabische Welt - Juden in Ägypten und Tunesien in Sorge
  12. Juden in Nordafrika - Zwischen Hoffen und Bangen
  13. The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Band I (A-J), Yad Vashem und New York University Press, 2011, S. 312
  14. DuMont Reisetaschenbücher Djerba & Südtunesien, , 6. Aufl., Köln, 1997, S. 109, 110 und 117
  15. DuMont Reisetaschenbücher Djerba & Südtunesien, , 6. Aufl., Köln, 1997, S. 117 und 118
  16. Encyclopaedia Judaica, Band IV (Coh-Doz), 2. Aufl., Keter Publishing House Ltd., 2007, S. 723
  17. Djerba - Eine Insel mit elf Synagogen; in der Jüdischen Allgemeinen vom 31. März 2016
  18. DuMont Reisetaschenbücher Djerba & Südtunesien, , 6. Aufl., Köln, 1997, S. 118
  19. Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus - Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band I, K. G. Saur Verlag, München, 2008, Länder und Regionen, Seite 89 und 90
  20. Anm.: Das Buch erschien posthum in unvollständiger englischer Übersetzung unter dem Titel Jewish Cantillation and Song in the Isle of Djerba. 1978 erschien der originale, von Edith Gerson-Kiwi editierte Text unter dem Titel Gesänge der Juden auf der Insel Djerba.
  21. Philip V. Bohlman: Jewish Music and Modernity, Oxford University Press, 2008, S. 41 und 42
  22. Ruth Frances Davis: Songs of the Jews on the Island of Djerba, Tunisia