Indien

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Indien (eigentlich: Indische Union) ist ein Staat in Mittelasien, der seit seiner 1947 erreichten Unabhängigkeit von Großbritannien die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt ist. Rund 1,2 Milliarden Einwohner leben auf einer Fläche von 3.287.590 km², was rund einem Drittel der Landesfläche Chinas oder der USA entspricht. Mehr als 81% der Inder bekennen sich zum Hinduismus, der Rest sind Sikh, Christen, Muslime und Sonstige. Hauptstadt Indiens ist Neu-Delhi.

Das Taj Mahal ist ein Symbol Indiens.

1 Charakteristika[Bearbeiten]

Die indische Nation ist ein kulturell hoch differenzierter Einheitsstaat. Ebenso wie Deutschland ist es eine Föderation, die 28 "States" (Bundesstaaten) und sieben "Union Territories" umfasst. Neben Hindi und Englisch werden 21 weitere Sprachen anerkannt, darunter Asamiya, Bengalisch, Bodo, Dogri, Gujarati, Kannada, Kashmiri, Konkani, Maithili, Malayalam, Marathi, Meitei, Nepali, Oriya, Panjabi, Santali, Sanskrit, Sindhi, Tamilisch, Telugu und Urdu. Trotz der gewaltigen Fläche von fast 3,3 Millionen Quadratkilometern ist das Land damit relativ dicht besiedelt. Am dichtesten leben die Menschen in den rasch wachsenden städtischen Ballungsgebieten, doch auch in weiten Teilen des nordindischen Zweistromlands sowie am Unterlauf des Ganges in den Bundesstaaten Bihar und Westbengalen liegt die mittlere Bevölkerungsdichte inzwischen bei annähernd 1000 Einwohnern je Quadratkilometer. Wüstengebiete und Gebirgsregionen sind dagegen extrem dünn besiedelt.

2 Politisches System[Bearbeiten]

Die Indische Union ist eine parlamentarische Demokratie. Es gibt regelmäßige Wahlen, einen Wettbewerb politischer Parteien und verfassungsrechtlich verankerte Grundrechte. Trotz weit verbreiteter Armut, ethnischer, religiöser und linguistischer Heterogenität sowie tief verwurzelter Vorbehalte zwischen den Kastengruppen ist es in Indien seit der Unabhängigkeit am 15. August 1947 gelungen, ein gefestigtes demokratisches System aufzubauen. Am 26. Januar 1950 trat nach über dreijähriger Beratungszeit die neue Verfassung in Kraft, mit der Indien als parlamentarische Demokratie und Unionsstaat gegründet wurde. Die ersten Wahlen folgten im Dezember/Januar 1950/51. Sie brachten einen klaren Sieg der Kongresspartei unter der Führung von Jawaharlal Nehru, der zum ersten Premierminister der Indischen Union gewählt wurde.

2.1 Die Exekutive[Bearbeiten]

An der Spitze des Landes steht der Präsident, der als Staatsoberhaupt die Einheit und Vielfalt der indischen Nation symbolisieren soll. Von den bislang dreizehn Präsidenten seit 1950 waren neun Hindus, drei Muslime und einer Angehöriger der Sikhs. Mit Präsident K.R. Narayanan nahm 1997 erstmals ein "Unberührbarer" das höchste Staatsamt ein. Von 2007 bis 2012 stand mit Pratibha Patil erstmals eine Frau an der Spitze des Staates. Seit 2012 hat Pranab Mukherjee das Amt inne. Der Präsident wird von einem Wahlkollegium gewählt, dass sich aus Abgeordneten der beiden Kammern des Parlaments sowie der Länderparlamente zusammensetzt. Seine Amtsdauer beträgt fünf Jahre, eine Wiederwahl ist möglich. Der Präsident ist mit umfassenden Vollmachten ausgestattet. Er ernennt unter anderem den Premierminister, entscheidet über die Verhängung des Ausnahmezustands und kann Landesregierungen entlassen. In Anlehnung an die britische Demokratie ist jedoch nicht der Präsident, sondern der Premierminister und der Ministerrat das eigentliche Machtzentrum des Landes. Die Kompetenzverteilung mit dem Präsidenten wurde durch Verfassungszusätze eindeutig zugunsten des Premierministers geregelt.

Als Premierminister wird normalerweise der Spitzenkandidat der stärksten Parteien bzw. der Mehrheitsfraktion in der Lok Sabha, dem indischen Unterhaus, berufen, wie es bei Nehru, Indira Gandhi oder Atal Behari Vajpayee der Fall war. 2004 gab es heftige Proteste gegen die designierte Premierministerin Sonia Gandhi aufgrund ihrer italienischen Herkunft. Sie verzichtete nach dem Wahlsieg der von der Kongresspartei geführten United Progressive Alliance (UPA) schließlich auf das Amt zugunsten von Manmohan Singh. Der Premierminister wird formal von der Lok Sabha für fünf Jahre gewählt und kann ebenfalls wieder gewählt werden. Die längste Amtsperiode hatte Jawaharlal Nehru, der fast 17 Jahre lang Premierminister war. Seine Tochter Indira Gandhi übte das Amt fast vierzehn Jahre lang aus. Manmohan Singh war von 2004 bis 2014 zehn Jahre Premierminister der UPA-Koalition, A.B. Vajpayee von der Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) bekleidete das Amt sechs Jahre lang.

Der Premierminister und der Ministerrat führen die Regierungsgeschäfte. Aufgrund der dynastischen Traditionen werden wichtige Entscheidungen oft vom Premierminister und seinen Beraterstäben ohne Abstimmung und Rücksprache mit den jeweiligen Ministerien getroffen, wie z.B. der Indisch-sowjetische Freundschaftsvertrag 1971 oder die Atomtests 1998. Durch die Zunahme der Koalitionsregierungen in den 90er Jahren müssen auch die kleineren Parteien bei der Vergabe von Ministerämtern berücksichtigt werden. Verliert die Regierung durch eine Abstimmungsniederlage ihre Mehrheit in der Lok Sabha, kann der Premierminister die Auflösung des Parlaments und Neuwahlen beim Präsident beantragen.

Armee und Polizei als wichtigste Organe des Staates für die Sicherheit nach außen und die Durchsetzung des Gewaltmonopols nach innen haben ein sehr unterschiedliches Ansehen. Die Armee gilt als unpolitisch und hat, im Unterschied zu Ländern wie Pakistan, nie eine politische Rolle angestrebt, obwohl sie zunehmend für die Bekämpfung innerer Aufstandsbewegungen eingesetzt wird. Demgegenüber gilt die Polizei, die in den Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten fällt, als politisiert, korrupt und wenig effizient. So gibt es immer wieder Vorwürfe, dass die Polizei etwa bei Ausschreitungen zwischen Religions- oder Kastengruppen nicht interveniert oder sogar Partei ergreift.

2.2 Die Legislative[Bearbeiten]

Laut Verfassung besteht das indische Parlament aus dem Abgeordnetenhaus (Lok Sabha, Unterhaus), der Länderkammer (Rajya Sabha, Oberhaus) und dem Präsidenten. Die Lok Sabha entspricht dem deutschen Bundestag und besteht gegenwärtig aus 545 Abgeordneten. Die Legislaturperiode beträgt fünf Jahre. Die 28 Bundesstaaten entsenden 530 Abgeordnete, 13 Abgeordnete kommen aus den insgesamt sieben Unionsterritorien, die direkt von Neu Delhi aus verwaltet werden. Der Präsident kann zudem zwei Vertreter der anglo-indischen Gemeinschaft für die Lok Sabha ernennen. Die Zahl der Abgeordneten aus den Bundesstaaten richtet sich nach deren Bevölkerungsgröße. Die benachteiligten Stammesgruppen (Scheduled Tribes, ST) und die unteren Kastengruppen (Scheduled Castes, SC) erhalten eine Anzahl reservierter Sitze gemäß ihres Bevölkerungsanteils in den Bundesstaaten.

Die wichtigste Funktion der Lok Sabha liegt in der Bewilligung des Haushalts. Sie kontrolliert durch Anfragen die Regierung und kann auch einen Misstrauensantrag stellen, doch gilt ihre Kontrollfunktion allgemein als gering. Eine Ursache hierfür ist die jahrzehntelange Dominanz der Kongresspartei, die 1971 zwei Drittel, 1984 sogar vier Fünftel der Sitze inne hatte und von der Nehru-Gandhi-Dynastie geführt wurde. Weiterhin verfügen vor allem die kleineren Parteien kaum über die personellen Kapazitäten, um die Exekutive ausreichend zu kontrollieren. Die Rajya Sabha besteht gegenwärtig aus 245 Mitgliedern, von denen 233 von den Bundesstaaten und 12 vom Präsidenten ernannt werden. Die Zahl der Abgeordneten richtet sich ebenfalls nach der Größe der Bundesstaaten. Von den Unionsterritorien entsenden hingegen nur Pondicherry und Delhi eigene Abgeordnete in das Oberhaus. Im Unterschied zur Lok Sabha kann die Rajya Sabha nicht aufgelöst werden. Die Amtsdauer der Abgeordneten beträgt sechs Jahre. Alle zwei Jahre muss sich jeweils ein Drittel zur Wahl stellen. Die Rajya Sabha ist am Gesetzgebungsprozess beteiligt, hat jedoch geringere Kompetenzen als die Lok Sabha und kann z.B. keinen Misstrauensantrag gegen die Regierung stellen.

Die Abgeordneten spielen in den Wahlkreisen eine zentrale Rolle, da sie als Ansprechpartner für die Probleme der Bürgerinnen und Bürger gesehen werden und nicht die oft ineffiziente Verwaltung. Zudem verfügen sie über umfangreiche eigene finanzielle Mittel zur Entwicklung ihrer Wahlkreise, die aber auch für politische Patronage zweckentfremdet wurden. Der soziale Wandel der indischen Gesellschaft schlägt sich in der veränderten sozialen Zusammensetzung des Parlaments nieder. Im ersten Parlament stellte die oberste Kaste der Brahmanen die größte Gruppe, heute sind es die mittleren Kasten der Other Backward Classes (OBC). Die zunehmende Bedeutung von Regionalparteien seit den 90er Jahren ist ebenfalls Ausdruck des sozialen Wandels in der indischen Gesellschaft.

2.3 Die Judikative[Bearbeiten]

Die Gerichtsbarkeit bildet die dritte Säule im System der Gewaltenteilung in der indischen Demokratie. Das angelsächsische Rechtsverständnis ist nach fast zweihundert Jahren britischen Einflusses zu einem Bestandteil der indischen Kultur geworden. Teile der Familiengesetzgebung (Personal Laws) orientieren sich aber z.B. bei Heirats-, Scheidungs- und Erbschaftsfragen an den Traditionen der jeweiligen Religionsgemeinschaft. An der Spitze der Gerichtsbarkeit steht der Oberste Gerichtshof (Supreme Court), der Hüter der Verfassung ist. Dem nachgeordnet sind die High Courts als höchste Instanzen in den Bundesstaaten. Der Streit über die Befugnisse der Exekutive und Judikative hat vor allem in der ersten Amtsperiode von Indira Gandhi Anfang der 70er Jahre das politische System nachhaltig geprägt. So setzte sich schließlich die Auffassung des Obersten Gerichts durch, dass die Struktur der Verfassung auch von parlamentarischen Mehrheiten nicht verändert werden kann.

Die Judikative hat durch das Instrument der Public Interest Litigation (PIL) in den letzten Jahren politisch an Bedeutung gewonnen. Der oberste Gerichtshof kann damit öffentliche Anliegen aufgreifen und entscheiden. So musste aufgrund eines solchen Urteils der öffentliche Nahverkehr in der Hauptstadt Neu Delhi aus Gründen des Umweltschutzes auf Gasbetrieb umgerüstet werden. Mittlerweile gibt es auch Kritik an diesem "juristischen Aktivismus", da die Gerichte keine ausreichende demokratische Legitimation haben und chronisch überlastet sind. Viele Verfahren erstrecken sich über mehr als zehn Jahre, so dass Rechtsstaatlichkeit vor allem für die ärmeren Bevölkerungsgruppen kaum gewährleistet ist.

2.4 Wahlen[Bearbeiten]

Die Indische Union verfügt über ein vergleichsweise einfaches Wahlsystem. In insgesamt 543 Einerwahlkreisen werden die Abgeordneten mit einfacher Mehrheit der Stimmen für das Parlament gewählt (First past the post system). Das Wahlalter liegt seit 1988 bei 18 Jahren, die durchschnittliche Wahlbeteiligung beträgt seit den ersten Wahlen 1951/52 ca. 60 Prozent. Damit liegt sie trotz einer Analphabetenrate von immer noch rund 30 Prozent in Indien höher als in den USA. Die mit dem Mehrheitswahlrecht einhergehenden Verzerrungen finden sich auch in Indien. Bei einer hohen Kandidatenkonkurrenz konnten Abgeordnete bereits mit 23 Prozent der abgegebenen Stimmen einen Sitz im Parlament erringen. Die Kongresspartei erreichte zwar nie mehr als 48 Prozent der Stimmen, doch konnte sie damit 1984 über 76 Prozent der Sitze im Parlament erringen. Wahlabsprachen sind deshalb für alle Parteien von Bedeutung, um die Chancen für ihre Kandidaten zu verbessern.

Wahlen in Indien stellen ein beträchtliches organisatorisches Unterfangen dar. Bei der Parlamentswahl 2009 registrierte die Wahlkommission insgesamt über 714 Millionen Wählerinnen und Wähler, die mit elektronischen Wahlmaschinen in über 828.000 Wahlstationen ihre Stimme abgeben konnten. Aufgrund der prekären Sicherheitslage in einigen Regionen werden die Wahlen in verschiedenen Phasen durchgeführt und erstrecken sich über mehrere Wochen. Trotz verschiedener Reformen bleibt die Wahlkampffinanzierung auch in Indien ein schwieriges Gebiet. Der oberste Gerichtshof hat zwar die Wahlkampfausgaben für die Kandidaten begrenzt, doch gibt es keine entsprechenden Regelungen für die Parteien und die Anhänger von Kandidaten. Angesichts der weit verbreiteten Korruption und politischen Patronage spielt Schwarzgeld eine wichtige Rolle in den Wahlkämpfen.

3 Wirtschaft[Bearbeiten]

Indien wird als einer der BRIC-Staaten (zusammen mit Brasilien, Russland und China) als neue Wirtschaftsmacht gesehen, die der Weltwirtschaft aus der Krise helfen soll. Der Beitrag untersucht, wie sich das Land nach Jahrzehnten bescheidenen Wachstums zum Hoffnungsträger entwickeln konnte. Die Wahrnehmung Indiens als Wirtschaftsmacht ist nämlich jüngeren Datums. Davor bestimmte der Versuch das koloniale Erbe zu überwinden den Aufbau einer gemischten, von internationalen Märkten weitestgehend abgekoppelten Wirtschaftsordnung sowie Indiens Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft.

Von der Wirtschaftsleistung betrachtet liegt Indien im internationalen Vergleich immer noch im untersten Drittel. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug im Jahr 2008 in Indien 1.043 US-Dollar. Damit liegt das Land auf Platz 131 bei 181 erfassten Staaten. Der Human Development Index (HDI) des Landes lag im selben Jahr bei 0,612. Damit liegt Indien im internationalen Vergleich auf Platz 134 von 182 erfassten Staaten. (aus Franziska Plümmer: Indien im Überblick / publiziert in Der Bürger im Staat, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 3/4- 2009, Seite 244)

Indien rühmt sich der zehntgrößte Industrieproduzent zu sein, ist aber noch immer eher ein Agrarland mit einer wachsenden Industrie. Diese hat einen Anteil am Inlandsprodukt von weniger als einem Viertel (2012-13). Sechs bis sieben Prozentpunkte davon entfallen auf das Baugewerbe und ein bis zwei Prozentpunkte auf den Bereich Energie, Gas und Wasser, so dass das verarbeitende Gewerbe lediglich einen Anteil von einem Sechstel zum Inlandsprodukt beisteuert. Rund zwei Drittel davon entfallen auf die "nicht registrierten" Betriebe des "nicht organisierten Sektors" mit jeweils wenigen Beschäftigten und einem geringen Umsatz. Sie sind der staatlichen Lenkung und Kontrolle weitgehend entzogen und Teil des "informelle Sektor", der von der amtlichen Statistik mangels Berichtspflicht mit pauschalen Ansätzen erfasst wird. Nur die registrierten Betriebe des verarbeitenden Gewerbes entsprechen unseren Vorstellungen von Industrie. Sie haben einen Anteil von etwa einem Zehntel am Inlandsprodukt.

3.1 Erwerbsquote[Bearbeiten]

Indiens Erwerbsquote, d. h. der Anteil der Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Arbeitslose) lag zuletzt bei nur 39 Prozent. Noch sind fast zwei Drittel der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, nur ein Sechstel in der Industrie und ein Fünftel im Dienstleistungsbereich beschäftigt. Nur 28 Millionen sind im "organisierten" Sektor, einschließlich des öffentlichen Dienstes, tätig, davon sind ein Fünftel weiblich. Der Strukturwandel in der Beschäftigung hinkt dem in der Wertschöpfung weit hinterher. Der IT-Bereich verdient zwar die meisten Devisen, beschäftigt aber direkt nur zwei bis drei Millionen und indirekt vielleicht 12 Millionen, während das Land jedes Jahr zusätzlich 10 Millionen neue Arbeitsplätze braucht.

Dem modernisierungstheoretischen Ansatz folgend, dass sich Staaten auf einem Pfad zur Entwicklung befänden, auf dem die Nachzügler sich beeilen, die entwickelten Staaten einzuholen, erwarten wir einen sektoralen Wandel, der nacheinander die Landwirtschaft, die Industrie und die Dienstleistungen als dominante Sektoren, gemessen an der Beschäftigung und – mit einiger Verzögerung – bei der Wirtschaftsleistung sieht. In der traditionell arbeitsteiligen Gesellschaften Indiens, wo die Kastenzugehörigkeit die Berufswahl bestimmt, kann man aber eine andere Entwicklung beobachten: Hier sind die Dienstleistungen (gemessen an der Wirtschaftsleistung) direkt an die erste Stelle gerückt; die Verteilung der Beschäftigten auf die drei Sektoren hat sich dagegen seit über einhundert Jahren kaum geändert. Trotzdem ist nicht zu erwarten, dass Indien die Phase der Industrialisierung überspringen und als Dienstleistungswirtschaft direkt in den Kreis der Schwellenländer oder "entwickelten" Wirtschaften aufsteigen könnte.

Dietmar Rothermund hat in seinen Schriften zur Wirtschaftsentwicklung Indiens darauf hingewiesen, wie die Industrie von der Kolonialregierung mehr behindert als befördert wurde. Kritiker werfen der Regierung des unabhängigen Indien vor, dass die Erfolge prestigeträchtiger Projekte der Rüstungs-, Weltraum- und Nukleartechnologie zu Lasten anderer Industriebereiche und der sozialen Entwicklung gingen. Auf jeden Fall spielt die Industrie in Indien nicht die Rolle, die die Unabhängigkeitskämpfer erhofft und erwartet hatten, und global gesehen hat Indien heute als Industrienation nicht im Entferntesten die Bedeutung, die der Einwohnerzahl von mehr als 1,21 Milliarden (Stand Volkszählung 2011) oder dem strategischen Gewicht einer Nuklearmacht entsprechen würde – weder vom Umfang und erst recht nicht vom Stand der Technik her. Diese Einschätzung wird durchaus von indischen Ökonomen geteilt. Die Tatsache, dass Indien auf anderen Gebieten viel erreicht hat, ist Anlass zu Optimismus auch für den Industriesektor. Hauptengpass ist die Infrastruktur. Zudem sind neue soziale Probleme entstanden, denen die Regierung Herr zu werden versucht, die jedoch nicht auf die Schnelle lösbar sind.

3.2 Internetwirtschaft[Bearbeiten]

Eine der grundlegenden Veränderungen im Indien des 21. Jahrhunderts ist die rasante Verbreitung des Internets. Cyber-Cafés wurden nicht nur in den Metropolen eröffnet, sondern auch in kleinen Städten und Dörfern. Schüler und Studenten begannen damit, Kontakte in der ganzen Welt zu knüpfen und die zahllosen Quellen des Wissen anzuzapfen. Landesgrenzen verschwanden. Inzwischen ist das Internet so allgegenwärtig, dass mehr und mehr junge Leute die virtuelle der realen Welt vorziehen und viel Ziel darin erbringen. Nach Angaben der International Telecommunication Union sind 40 Prozent aller Haushalte weltweit an des Internet angeschlossen. Mindestens 2,7 Milliarden Menschen sind online. In Indien gab es laut Erhebungen der Regierung Ende 2013 rund 239 Millionen Menschen, die einen Internetanschluss hatten. Bis Mitte 2014 soll diese Zahl auf 243 Millionen steigen, wodurch Indien die Vereinigten Staaten als weltweit zweitgrößten Internetnutzer nach China ablösen würde. "Das Internet hat sich in Indien etabliert", sagt Rajan Anandan, Vorsitzender des Branchenverbandes Internet Mobile Association of India (IAMAI).

Vor dem Internet hat bereits die Mobilfunkrevolution das Leben der Inder verändert, denn selbst abgelegene Orte wurden an das Netz angeschlossen. Nach Regierungsangaben sind inzwischen 873,3 Millionen Menschen in Besitz eines Handys (Stand Dezember 2013). Durch die Einführung von Smartphones können Nutzer heute rund um die Uhr mit der Welt in Verbindung treten, wobei mehr als 150 Millionen Inder bereits mobiles Internet nutzen. Ende 2014, so glauben Marktforscher, könnte diese Zahl auf 365 Millionen ansteigen. Immer mehr Inder nutzen Soziale Medien, und das Internet hat entscheidenden Einfluss darauf, wie Informationen und Wissen verbreitet und rezipiert werden. Laut einem Bericht der Zeitung Times of India nutzten Anfang 2014 rund 93 Millionen Inder Facebook, wobei sich 73 Millionen über Mobiltelefone und Tabletcomputer einloggten. Rund 33 Millionen Inder sind bei Twitter aktiv, 18 Millionen bei LinkedIn.

4 Quelle[Bearbeiten]

BPB Dossier Indien

5 Weblinks[Bearbeiten]

6 Andere Lexika[Bearbeiten]