Identitätsbewusstsein

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Der Begriff Identitätsbewusstsein bezieht sich meist auf die menschliche Person. Als Bewusstsein der eigenen Identität setzt es Gedächtnis und Erinnerung voraus und tritt etwa ab dem dritten oder vierten Lebensjahr in Erscheinung als Ichbewusstsein.

Dieses persönliche Identitätsbewusstsein wird von der Psychologie untersucht. Ein Identitätsbewusstsein größerer Menschengruppen (Kollektivbewusstsein) wie das von Nationen (Nationalbewusstsein) oder noch umfassenderer Verbände wie dem Römischen Reich, der hellenischen Welt oder neuerdings der Europäischen Union setzt wesentliche Gemeinsamkeiten voraus wie etwa gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur und Religion, eine gemeinsame Dynastie oder eine gemeinsame Geschichte.

Umgekehrt gilt, dass eine Geschichtsschreibung in der Regel nur für Verbände möglich ist, für die ein gewisses Identitätsbewusstsein besteht. Deshalb gibt es bisher eine ernstzunehmende Geschichte Europas zum Beispiel nur in der Geographie oder als Geschichte der Europäischen Einigung. Das wird auch im Artikel der deutschen Wikipedia zur Geschichte der Europäischen Union deutlich, in dem es hieß: „Die Geschichte der Europäischen Union ist bislang vor allem eine Geschichte der verschiedenen multilateralen Verträge.“[1]

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1 Entstehung von Identitätsbewusstsein

Identitätsbewusstsein vor einer Geschichtsschreibung kann durch einen gemeinsamen Mythos entstehen. Dazu kann die Tradition in Form einer schriftlichen Überlieferung wesentlich beitragen. Insofern haben etwa Homer mit Ilias und Odyssee und Herodot mit seiner Vereinheitlichung der Mythologie wesentlich zum griechischen Identitätsbewusstsein in der Antike beigetragen. Die Dynastie war eine entscheidende Triebkraft in Ägypten.

In den chinesischen Vorstellungen von den Urkaisern wird die Entstehung der menschlichen Zivilisation mit der Phase der Entstehung der eigenem politischen Einheit, des Reiches der Mitte, identifiziert. Im japanischen Anfangsmythos ist sogar die Entstehung der irdischen Welt identisch mit der Entstehung Japans.

Ein eigenes Problem stellt dabei die Beziehung zwischen der subjektiven Identität und der politischen Einheit als Staat dar. Ein intensiv diskutierter Fall ist die Entwicklung zum Heiligen Römischen Reich. Zu unterscheiden ist dabei ein organisches Wachstum und die durch äußere Umstände (zum Beispiel durch Krieg oder staatliche Maßnahmen) beförderte Entwicklung. Meist spielen beide Faktoren eine Rolle, wie sich am Beispiel der Ostfriesen und Bayern zeigt.

Der wohl komplexeste Fall ist der Übergang der Südslawen von Bürgern des Römischen Reiches zu Bewohnern des byzantinischen, dann über das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn (bis dahin durchweg von Vielvölkerstaaten) zu einem panslawistischen Großnationalismus, der nach dem Ersten Weltkrieg in die Bildung des Vielvölkerstaates Jugoslawien mündete, der seinerseits auseinanderbrach und erst über den Gründungsmythos des Partisanenkampfes unter Tito nach dem Zweiten Weltkrieg eine gewisse Beständigkeit erlangte.

Dabei spielten die Person Titos, gemeinsame Geschichte und andererseits eigenständige politische Rolle als einziges blockfreier Staat im kommunistischen Ostblock alle eine wichtige Rolle. Als sie mit Titos Tod und der Auflösung des Ostblocks verloren gehen, werden neue identitätsstiftende Mittel gesucht. Im Fall Sloweniens ist das relativ einfach, da die Sprache zu Hilfe kommt. Zwischen Serbien und Kroatien kann die Religion den Trennstrich ziehen, so dass aus überzeugten Jugoslawen durch Zwangstaufe Kroaten oder Serben werden, je nachdem, ob sie orthodox oder katholisch getauft worden sind.

Ähnliche Vorgänge gibt es Syrien und in Bosnien und Herzegowina, wo Familien auseinander gerissen werden und die Toleranz der unterschiedlichen Relgionen zerstört wird.

Die Nationalitätsbildung im Kosovo ist ähnlich schwer wie für die Palästinenser oder im Irak. Die Diktatur Saddam Husseins versuchte im Irak über ein gemeinsames Feindbild das Nationalbewusstsein zu stärken, was nach seinem Tod zunehmend durch religiöse und ethnische Trennungslinien gestört wird.

2 Gefahren eines falschen Identitätsbewusstseins

Mythos und Kunst, Glorifizierung und Geschichtspolitik können ein Identitätsbewusstsein schaffen, das unangenehme Wahrheiten ausblendet (Damnatio memoriae) oder verfälscht. Ein Beispiel ist der deutsche Nationalsozialismus. Salomon Korn formuliert diesen Gedanken auf die deutsche Identität bezogen wie folgt: Es gelte „sich eben nicht in eine nationale Identität zu flüchten, die zwangsläufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bedürfnisse hin verbiegen, relativieren und schließlich verfälschen muss“. Bewusste Erinnerungskultur kann solchen Gefahren entgegenwirken. Eine neuere Entwicklung, die sehr kritisch zu sehen ist, stellt sich oft als Identitäre Bewegung dar.

3 Person und Familie

Neben der politischen Form von Identitätsbewusstsein gibt es die persönliche und familiäre Identität, die über Erinnerung jeweils neu angelegt wird. Wichtig für die Erforschung dieses biografischen Ansatzes waren die Beiträge von Harald Welzer, der über die Wirksamkeit der Tradition oder deren Verleugnung in Familien forschte. Er fasste damit eine nur selten ausgesprochene Form der Vergangenheitsbewältigung in Worte: das absichtliche Verschweigen der eigenen Vergangenheit und seine negativen Folgen für den kollektiven Zusammenhalt. Das gleiche Thema wird literarisch dargestellt von Leslie Kaplan in dem in Frankreich spielenden Buch Fever.

4 Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Europ%C3%A4ischen_Union

5 Andere Lexika

  • Dieser Artikel wurde in der deutschen Wikipedia gelöscht.

Erster Autor: Cethegus angelegt am 20.02.2005, weitere Autoren: Gamma, Decius, Thomas Schulte im Walde, Timk70-Bot, XenonX3, DasBee, €pa, Jed, PDD, Franz Richter, Herr Andrax, KatBot, HaSee, Eisbaer44, Heurik, Gerd Roppelt, Dave81, Georg Messner, Zwobot, Träumer

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