Kryptojuden

Aus PlusPedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Länder mit einer kryptojudischen Tradition (Stand 2017)

Als Kryptojuden werden Konvertiten (und deren Nachkommen) bezeichnet, die sich entgegen ihres öffentlichen Religionsbekenntnisses weiterhin dem Judentum zugehörig fühlen. Häufig wird auch der Ausdruck "Anusim" (hebr. אנוסים, Plural von anús gezwungen) verwendet. Das ist eine juristisch-rabbinische Bezeichnung für Juden, die gegen ihren Willen zum Verlassen des Judentums gezwungen wurden und die, so weit ihnen das unter den repressiven Umständen möglich, das Judentum weiter praktizieren. Er leitet sich vom talmudischen Begriff abera be’ones (Traktat Avoda sara 54a) ab.

1 Christliche Kryptojuden[Bearbeiten]

Grabstein eines Kryptojuden mit hebräischer Schrift und christlichem Kreuz im Südwesten der USA

Die rabbinische Tradition unterteilt das europäische Judentum in Sepharad und Aschenas .

--> siehe Hauptstammlinien des euröpäischen Judentums

1.1 Sephardische Kryptojuden[Bearbeiten]

Als sephardisches Judentum werden Juden bezeichnet, die ihre Stammlinie auf Juden aus Portugal und Spanien, eventell auch Frankreich, zurückverfolgen können. Aufgrund eines Ediktes der spanischen Krone, wurden Juden gezwungen, entweder zum Christentum zu konvertieren oder Spanien zu verlassen. Mehr als 100.000 spanische Juden machten sich 1492 aufgrund dieser ethnischen Säuberung in Spanien auf den Weg ins Exil. Manche gingen zunächst nach Portugal, doch von dort wurden sie 1497 ebenfalls ausgewiesen. Die meisten flüchteten in die Länder der Levante, nach Nordafrika, und wieder andere in die Nordseehäfen Antwerpen und Amsterdam sowie nach Hamburg oder Italien. Der Hauptteil der Flüchtlinge fand im Osmanischen Reich eine neue Heimat.
Hinrichtung der vom Judentum zu Christentum konvertierten und des Rückfalls zum Judentum verdächtigten Francisca Nuñez de Carabajal am 8. Dezember 1596 in Mexiko City

1.1.1 Sephardische Kryptojuden in Europa[Bearbeiten]

Kryptojuden Land Beschreibung
Conversos Spanien und Portugal Als Converso (Pl. Conversos) wurden im spanischen und portugiesischen Sprachraum zum katholischen Christentum konvertierte Juden und deren Nachkommen bezeichnet. Konvertiten aus der maurischen Bevölkerung, die vom Islam zum Katholizismus konvertierten, wurden dagegen als Moriscos (zu Deutsch: Morisken) bezeichnet.
Marranen Spanien Marranen oder Marranos (Erläuterung siehe unten), auch Conversos oder Neuchristen (span. cristianos nuevos, port. cristãos-novos), sind iberische Juden und deren Nachkommen, die unter Zwang oder schwerem Druck zum Christentum bekehrt wurden. Oft wurde ihnen vorgeworfen, als Kryptojuden weiterhin jüdische Riten zu praktizieren. Der Begriff tauchte erstmals im spätmittelalterlichen Spanien auf.[1]
Xueta Mallorca, Spanien Die Xuetas sind eine soziale Gruppe auf der spanischen Insel Mallorca. Sie sind Nachfahren der zum Christentum übergetretenen mallorquinischen Juden. Über den gesamten Zeitraum seit dem Übertritt zum Christentum haben sie ein kollektives Bewusstsein über ihre Abstammung erhalten. Denn sie tragen einen der Nachnamen konvertierter Familien, die durch die Inquisition wegen heimlicher Ausübung des jüdischen Glaubens im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts verfolgt wurden. Historisch gesehen sind sie stigmatisiert worden und mussten isoliert leben. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Familien nur innerhalb der Gruppe geheiratet. Heute tragen zirka 18.000 bis 20.000 Personen auf Mallorca einen der Xueta-Nachnamen.[2]

1.1.2 Sephardische Kryptojuden in New Mexiko[Bearbeiten]

Aufgrund eines Ediktes der spanischen Krone, wurden sephardische Juden gezwungen, entweder zum Christentum zu konvertieren oder Spanien zu verlassen. Viele ließen sich taufen und wanderten von Spanien nach Lateinamerika (Süd-, Mittelamerika mit New Mexiko und Californien)) aus. Besonders in die Region New Mexiko wanderten viele Kryptojuden ein. Dieses Kryptojudentum wird seid ungefähr 15 Jahren wissenschaftlich untersucht.[3]

1.2 Aschkenasische Juden[Bearbeiten]

Als aschkenasische Juden werden Juden bezeichnet, die ihre Stammlinie auf Juden östlich des Rheins zurückverfolgen können. Die Bezeichnung stammt vom biblischen Personen- und Gebietsnamen Aschkenas. Im 9. Jahrhundert etablierten Juden, die in nicht römanische, wie z. B. dem östlichen Teil des Heiligen Römisches Reiches, eingewanderte sind, den Begriff Aschkenas als jüdische Kennzeichnung der jüdischen Stammlinie.

Im Gegensatz zum sephardisches Kryptojudentum wurde das aschkenasische Kryptojudentum bis Dato noch nicht wissenschaftlich erforscht.

1.3 Aschkenasische Kryptojuden[Bearbeiten]

1.3.1 Aschkenasische Kryptojuden in Deutschland[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu Spanien bestand für die Juden im Heiligen Römischen Reich die Möglichkeit sich entweder taufen zu lassen oder in einen anderen Reichsteil des Heiligen Römischen Reiches anzusiedeln. Im Gegensatz zu Spanien bestand für Juden in Deutschland darin, bei einem judenfeindlichen Edikt, welches z. B. Juden des Kurfürstentum Bayerns verwies, sich hiernach z. B. in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt anzusiedeln. Aber auch, wie in Spanien oder Portugal, im Kurfürstentum Bayern als Kryptojuden zu leben. Somit bestand für das Judentum im Heiligen Römischen Reich immer die Wahl, dem Judentum treu zu bleiben oder als getaufte Juden das Judentum nicht mehr öffentlich zu leben. Zum Beispiel bestand für die jüdisch/kryptojüdische Familie Lindauer die Möglichkeit, dass die heutige namensgebende jüdische Stammfamilie der Lindauers aus Jebenhausen, in Jebenhausen weiterhin das Judentum im Deutschen Reich praktizieren konnten. Hingegen konnten die meisten anderen Stammlinien der Lindauers den jüdischen Glauben nicht mehr offen praktizieren. Kennzeichen dieser Ausformung dieses christlichen Krypto-Judentums in Deutschland ist, dass kryptojüdische Männer nur Frauen mit jüdischen Vorfahren heirateten. Welche weiteren Kennzeichen das Kryptojudentum in Deutschland hatte, ist nicht bekannt.

Desweiteren zeigte sich, dass beispielsweise die jüdisch/kryptojüdische Familie Lindauer versuchte, in den USA das Judentum wieder offen leben zu können. Aus Schweiz und Deutschland wanderten Lindauers nach Indiana aus. Evangelische Lindauers aus St. Einsiedeln (Schweiz) gründeten Tell City mit. Einer Ortschaft, direkt am Ohio-River, wobei die katholischen Lindauers von Dudenhofen (Speyer)30 Kilometer vom Ohio-River, in der Nähe von Tell City 1844 Mariah Hill gründeten. Nach der Gründung von Mariah Hill zog der Jude Josef Lindauer von der jüdischen Stammfamilie der Lindauers aus Jebenhausen nach Mariah Hill. Genauso wie in Deutschland, heirateten die männlichen katholischen Lindauers in Indiana bis Mitte des 20. Jahrhunderts weiterhin Frauen mit jüdischen Vorfahren.

--> siehe Stammlinie der jüdischen Familie Lindauer

1.4 (Krypto)Juden in Russland[Bearbeiten]

Eine Sonderform des Kryptojudentums ist das Judentum mit einer christlichen Ausprägung. Eine dieser Varianten ist das messianische (Krypto)Judentum. Das z. B. aus Russland stammende messianische (Krypto)Judentum erlaubte es, bei der Anerkennung des Christentums, weitgehend das Judentum mit seinen Traditionen zu pflegen. Kennzeichen des messianische (Krypto)Judentums ist auch, dass diese (Krypto)Juden Mitglied einer christlichen seid mehren Generationen sind. Sowohl in der russisch-orthodoxen Kirche wie auch in der katholischen Kirche, vor allem aber in der protestantischen Kirche gibt bzw. gab, bzw. gibt es verschiedenste Ausprägungen des messianische (Krypto)Judentums. Das messianische (Krypto)Judentum unterscheidet bzw. unterschied sich in den gottesdienstlichen Formen und im Festkalender vom traditionellen Christentum, im theologischen Grundgehalt vor allem beim Thema "Thoraobservanz".

Bekannt ist, aufgrund einer von den Nationalsozialisten geführte Kartei, dass es 1933 etwa eine halbe Million Menschen gab, die als "nichtarische Christen", als Christen jüdischer Herkunft, nach Nürnberger Gesetzen klassifiziert wurden.[4]

2 Moslemische Kryptojuden[Bearbeiten]

Für Kryptojuden im islamischen Raum wird keine einheitliche Gruppenbezeichnung verwendet.[5] Im 19. Jahrhundert wurde in Maschad (Persien) eine Gruppe zwangsbekehrter Juden unter dem Namen Jadid al-Islam („Neulinge im Islam“) bekannt.

Kryptojuden Land Beschreibung
Dönme Türkei Die Dönme (osmanisch دونمه, „Konvertit“) sind die Mitglieder einer kryptojüdischen kabbalistischen Religionsgemeinschaft in der Türkei, die ein Zweig des Sabbatianismus sind. Ihre Zahl wird auf 30.000 bis 40.000 Mitglieder geschätzt. Nach außen hin praktizieren sie den Islam. Die Gemeinschaft geht auf Schabbtai Zvi (1626–1676) zurück, dessen Tradition einige hundert Familien nach seinem Tod weiterführten. 1683 kam es in Saloniki zu einer Massenkonversion, wodurch die Stadt zum Zentrum des Kults wurde.
Kryptojuden in Afghanistan Afghanistan Viele Juden waren in Afghanistan gezwungen, ihre Identität versteckt zu halten. Seit 1870 waren die Juden Verfolgungen seitens der afghanischen Behörden ausgesetzt, die sie zu vertreiben suchte. Bis 1948 verließen ca. 5000 Juden das Land, und nachdem ihnen 1951 die Auswanderung gestattet wurde, zogen die meisten nach Israel. Gegenwärtig leben mehr als 10.000 Juden afghanischer Herkunft in Israel.

3 Literatur[Bearbeiten]

Deutsch
  • Robert Brockmann, Genealogisches Handbuch zur Dekodierung von jüdischen Namen, sowie die Bedeutung der Rekonstruierung der jüdischen Stammeslinien für die Wissenschaft, Erscheinungsdatum: 11.02.2017, ISBN 978-3-7418-9152-6
  • Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51074-4, (Beck'sche Reihe 1572).
Englisch
  • Miriam Bodian: Dying in the law of Moses. Crypto-Jewish martyrdom in the Iberian world. Indiana University Press, Bloomington IN 2007, ISBN 978-0-253-34861-6, (The modern Jewish experience).
  • David Martin Gitlitz: Secrecy and Deceit. The Religion of the Crypto-Jews. Jewish Publication Society, Philadelphia PA 1996, ISBN 0-8276-0562-5, (Auch: University of New Mexico Press, Albuquerque NM 2002, ISBN 0-8263-2813-X, (Jewish Latin America)).
  • Janet Liebman Jacobs: Hidden Heritage. The Legacy of the Crypto-Jews. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2002, ISBN 0-520-23346-8.
  • Renée Levine Melammed: Heretics or daughters of Israel? The crypto-Jewish women of Castile. Oxford University Press, New York NY u. a. 1999, ISBN 0-19-509580-4.

4 Weblinks[Bearbeiten]

5 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erste schriftliche Erwähnung um 1380. Norman Roth 2002. S. 3 f.
  2. Schätzung basierend auf Daten des Instituto Nacional de Estadística de España auf den Balearen.
  3. Amy Klein: Auf dem Heimweg: Immer mehr Menschen hispanischer Herkunft entdecken ihre jüdischen Wurzeln, Jüdische Allgemeine am 3. Dezember 2009
  4.  Deborah Hertz: Wie Juden Deutsche wurden. Die Welt jüdischer Konvertiten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2010, ISBN 978-3-593-39170-0, S. 28.
  5. Maurus Reinkowski: Kryptojuden und Kryptochristen im Islam. In: Saeculum 54 (2003), S. 13 - 37