Opfermythos

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Als Opfermythos werden Erzählungen (gängige Sichtweisen auf historische oder aktuelle Tatsachen) bezeichnet, die von einem Kollektiv (Volk, soziale Gruppen, Religionsgemeinschaft usw.) zu seiner Selbstdarstellung als Opfer verwendet werden. Dabei soll der Begriff Mythos die Erzählung häufig bloßzustellen, weil sie nicht der historischen Wahrheit entspreche. Mythos kann hier aber auch neutral im Sinne der Mythologie verstanden werden.

1 Psychologische Deutung

Das Selbstverständnis vieler Kollektive wird durch die - tatsächliche oder eingebildete - eigene Rolle als Opfer in der Geschichte geprägt. Dieses kollektive Gefühl, Opfer von anderen Mächten im Verlauf der Geschichte gewesen zu sein, kann den Umgang mit Niederlagen und Verlusten erleichtern. Es kann aber auch zu einer Abwehrhaltung führen, die es den Mitgliedern dieser Gruppen erschwert, sich unbefangen mit der eigenen Rolle in der Geschichte und der Gegenwart auseinanderzusetzen. Opfermythen sind beliebt bei Personen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur. Aus einer Art von „schlechter Gewohnheit“ heraus überlässt man die Verantwortung für das eigene Schicksal anderen. Das belegt unter anderem die starke Affinität poltischer Theoriebildung zu Opfermythen jeder Art. Ein Opfermythos ist die „Gefahr der Überfremdung“ oder auch die Niederlage in einem Krieg. Grundsätzlich kommt dem Opfermythos eine zentrale Bedeutung in der Schuldabwehr zu.[1]

2 Deutschland

In Deutschland spielten und spielen Opfermythen immer wieder eine zentrale Rolle in der Geschichtsbetrachtung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam hier dem Antisemitismus[2] eine große Bedeutung zu: Von wirtschaftlicher Not bis hin zu politischer Instabilität wurde alles, was nicht so recht funktionieren wollte, einer „Weltverschwörung“ zugeschrieben.[3] Kapitalismus und Kommunismus wurden so „entlarvt“ als vermeintliche Produkte jüdischer „Zersetzungsarbeit“. Einen weiteren großen Opfermythos jener Zeit bildete die sogenannte Dolchstoßlegende[4] im Zusammenhang mit der Novemberrevolution 1918, wobei die hier ausgemachten Täter als Kommunisten der zuvor beschriebenen umfassenden jüdischen „Weltverschwörung“ zugerechnet wurden. Nach 1945 ging die Produktion der Opfermythen weiter, viele Deutsche stellten sich als Verführte, als Opfer der Nazis dar. Vor allem in den östlichen Bundesländern ist der Mythos beliebt, wonach der im Kern vorgeblich gerechte Sozialismus und die angeblich vorbildichen volkseigenen Betriebe nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 vom Kapitalismus und dem „bösen Westen“ systematisch kaputt gemacht worden wären. Weitere beliebte Opfermythen, die in den letzten Jahren auch immer wieder für Diskussion sorgten, sind der Bombenkrieg der Alliierten, die Vertreibung und der Winter 1946.

Sich als Opfer der aus dem Holocaust erwachsenen Schuld zu sehen, ist einer der aktuelleren deutschen Opfermythen. Ein Beispiel für solche Mythenbildung ist der von Martin Walser lancierte Begriff der „Auschwitz-Keule“. Um diese Vorstellungen zu belegen, wird auch gerne die Politik Israels im Nahostkonflikt herangezogen. Die wohl bizarrste Ausprägung in dieser Richtung bildet die Holocaustleugnung. Immer wieder versuchen nationalistisch motivierte Autoren, mit dem Verweis auf deutsche Opfer die Täterschaft der Deutschen im Nationalsozialismus zu relativieren, um so das Bild von Deutschland geradezurücken. Meist geben sich die Vertreter solcher Richtungen als unverstandene Aufklärer und abseits stehende Opfer von Zensur. Mit solcher Selbststilisierung wird ein privater Opfermythos entworfen, zusätzlich als Beleg für die vertretenen Thesen herangezogen wird.

3 Österreich

Österreichs traditionelles Verständnis als erstes Opfer des Nationalsozialismus seit dem Anschluss an Deutschland 1938 kann man in diesem Zusammenhang auch als einen solchen Opfermythos sehen, mit der die Betroffenen jahrelang die Aufarbeitung der eigenen Mitverantwortung abwehrten. Zumindest von offizieller Seite hat man sich davon in den letzten Jahren mehrheitlich abgesagt.

4 Muslimische Welt

Viele Muslime stilisieren sich als permanente Opfer der westlich-christlichen Gesellschaft und sehen sich und ihren muslimischen Glauben überall von Rassisten, Imperialisten, Zionisten, den USA oder christlichen Kreuzrittern angegriffen, anstatt die Gründe für persönliches oder gesamtgesellschaftliches Scheitern in der Rückschrittlichkeit des islamischen Glaubens und der arabischen Kultur, der Gewaltaffinität der arabischen Gesellschaften sowie der Korruption ihrer Eliten zu suchen.

5 Afrika

Ein weiterer, auch in Europa gepflegter Opfermythos ist die Behauptung, die wirtschaftliche und politische Misere der Länder Afrikas sei auf die Herrschaft der europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert sowie vorgebliche aktuelle Ausbeutung durch die westliche Welt zurückzuführen und nicht auf das Versagen der afrikanischen Gesellschaften und ihrer Eliten.

6 Israel

Die Generation von Juden, die nach 1945 nach Israel einwanderte, hat den Holocaust teilweise als ihren Opfermythos instrumentalisiert. Seit der Staatsgründung Israels haben die Sabres das immer wieder kritisiert.[5] Andere Ereignisse aus der Geschichte des Judentums, zum Beispiel die Babylonische Gefangenschaft, gelten traditionell bis heute als Opfermythen und sind weniger umstritten. Im Nahostkonflikt wird die Opferrolle der Palästinenser dagegen oft von arabischen Ländern genutzt, um eine Politik gegen Israel zu rechtfertigen.

7 Sozialpsychologische Bewertung

Die gereifte Persönlichkeit versteht das Zusammenspiel von Opfer und Täter und kann somit beide Positionen einnehmen. Einseitige Betrachtungsweisen, in denen jemand immer nur Täter oder nur Opfer ist, weisen auf eine mangelnde psychische Integration hin. Der Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle und umgekehrt ist häufig zu beobachten: Wer sich nachweislich in einer Opferrolle befindet, wird z.B. von staatlicher Seite unterstützt; wer hingegen nachweislich Täter ist, wird geächtet. Gesellschaftlich unterstützte Opfer gelangen somit wieder in eine Machtposition, die sie durch wiederholten Hinweis auf ihre Opferrolle erhalten, während Täter durch mangelnde gesellschaftliche Unterstützung zu Opfern werden. Jeder Mensch muss sich sowohl als Täter als auch als Opfer wahrnehmen können. Damit verbunden ist eine notwendige Verarbeitung eigener Schuldgefühle.

8 Siehe auch

9 Quellen

  • Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer, Frankfurt am Main
  • Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt 1987
  • Wolfgang Benz: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus. München 2001

10 Einzelnachweise

  1. Vortrag auf der 10. Arbeitstagung der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Landau 2009: Schuldneigungen: Voraussetzungen und Folgen
  2. http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus
  3. Beispiel Verschwörungsideologien auf www.belltower.news
  4. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/dolchstosslegende.htm
  5. http://www.zeit.de/1995/21/Wie_in_der_Hitlerjugend/seite-2