Anetta Kahane

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Profil.png Profil: Kahane, Anetta
Beruf Journalistin
Persönliche Daten
25. Juli 1954
Ost-Berlin


Datei:Birlikte - Podiumsdiskussion-0454.jpg
Anetta Kahane, Podiumsdiskussion am 9. Juni 2014 im Rahmen des Kulturfestes „Birlikte – 10 Jahre nach dem Nagelbombenanschlag in der Keupstraße“

Anetta Kahane (* 1954 in Ost-Berlin/DDR) ist eine deutsche Journalistin, ehemalige Mitarbeiterin des DDR-Staatssicherheitsdienstes (Stasi), Gegen-Rechts-Aktivistin und Mitbegründerin und hauptamtliche Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

1 Leben

1.1 Familie, Ausbildung und Weltanschauung

Anetta Kahane wuchs im Stadtbezirk Pankow auf.[1][2] Sie ist die Tochter des Journalisten Max Kahane und der Künstlerin Doris Kahane, beide aus jüdischen Familien. Religion spielte in ihrer Familie jedoch keine Rolle. Ihr Vater war bekennender Kommunist, der vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland fliehen musste. Ihre Eltern waren in der Résistance und überlebten im Exil. Ihr Bruder ist der Filmregisseur Peter Kahane. Als sie drei Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie für drei Jahre nach Neu-Delhi, wo ihr Vater als Auslandskorrespondent für DDR-Zeitungen arbeitete.[3] 1963 war sie mit ihren Eltern eine Zeit lang in Brasilien.[4][1] Bis zu ihrer Ausreise lebte sie in der DDR.

Sie studierte Lateinamerikanistik an der Universität Rostock. Nach dem Diplomabschluss arbeitete sie als Portugiesisch-Lehrerin an der Humboldt-Universität, dann als freie Literaturübersetzerin[5] und Dolmetscherin.

Kahane fand in ihrer Jugend zum jüdischen Glauben.[6] Über Antisemitismus in der DDR sagte sie in einem Interview: „Alles Jüdische, einschließlich der Judenfeindschaft, war dort ein Tabu […] Man hat das Thema quasi unsichtbar gemacht. Und damit den Bürgern die Möglichkeit genommen, sich mit Juden auseinanderzusetzen. Der Antisemitismus, den es in der DDR auf jeden Fall gab, war sehr subtil und trat vorrangig durch politische, kulturelle und israelfeindliche Stereotype zutage.“[7] Zu ihrem Verhältnis zum Judentum und zu Deutschland erklärte sie 2004: „Der zentrale Gedanke des Judentums ist, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen – ohne zu missionieren. Meine Schwierigkeit war und ist es, einen Ort im Täterland zu finden. […] Gerechtigkeit ist das oberste Gebot im Judentum. Sobald ich aktiv werden konnte – mit der Wende –, habe ich das gemacht. Und ich werde es weiter tun.“[1]

1.2 Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi bis 1982, Ausreiseantrag 1986

Nach der Flucht ihrer Freundin Dominique[8] – Anetta Kahane hatte gerade Abitur gemacht und wollte studieren – wurde sie 1973 von der Stasi zunächst verhört und dann als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) geführt. Kahanes Stasi-Akte umfasst knapp 800 Seiten. Laut Medienberichten notierte ihr Führungsoffizier zu Beginn ihrer Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, dass sie bereits beim zweiten Treffen „ehrlich und zuverlässig“ berichtet habe.[9] Kahane belastete Dutzende Personen aus ihrem Umfeld, darunter viele Künstler, die sie im privaten Rahmen aushorchte, beispielsweise während einer Faschingsfeier, einer Hochzeit, eines Konzerts oder eines Stadtbummels. Sie berichtete etwa über einen ZDF-Reporter, Studenten Westberliner Universitäten sowie über in der DDR lebende Ausländer. In einem Bericht von 1976 über einen Kreis von Schriftstellern und Schauspielern heißt es beispielsweise: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“[10]

1982, nach ihrer Rückkehr aus Mosambik, wo sie als Übersetzerin gearbeitet hatte, brach Kahane jedoch die Zusammenarbeit mit dem MfS selbst ab. Sie wurde daraufhin von der Reisekaderliste gestrichen. Peter Schneider zufolge wurde das Versagen des ostdeutschen Antifaschismus von nun an ihr Leitmotiv.[11] 1986 stellte sie einen Ausreiseantrag.[9]

2012 bestellte Kahane eine gutachterliche Stellungnahme bei dem Politikwissenschaftler und ehemaligen Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90 des Landtag Brandenburgs, Helmut Müller-Enbergs, um zu prüfen, ob im Rahmen ihrer Kooperation mit der DDR-Staatssicherheit Dritte „durch ihre Gespräche mit dem MfS einen Nachteil gehabt“ hätten.[12] Grundlage für die Prüfung waren von Kahane selbst zur Verfügung gestellte Akten, teils in Auszügen, teils vollumfänglich, persönliche Tagebücher, Korrespondenz, Fotos, sowie vom Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zur Verfügung gestellte Dokumente. Außerdem gab es viele Gespräche mit dem Sachverständigen. Laut Gutachten enthielten die vorgelegten Unterlagen keine Indizien, dass sie mit ihrer IM-Tätigkeit Dritten geschadet habe, wobei der Autor voranstellt, „dass Informationen, gleich – welcher Art und Umfang – per se das Risiko enthalten konnten, Dritte zu benachteiligen“.[12]

1.3 Berufstätigkeit nach der Wende und Engagement gegen Rechtsextremismus

Während der politischen Wende in der DDR wurde Kahane erste und zugleich letzte Ausländerbeauftragte des Magistrats von Berlin. 1991 gründete Kahane die Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA e.V.), deren Hauptbetätigung die Unterstützung und Trägerschaft verschiedener interkultureller Projekte in Schulen und im Schulumfeld ist. Im gleichen Jahr erhielt sie die Theodor-Heuss-Medaille stellvertretend mit anderen für „Die friedlichen Demonstranten des Herbstes 1989 in der damaligen DDR“.[13] Seit 1997 ist sie Mitglied im Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung.

1998 war sie als Stiftungsratvorsitzende an der Gründung der Amadeu Antonio Stiftung beteiligt. Seit 2003 ist sie hauptamtliche Vorsitzende der Stiftung. Für ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus erhielt sie 2002 den Moses-Mendelssohn-Preis.[14]

2002 war Kahane als Nachfolgerin von Barbara John als Ausländerbeauftragte des Berliner Senats im Gespräch.[9] Erst im Zuge einer obligatorischen Überprüfung im Zusammenhang mit ihrer geplanten Tätigkeit wurde bekannt, dass sie von 1974 bis 1982 unter dem Decknamen „Victoria“ Inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen war.[15] Nach Bekanntwerden ihrer IM-Tätigkeit teilte sie mit, dass sie für das Amt nicht zur Verfügung stehe. In ihrem 2004 erschienenen autobiografischen Buch Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten berichtet Anetta Kahane ausführlich über ihre Stasi-Tätigkeit[16] und ihren Bruch mit der DDR.[2]

2015 gehörte Kahane zusammen mit Deidre Berger[17], Micha Brumlik, Stephan J. Kramer und Julius H. Schoeps zu den Gründern des „Netzwerks zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus“ (NEBA) mit dem Ziel jüdische Perspektiven zum Thema Antisemitismus zum Ausdruck zu bringen.[18] Gegenüber der Jüdischen Allgemeine sagte Kahane: „Wir wollen nicht nur über muslimischen Antisemitismus sprechen, sondern über die gesamte Judenfeindschaft, die aus allen Ecken und Enden hervorkriecht.“[19]

Kahane betrachtete 2015 den Umstand, dass in Ostdeutschland nur wenige Menschen leben, „die sichtbar Minderheiten angehören, die zum Beispiel schwarz sind“, als problematisch und bezeichnet es als „die größte Bankrotterklärung der deutschen Politik nach der Wende“, dass diese zugelassen habe, „dass ein Drittel des Staatsgebiets weiß blieb“.[20] Die Tatsache, dass es in weiten Teilen Ostdeutschlands keine sichtbaren Minderheiten gebe, bewirke dort „mehr Unerfahrenheit mit Fremden, mehr Abwehr“.[20][21] Kahane unterstützte damit explizit Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann, der vorschlug, mehr Flüchtlinge in östlichen Bundesländern unterzubringen. Der Osten müsse „emotional, kulturell“ erneuert werden, so Kahane.[20]

1.4 Rechte Angriffe gegen Kahane

2016 wurde Kahanes IM-Vergangenheit monatelang von Rechtsextremen für – zum Teil antisemitische – Hetzangriffe bis zu Morddrohungen gegen Kahane kampagnenartig instrumentalisiert.[22] Kahane und die Stiftung schalteten Polizei und Justiz ein.[22][23] Kahane verwies auf Müller-Enbergs Stellungnahme, demnach die Akten über sie keine Indizien dafür enthielten, dass sie mit ihrer IM-Tätigkeit Dritten geschadet habe. Sie betonte zudem, sie habe ihre Vergangenheit stets öffentlich gemacht und nie beschönigt.[24] Hintergrund der Attacken sei laut der Süddeutschen Zeitung, dass die Antonio Amadeu Stiftung Teil der von Bundesjustizminister Heiko Maas ins Leben gerufenen Task-Force zum „Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften im Internet“ ist.[22]

2 Veröffentlichungen

Buchbeiträge

  • Ich durfte, die anderen mußten … In: Vincent von Wroblewsky (Hrsg.): Zwischen Thora und Trabant. Juden in der DDR. Aufbau-Verlag, Berlin, 1993, ISBN 3-7466-7011-X, S. 124–144
  • Jude zu sein, ist in Deutschland ein Beruf. In: Elmar Balster (Hrsg.): Augenblicke. Portraits von Juden in Deutschland. Mosse Verlagshaus, Berlin 2003, ISBN 3-935097-08-5, S. 45–47
  • Der Partisan aus Chemnitz. In: Gisela Dachs (Hrsg.) im Auftrag des Leo-Baeck-Instituts Jerusalem: Proteste. Jüdische Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-633-54261-1, S. 59–71

2.1 Zitate

  • "Aus diesem Grund gibt es im Osten des Landes noch immer weniger als 1% sichtbare Minoritäten und somit kann man sagen, dass dieser Teil des Landes weiß geblieben ist. Nicht nur “ausländerfrei”, sondern weiß. Bis heute ist es anstrengend, schwierig, mühsam bis unmöglich die lokalen Autoritäten davon zu überzeugen, dass dieser Zustand ein Problem ist, gegen das sie aktiv werden sollten."[21]

3 Auszeichnungen

(Zum Zeitpunkt beider Ehrungen war Kahanes Stasi-Tätigkeit noch nicht publik)[15]

4 Weblinks

 Commons: Anetta Kahane – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

5 Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Sabine am Orde: „Ich war nicht gemacht für die DDR“: Anetta Kahane. taz, 30. August 2004, abgerufen am 25. Juli 2016.
  2. 2,0 2,1 Martin Jander: Anetta Kahane über verdrängten Nationalsozialismus und Rassismus in der DDR. HaGalil, 18. Juli 2004, abgerufen am 29. Juli 2016.
  3. Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst, S. 5
  4. Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst, S. 21ff
  5. Sechs Jahre IM. Der Tagesspiegel, 10. Oktober 2002, abgerufen am 23. Juli 2016.
  6. Micha Brumlik: Iphigenie in der Uckermark. taz, 26.Juni 2004, abgerufen am 25. Juli 2016.
  7. Katrin Richter: Interview: „Alles Jüdische war in der DDR ein Tabu“. Jüdische Allgemeine, 23. Dezember 2010, abgerufen am 16. August 2016.
  8. Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst, S. 65–69.
  9. 9,0 9,1 9,2 Thomas Rogalla: Eine Stasi-Debatte, die nicht beendet wurde. In: Berliner Zeitung, 2. Februar 2003, abgerufen am 15. Juli 2016.
  10. Birthler-Behörde ließ Stasi-Spitzel einladen. In: Die Welt, 25. September 2007, abgerufen am 15. Juli 2016.
  11. Peter Schneider: Anetta Kahane and the Amadeo Antonio Foundation, in ders.: Berlin Now. The City After the Wall, Farrar, Straus and Giroux, New York 2014, ISBN 978-0-374-25484-1, S. 216-226 (engl.) S. 219.
  12. 12,0 12,1 Helmut Müller-Enbergs: Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit. Amadeu Antonio Stiftung, 26. November 2014. Archiviert vom Original am 2016-04-27. Abgerufen am 15. Juli 2016. (PDF; 7,4 MB)
  13. Theodor Heuss Preis 1991: Die friedlichen Demonstranten des Herbstes 1989 in der damaligen DDR. Theodor-Heuss-Stiftung, 1991. Abgerufen am 16. Juli 2016. (PDF; 4,1 MB)
  14. Moses-Mendelssohn-Preis 2002 an Anetta Kahane. Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, 2002-07-04. Abgerufen am 15. Juli 2016.
  15. 15,0 15,1 Uwe Müller: Birthler-Behörde ließ Stasi-Spitzel einladen. In: Die Welt, 25. September 2007, abgerufen am 15. Juli 2016.
  16. Klaus Pokatzky: Anetta Kahane. Unbeirrbares Engagement gegen rechten Hass. Deutschlandradio Kultur, 6. Juni 2016, abgerufen am 29. Juli 2016.
  17. Deidre Berger (Director). Website des American Jewish Committee Berlin, abgerufen am 29. Juli 2016. Berger ist seit 2000 Direktorin AJC.
  18. Antisemitismus-Experten geben Gründung von Netzwerk bekannt. haGalil, 26. Februar 2015, abgerufen am 29. Juli 2016.
  19. Martin Krauss: „Einen anderen Akzent setzen“. Neues Netzwerk will Antisemitismus erforschen und bekämpfen. Jüdische Allgemeine, 5. März 2015, abgerufen am 29. Juli 2016.
  20. 20,0 20,1 20,2 Andrea Dernbach, Cordula Eubel: Flüchtlinge in Deutschland: „Es ist Zeit für einen neuen Aufbau Ost“. In: Der Tagesspiegel, 15. Juli 2015, abgerufen am 15. Juli 2016.
  21. 21,0 21,1 Anetta Kahane: Der Brand, der nie gelöscht wurde. Publikative.org, 2. August 2012, abgerufen am 15. Juli 2016.
  22. 22,0 22,1 22,2 Hanna Spanhel: Rechtsextremismus. Wenn Helfer Opfer rechter Übergriffe werden. Süddeutsche Zeitung, 26. April 2016, abgerufen am 29. Juli 2016.
  23. Frank Jansen: Stasi-Vorwürfe und Gewaltandrohung. Rechtsextreme Hasswelle gegen Amadeu-Antonio-Stiftung. Der Tagesspiegel, 25. April 2016, abgerufen am 29. Juli 2016.
  24. Rechtsextreme Kampagne gegen die Amadeu Antonio Stiftung. Pressemitteilung der Amadeu Antonio Stiftung auf Netz gegen Nazis, 25. April 2016, abgerufen am 29. Juli 2016.
    Konrad Litschko: Hetze: Drohungen im Netz, Kleber an der Tür. In: taz vom 26. April 2016, S. 7.

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