Rassentheorie

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Die Entwicklung der Menschheit nach Cavalli-Sforza

Rassentheorien gehen unter anderem davon aus, dass die Menschheit aus verschiedenen Rassen entstanden ist. Sie waren vor allem im 19. und im frühen 20. Jahrhundert sehr einflussreich, gelten aber heute teilweise als überholt. Es handelt sich meist um wissenschaftlich begründete Theorie, die sich aber von einer Rassenlehre unterscheiden.

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1 Entwicklung der Theorien

Die Menschenrassen wurden zunächst - ähnlich wie die Rassen im Tierreich - aufgrund äußerlicher (phänotypischer) Merkmale wie Hautfarbe, Körperbau, Behaarung und Schädelform unterschieden. Später kamen sprachliche und kulturelle Merkmale hinzu. Häufig wurden zusätzliche Unterschiede im Charakter und den geistigen Fähigkeiten (Intelligenz) angenommen bzw. behauptet. Bereits der Philosoph Immanuel Kant hat im 18. Jahrhundert das Wort Race in diesem Sinne verwendet. Die anfänglich sehr oberflächliche Betrachtung wurde durch die systematische Völkerkunde (später Ethnologie genannt) weiterentwickelt. Bekannte Rassentheoretiker im 20. Jahrhundert waren Felix von Luschan und Eugen Fischer (Mediziner).

Carl von Linné: Die Rassen des Menschen - eine Darstellung aus dem Jahre 1735

Als fachliche Autorität gilt unter anderem der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908-2009) zitiert. In seinem Buch Rasse und Geschichte, das 1972 in deutscher Sprache erschien, heißt es:[1]

„Das Problem der Ungleichheit der Rassen kann also nicht dadurch gelöst werden, daß man ihre Existenz verneint, wenn man sich nicht gleichzeitig mit dem der Ungleichheit - oder Verschiedenheit - der Kulturen beschäftigt, die in der öffentlichen Meinung, wenn auch nicht theoretisch, so doch praktisch eng mit jener zusammenhängt.“

Die traditionellen Theorien menschlicher Rassen widersprechen zudem der wissenschaftlichen Tatsache, dass genetische Merkmale nach den Mendelschen Regeln unabhängig voneinander vererbt werden, sodass es sich zum Beispiel beim Nordischen Typ oder der Nordischen Rasse nur um einen Phänotyp handelt, der dem beständigen Wandel unterliegt und nicht die Kriterien einer biologischen Systematik erfüllt. Schon Hans F. K. Günther, der oft als maßgebender Theoretiker für die Rassenideologie des Nationalsozialismus angesehen wird, aber schon zu seiner Zeit umstritten war, kam in den 1920er Jahren zu dem Ergebnis, dass viele Völker das Ergebnis von Rassemischungen sind.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus wurde insbesondere in Deutschland die Forschung tabuisiert. Die einschlägige Fachliteratur verschwand zunächst im „Giftschrank“. Die UNESCO veröffentlichte 1952 eine wissenschaftliche Schriftenreihe zur Rassentheorie, wobei auch Claude Lévi-Strauss mitwirkte. Er befasste sich vor allem aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit dem Thema. Der italienische Forscher Cavalli-Sforza entwickelte ein System von 38 genetisch unterscheidbaren menschlichen Populationen.

Die Untergliederungen der Menschheit waren zum Teil nur neutrale Versuche einer Klassifizierung, zum Teil waren sie aber auch mit Wertungen verbunden, indem man angeblich höher- und minderwertige Menschenrassen unterschied und Zusammenhänge zwischen rassisch bedingten Eigenschaften und der Kulturentwicklung behauptete. Die Einteilung in Rassen wird heute noch in der biomedizinischen Forschung verwendet. Im offiziellen Sprachgebrauch in manchen Ländern (etwa in den USA und in Lateinamerika) wird das Wort race als Herkunftsbezeichnung für statistische Zwecke benutzt.

Kindlers Enzyklopädie Der Mensch enthält längere Ausführungen über „Rassenvielfalt der Menschheit“[2] und im Herder Lexikon Biologie (Nachdruck 1994) beginnt der Eintrag Menschenrassen mit den Worten: „Wie andere biologische Arten ist auch der heutige Homo sapiens (Mensch) in jeweils relativ einheitliche Rassen mit charakteristischen Genkombinationen gegliedert“.[3] Entsprechend nannte auch der Historiker Imanuel Geiss in seiner 1988 erschienenen Geschichte des Rassismus die Existenz von Menschenrassen „als realhistorische Realität in ihrer Elementarität unbestreitbar“.[4]

In den USA gilt seitens staatlicher Stellen wie der FDA die Empfehlung, Daten zur „Rasse“ (race), neben Angaben zum Lebensalter und zum Geschlecht, zum Beispiel im Rahmen von klinischen Studien zu erheben, deren erste Fassung stammt von 2003. Für Empfänger staatlicher Forschungsgelder, etwa des HHS, ist dies zwingend vorgeschrieben.[5] Die verwendeten Kategorien sind diejenigen der amerikanischen Statistikbehörden und des Zensus (vgl. Artikel United States Census),[6] erhoben werden sie nach der Selbsteinschätzung der Teilnehmer.

2 Heutiger Forschungsstand

Der moderne Mensch entwickelte sich erst vor etwa 30.000 Jahren und ist zum Beispiel etwa 100.000 Jahre jünger als der Neanderthaler. Inwieweit der Neanderthaler mit dem modernen Homo sapiens Kontakt hatte und sich vermischte, ist Gegenstand der heutigen Forschung.[7] Beide hatten im afrikanischen Homo erectus einen gemeinsamen Vorfahren. Möglicherweise gab es nur in jeder Zeit tatsächlich die Menschenrassen, die später noch anhand der Hautfarbe zu unterscheiden waren.

In der Paläoanthropologie stehen viele dieser Theorien im Gegensatz zur Out-of-Africa-Theorie („Adam kam aus Afrika“).

Die Übergänge zwischen den „Rassen“ sind - mit Ausnahme der australischen Aborigines - heute fließend. Die empirischen Befunde, die durch Fortschritte bei der Sequenzierung von DNA und Proteinen ermöglicht wurden, führten dazu, dass heute die große Mehrheit der Anthropologen eine Aufteilung der Menschheit in Rassen ablehnt. Der italienische Anthropologe Cavalli-Sforza (1922-2018) entwickelte ein Konzept mit 38 geographisch unterscheidbaren Populationen nach ihrer genetischen Verwandtschaft und ihrer Zugehörigkeit zu 20 Sprachfamilien und orientierte sich an der Klassifikation des Sprachforschers Merritt Ruhlen.[8][9]

3 Andere Lexika




4 Einzelnachweise

  1. Rasse und Geschichte, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972, Seite 10
  2. Herbert Wendt, Norbert Loacker (Hrsg.): Kindlers Enzyklopädie der Mensch. Band II: Die Entfaltung der Menschheit. Kindler, Zürich 1982, S. 315–338 und 339–380.
  3. Menschenrassen. Band 5, 1994, S. 408.
  4. Geiss, S. 21.
  5. FDA Office of Minority Health (editor): Collection of Race and Ethnicity Data in Clinical Trials. Guidance for Industry and Food and Drug Administration Staff. October 2016 PDF download, darin ältere und weitere Dokumente.
  6. White House Office for Management and Budget: Revisions to the Standards for the Classification of Federal Data on Race and Ethnicity, vom 30. Oktober 1997
  7. https://www.mdr.de/wissen/menschen-haben-neandertaler-integriert-100.html
  8. Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Völker. C.H. Beck, München 2004.
  9. Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Hanser, München/ Wien 1999.

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