Musikalische Aspekte des Aleinu

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Das Aleinu bzw. Alejnu leschabe'ach (hebr.: עָלֵינוּ) ist ein jüdisches Gebet, dessen Melodie aufgrund ihres hohen Alters, ihrer von Varianten und Verzierungen abgesehen das gesamte aschkhanasische Judentum übergreifenden melodischen Grundgestalt und ihrer festen Bindung an bestimmte liturgische Anlässe zur Gattung der Mi-Sinai niggunim gezählt wird.
Das Aleinu in Version von Aaron Beer aus dem Jahr 1765 [1]

1 Religiöser Inhalt[Bearbeiten]

  • Es ist Bestandteil der drei jüdischen Tagesgebete, wird aber auch nach dem Segen für den Neumond (Rosch Chodesch) und Beschneidungen (Brit Mila) rezitiert. Nach dem Kaddisch ist es das am häufigsten zitierte Gebet in der heutigen Liturgie der Synagoge, und ist fester Bestandteil des Siddur, des jüdischen Gebetsbuches für den Alltag und den Sabbat. Um 1400 wurde von christlicher Seite behauptet, mit dem Gebetsteil "sie beten ja an das Nichtige und Eitle, sie flehen zu dem, der nicht hilft" würden Jesus Christus und der christliche Glaube beleidigt. Dies wurde den Juden jahrhundertelang vorgeworfen, bis man diese kritisierte Stelle z.B. in deutschen Gebetbüchern entfernte. Inhaltliches Motiv des Aleinu ist der Gedanke an ein Gottesreich auf Erden und die Hoffnung auf die Vereinigung aller Menschen in Anbetung des einzigen Gottes. Da der Text des Aleinu recht lang ist, wollen wir hier aus Platzgründen nur seinen Anfang zitieren:
    Das Aleinu in Version von Salomon Sulzer aus seiner Sammlung Shir Zion
"Aleinu leschabeach laAdon haKhol, / latet Gedulah leJozer beReschith, / sche'lo asanu keGojei haArzot, / velo samanu keMischpechot haAdamah, / schelo sam Chelkeinu kahem, / veGoraleinu kekhol Hamonam / Shehem mishtachavim l'hevel variq / umitpal'lim el el lo yoshia / Va'anachnu kor`im, umishtachavim umodim, / lif'nei Melekh, Malkhei haM'lakhim, / haQadosh barukh Hu." [2]

2 Entstehung des Textes[Bearbeiten]

  • Die volkstümliche Tradition schreibt den Text des Gebets dem alttestamentarischen Josua zu. [3] Andere Überlieferungen führen sein Ursprung auf die Sanhedrin zur Zeit des Zweiten Jerusalemer Tempels zurück. [4] Auf jeden Fall scheint der Text schon in vorchristlicher Zeit existiert zu haben. Erstmalig definitiv nachweisbar vorhanden ist es in einem Manuskript des jüdischen Gelehrten Abba Arikha im Babylon des dritten nachchristlichen Jahrhunderts. [5] Im Mittelalter ist der Text dann auch in deutschen Gebetsbüchern nachweisbar.

3 Musikalische Aspekte[Bearbeiten]

Christliches Credo und Sanctus mit deutlichen Ähnlichkeiten zur Melodiegestalt des Aleinu
  • Zur Zeit des Ersten Kreuzzuges scheint sich das Singen des Aleinu bereits etabliert zu haben. Es wird berichtet, das Juden bei einer gewalttätigen Judenverfolgung im französischen Blois im Jahr 1171 (damals wurden zwischen 30 und 40 Juden verbrannt) die Hymne sangen während sie in den Tod gingen. Die Christen welche diesen Gesang der Juden im Angesicht des Todes hörten, sollen von der Schönheit der Melodie tief beeindruckt gewesen sein. [6] [7]
  • Ein Jahrhundert später habe der jüdische Gelehrte und Kantor Elieser Ben Naphtali Herz Treves aus Frankfurt am Main (1470-1550) einige Verse für eine sanft-zurückhaltende Rezitation durch die Gemeinde arrangiert während der Kantor das Aleinu an den Hohen Feiertagen gesungen habe. Mordechai Jaffa aus Prag (1530-1612) gibt in einer seiner Schriften Gründe an, warum das Aleinu immer zu einer bestimmten Melodie gesungen werden solle, und Anfang des 18. Jahrhunderts berichtet Joseph Nordlingen über die Melodie des Aleinu. Wir sehen also, dass sich spätestens an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit im aschkhenasischen Raum bereits eine Standardmelodie des Aleinu herausgebildet zu haben scheint. Die älteste schriftlich fixierte Version des Aleinu stammt - wie auch beim Kol Nidre - von Kantor Aaron Beer aus dem Jahr 1765. [8] Seitdem wurden Melodieversionen der Hymne von vielen Kantoren und Musikwissenschaftlern wie Salomon Sulzer, Louis Lewandowsky, Abraham Zevi Idelsohn, Eric Werner oder Samuel Adler niedergeschrieben.
  • Die Melodiegestalt des Aleinu gehört aufgrund ihres hohen Alters und ihrer standardisierten melodischen Grundgestalt im aschkhenasischen Raum ebenso zur Gruppe der mi-Sinai niggunim wie das Kol Nidre, und ist auch aus zahlreichen musikalischen Einzelmotiven aufgebaut.
  • Trotz einiger Unterschiede im Detail fallen die Gemeinsamkeiten im Melodieverlauf deutlich auf. Wesentliches Element ist der abfallende Dur-Dreiklang in gleichmäßigen Notenwerten zu Beginn. Darauf folgt (bei Beer) ein Oktavsprung vom c in der eingestrichenen Oktave zum c` in der zweigestrichenen Oktave, und ein diatonischer Abstieg in triolischen Werten. Die Unterschiede zwischen Beers und Sulzers Fassungen sind dabei nicht groß. So schaltet Sulzers Version beim Aufstieg zur Oktave (f`) noch eine Quinte und Sexte als Zwischenstufen ein.
  • Für das Aleinu hat der Musikwissenschaftler Eric Werner auffallende melodische Parallelen in frühmittelalterlichen christlichen Messvertonungen gefunden. [9] [10] Hier sind die durchgesprochenen melodischen Elemente des Aleinu deutlich dentifizierbar: Der absteigende Dreiklang zu Anfang, der triolische Sekundabstieg danach und die Tonrepititionen. Man kann vermuten, dass diese christlichen Hymnen ebenso wie das Aleinu im Mittelalter in metrisch freier, dem irregulären Rhythmus der Worte folgender Form einstimmiger im Chor oder auch von einem einzelnen Vokalisten gesungen wurden. [11]
  • Diese musikalischen Gemeinsamkeiten zwischen jüdischen und christlichen Vertonungen religiöser Bekenntnisse eröffnen auch einen Blick auf inhatltlich-textliche Analogien zwischen Gebeten der beiden Religionen. So weist das Aleinu in Bezug auf den religiösen Inhalt und seine Stellung im Gottesdienst Übereinstimmungen mit dem christlichen Te Deum auf. [12]

4 Literatur[Bearbeiten]

  • Gail Karp: The Evolution of the Aleynu - 1171 to Present; in The Cantors Assembly Journal of Synagogue Music, Vol. XII, Nr. 1, Juni 1982, Seite 4 bis 23
  • Eric Werner: The Sacred Bridge, Band I - Liturgical Parallels in Synagogue and Early Church, Columbia University Press, 1959 (Ausgabe von Schokcen Books aus dem Jahr 1970), Seite 7 und 182 ff.
  • Eric Werner: The Sacred Bridge, Band II - The Interdependence of Liturgy and Music in Synagogue and Church during the first Millenium, Ktav Publishing House, New York, 1984, Seite 504, 541, 561 und 570 ff.

5 Weblinks[Bearbeiten]

6 Videos[Bearbeiten]

7 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aus Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music in its historical development, Henry Holt & Company, 1929; wiederaufgelegt unter Abraham Zebi Idelsohn: Jewish Music and its development, Arbie Orenstein, 1992, Seite 148
  2. zitiert nach www.hagalil.com
  3. Raphael Posner, Uri Kaploun und Shalom Cohen: Jewish Liturgy - Prayer and Synagogue Service through the Ages, Keter Publishing House, Jerusalem, 1975, S. 109
  4. Macy Nulman: Encyclopedia of Jewish Prayer, Jason Aronson, New York, 1993, S. 24
  5. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music in its historical development, Henry Holt & Company, 1929; wiederaufgelegt unter Abraham Zebi Idelsohn: Jewish Music and its development, Arbie Orenstein, 1992, S. 147
  6. Gail Karp: The Evolution of the Aleynu - 1171 to Present; in The Cantors Assembly Journal of Synagogue Music, Vol. XII, Nr. 1, Juni 1982, S. 4
  7. Alfred Haverkamp: Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge, Jan Thorbecke Verlag, 1999, S. 97
  8. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music in its historical development, Henry Holt & Company, 1929; wiederaufgelegt unter Abraham Zebi Idelsohn: Jewish Music and its development, Arbie Orenstein, 1992, S. 157
  9. Gail Karp: The Evolution of the Aleynu - 1171 to Present; in The Cantors Assembly Journal of Synagogue Music, Vol. XII, Nr. 1, Juni 1982, S. 5, 6 und 13
  10. Eric Werner: The Sacred Bridge, Band II - The Interdependence of Liturgy and Music in Synagogue and Church during the first Millenium, Ktav Publishing House, New York, 1984, S. 233
  11. Peter Gradenwitz: The Music of Israel, W. W. Norton Co., New York, 1949, S. 66
  12. Israel Jacob Yuval: Zwei Völker in deinem Leib - Gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Christen in Spätantike und Mittelalter, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, S. 205 ff.

8 Andere Lexika[Bearbeiten]