Schir Zion (Musiksammlung von Salomon Sulzer)

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Deckblatt des ersten Bandes der Schir Zion von Salomon Sulzer aus dem Jahr 1840.
Die Schir Zion [1] sind eine in den Jahren 1840 und 1866 publizierte Musiksammlung österreichisch-jüdischen Kantors und Komponisten Salomon Sulzer (1804-1890) zur Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes. Sie stellen das kompositorische Hauptwerk Sulzers dar, mit dem er seinen Ruf als Reformator des Synagogalgesangs begründete.

1 Details[Bearbeiten]

  • Die Sammlung erschien in zwei Bänden in den Jahren 1840 und 1866. Der vollständige Titel lautet Schir Zion - gottesdienstliche Gesänge der Israeliten. Der Titel Schir Zion ist dabei mit Lieder Israels zu übersetzen. Der erste, Adolf Fischhof gewidmete Teil erschien im Jahr 1840 beim Verlag H. Engel & Sohn in Wien. Der zweite, dem Dichter S. H. Rosenthal gewidmete Teil der Sammlung erschien im Jahr 1866 beim selben Verlag. Beide Bände wurden im Jahr 1905 und später noch einmal 1922 von seinem Sohn Joseph Sulzer zusammengefasst in einem Band beim Verlag J. Kauffmann in Frankfurt am Main in revidierter Form erneut herausgegeben.
  • In den beiden Bänden ist Musik für den Sabbat und andere jüdische Festtage, sowie für alle Gebete des Jahres enthalten. Die Stücke sind für Kantor, Chor und den Gemeindegesang gesetzt. Die Orgelbegleitung ist optional. Enthalten sind sowohl Eigenkompositionen Sulzers als auch Werke anderer Komponisten. [2] Musikalisch stellen die Musikstücke einen Kompromiss zwischen traditionellem jüdischen Kantorialgesang und zeitgenössischer katholischer sowie protestantischer vierstimmiger a capella-Kirchenmusik dar. Die Abschnitte mit Antworten der Gemeinde sind einfach gehalten und dem Gregorianischen Gesang manchmal nicht unähnlich. [3]
    Der jüdische Kantor Salomon Sulzer in einer Lithographie von Eduard Kaiser aus dem Jahr 1840.
    In der Anordnung der Gesänge folgte Sulzer dem Sabbat- und Festtagsgebetbuch Isaak Noah Mannheimers. [4]
  • Sulzer hielt die damalige synagogale Musizierpraxis und die dafür verwandten Musikstücke für sehr heruntergekomnen bzw. schlecht. In einer Gedenkschrift aus dem Jahr 1876 deklariert er sein musikalisches Ziel u.a. als "Entwilderung der synagogalen Musik" [5]. Er betont auch, dass die alten Lieder seines Volkes verbessert, ausgewählt und an die modernen Regeln der Musik angepasst werden müssten. Dabei dürfe man auch Neukompositionen nicht ausschließen, wobei bedeutende christliche Komponisten als Vorbild dienen sollten. [6] In der Gedenkschrift schreibt Sulzer u.a.:
"Zuerst musste die Vortragsweise normirt, die Aussprache des Hebräischen, da es unthunlich war, die dem deutschen Ohre ganz fremd gewordene Pronunciation der sephardischen Juden einzuführen, verbessert, die alten nationalgewordenen Melodien und Sangsweisen hervorgesucht und nach den Gesetzen der Kunst zurechgelegt werden, und in dieser Beziehung standen mir Heroen der Musik, wie Seifried, Schubert, Fischhof u.a. hilfreich zur Seite." [7]
  • Sulzer möchte in den Schir Zion die traditionellen Synagogalmelodien von späterern, geschmacklosen Überarbeitungen säubern. Dazu meint er im Vorwort von Band I der Schir Zion u.a.:
"Ich machte mir es wie es in der Ankündigung gegenwärtiger Gesänge bereits angedeutet wurde, zur Pflicht, auf die uns aus dem Alterthume überkommenen Weisen so viel als möglich Rücksicht zu nehmen, und den alterthümlichen ehrwürdigen Typus von spätern, willkürlichen und geschmacklosen Schnörkeleien befreit und gereiniget, in dessen ursprünglicher Reinheit und auf eine dem Texte, so wie den Gesetzen der Harmonie entsprechende Weise herzustellen." [8]
  • In Band I der Schir Zion dominiert eine einfache Dur-Moll-Harmonik und die Periodizität der Wiener Klassik. Es sind auch 37 Werke christlicher Komponisten wie Franz Schubert, Ignaz von Seyfried, Joseph Drechsler, Franz Volkert oder Wenzel Wilhelm Würfel enthalten. [9] Charakteristisch jüdisch bzw. synagogal wirken eher die Solorezitative für den Kantor und das responsoriale Wechselspiel zwischen Kantor und Chor.
  • Im zweiten Band der Schir Zion nimmt die jüdische Musiktradition einen größeren Raum ein. 163 der insgesamt 372 Musikstücke tragen die Bezeichnung A. W. für Alte Weise. Der größere Teil davon ist für den Vortrag des Kantors bestimmt. Dessen Rezitative heben sich durch die Verwendung von jüdischer Tonleitern (Schtajger) deutlich von den Choralpartien ab. [10] Kompositionen nichtjüdischer Komponisten sind in Band II nicht mehr enthalten. Die Gesänge und Rezitative des zweiten Bandes beindruckten die Zeitgenossen als eigenartig und orientalisch. Der bekannte Musikkritiker Eduard Hanslick schrieb im Jahr 1866 dazu u.a.:
"Der zweite Theil der Sulzer`schen Schir-Zion, obwohl natürlich dem modernen Ton- und Modulationssystem angehörig, läßt ein eigenthümliches orientalisch-jüdisches Gepräge nirgends vermissen. (...) So dürfen wir denn auch im Schir-Zion, dem Repräsentanten des modernen Synagogalgesangs, einen nationalen Grundton erkennen." [11]
Die Sabbat-Hymne Lecha Dodi (erstes Stück aus dem zweiten Band des Schir Zion) anhören?/i.
  • Der Rabbiner und Gelehrte Ismar Elbogen schrieb über die Bedeutung von Sulzers Sammlung Schir Zion u.a.:
"Sulzer became the trailblazer of modern synagogue music, and his Shir Zion the fundamental work that inspired all his followers. Sulzer`s significance rests in his being the first to make a critical selection from among the traditional melodies, removing what was not usable and supplying what was lacking with his own compositions." [12]
  • Der jüdische Musikwissenschaftler Abraham Zevi Idelsohn bewertet das von Sulzer mit dem Schir Zion angestrebte Ziel einer Wiederherstellung traditioneller jüdischer Gesänge dagegen eher kritisch. Sulzer habe den wirklichen Charakter jüdischer Musik kaum begriffen und nur vereinzelt umgesetzt. Rein kompositionstechnisch betrachtet habe er die traditionellen Gesänge allerdings verbessert. Idelsohn schreibt dazu u.a.:
"Although his purpose was the artistic re-creation of the traditional songs, the two volumes of his services prove to be not this RE-CREATION but only a RE-SHAPING. Traditional tunes remained for him a product of the past, to be retained for the sake of the sanctity associated with them through the generations, and not as a living body pregnant with new artistic forms, a treasury of musical atoms sentient with the power of new life. He did not recognize the Jewish musical inheritance as an echo of the living Jewish soul. (...) Indeed, he did preserve the traditional tunes; and though he abolished all their chazzanic flavor and abbreviated them, he at the same time improved them artistically." [13]
  • Der britische Rabbiner und Musikforscher Francis Lyon Cohen bescheinigte Sulzers Schir Zion trotz einiger Vereinfachungen der traditionellen Gesänge eine gelungene Verbindung verschiedenster jüdischer Musiktraditionen mit der modernen Musiksprache. Den ursprünglich orientalischen Charakter jüdischer Gesänge habe er bewahrt. Er schrieb im Jahr 1906 über Sulzer und das das Schir Zion u.a.:
"Even Solomon Sulzer, the master of all modern workers in synagogal music, was a little inclined to iconoclasm in his purification and simplification of the traditional intonations. But his Shir Zion set a high classical model alike for the old declamation, the old melodies, the traditional responses, and the modern settings of these sections of the service now alloted zo the four-part choir. Modelling on the elaborate choral music of the Catholic Vienna of his day, he was yet so imbued with the traditional spirit, and so richly equipped with the traditional material, that he was able to create music which brought the ancient Oriental origins, the echoes of so many and so varied times, places and manners, and the artistic outcome of the work of the great moderns into a noble homogeneity at once profoundly devotional and subtly dramatic." [14]

2 Siehe auch[Bearbeiten]

3 Links und Quellen[Bearbeiten]

3.1 Weblinks[Bearbeiten]

3.2 Literatur[Bearbeiten]

  • Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929
  • Tina Frühauf: Salomon Sulzer - Reformer, Cantor, Icon, Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin, 2012
  • Hanoch Avenary, Walter Pass, Nikolaus Vielmetti und Israel Adler: Kantor Salomon Sulzer und seine Zeit - Eine Dokumentation, Jan Thorbecke Verlag, 1985

3.3 Audio[Bearbeiten]

3.4 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anm.: Die Originalausgaben von Salomon Sulzer tragen den Titel Schir Zion. In der Sekundärliteratur zu den Sammlungen wird aber sehr häufig auch der Begriff Shir Zion verwendet.
  2. Thomas Albrich: Von Salomon Sulzer bis "Bauer & Schwarz" - Jüdische Vorreiter der Moderne in Tirol und Vorarlberg, Verlag Haymon, 2009, S. 27
  3. Personanartikel zu Salomon Sulzer in der Encyclopædia Britannica
  4. Walter Pass: Salomon Sulzer (1804-1890), Begleitfolder zur Ausstellung „salonfähig - Sulzer, Meyerbeer, Mendelssohn Bartholdy und die jüdische Emanzipation im 19. Jahrhundert.“, Jüdisches Museum Hohenems, 1997
  5. In seiner Gedenkschrift schreibt er von einer "Entwilderung und Veredelung der gemeinschaftlichen Andacht" und dem Ziel, "... den Unarten und Dissonanzen, welche die "Judenschule", wie der Pöbel sie nannte, in Verruf brachten, ein Ende zu bereiten"; aus Salomon Sulzer: Gedenkschrift an die hochgeehrte Wiener israelistische Cultus-Gemeinde, Verlag von Brüder Winter, Wien, 1976, S. 9
  6. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 249
  7. Salomon Sulzer: Gedenkschrift an die hochgeehrte Wiener israelistische Cultus-Gemeinde, Verlag von Brüder Winter, Wien, 1976, S. 8
  8. Salomon Sulzer im Vorwort von Band I des Schir Zion
  9. Heidy Zimmermann: Shir Zion - Musik und Gesang in der Synagoge; in Eckhard John und Heidy Zimmermann (Hrsg.): Jüdische Musik? - Fremdbilder, Eigenbilder, Böhlau Verlag, Köln, 2004, S. 68
  10. Heidy Zimmermann: Shir Zion - Musik und Gesang in der Synagoge; in Eckhard John und Heidy Zimmermann (Hrsg.): Jüdische Musik? - Fremdbilder, Eigenbilder, Böhlau Verlag, Köln, 2004, S. 70
  11. Zitiert nach Annkatrin Dahm: Der Topos der Juden - Studien zur Geschichte des Antisemitismus im deutschsprachigen Musikschrifttum, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, S. 85 und 86
  12. Ismar Elbogen: Jewish Liturgy - A Comprehensive History (Anm.: Ursprünglich im Jahr 1913 auf Deutsch erschienen, später aber auch übersetzt), Jewish Publication Society, 1993, S. 385
  13. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 250, 251 und 257
  14. Francis L. Cohen: Synagogal Music, 1906; zitiert nach Jonathan L. Friedmann (Hrsg.): Music in Jewish Thought - Selected Writings 1890-1920, Shutterstock, 2009, S. 48
  15. Das Album bei Amazon

4 Hinweis zur Verwendung[Bearbeiten]

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5 Andere Lexika[Bearbeiten]

Wikipedia kennt dieses Lemma (Schir Zion (Musiksammlung von Salomon Sulzer)) vermutlich nicht.