Kol Rinnah U´T'fillah (Musiksammlung von Louis Lewandowski)

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Deckblatt der Musiksammlung Kol Rinnah U´T'fillah von Louis Lewandowski.
Das Kol Rinnah U´T'fillah ist eine im Jahr 1871 publizierte Musiksammlung des jüdisch-deutschen Komponisten Louis Lewandowski zur Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes.

1 Details[Bearbeiten]

  • Im Jahr 1866 wurde Lewandowski Dirigent in der neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin. Zur Einweihung der Orgel komponierte er eine Hallelujah über Psalm 150 für vierstimmigen, gemischten Chor mit Orgelbegleitung und Posaunen, Triangel und Pauke. Das Stück machte großen Eindruck. Sogar Otto von Bismarck war anwesend und äußerte sich anerkennend. [1]
  • 1871 veröffentlichte Lewandowski dann in Berlin im Verlag Bote & Bock sein berühmtestes Buch, Kol Rinnah U´T'fillah, einen Zyklus von Kompositionen für Solostimme des Kantors und ein bzw. zwei Chorstimmen für die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes im Verlaufe eines ganzen Jahres.
  • Der vollständige Titel lautet Kol Rinnah u´T'fillah / Ein und zweistimmige Gesänge für den israelitischen Gottesdienst. Der Titel Kol Rinnah U´T'fillah bedeutet auf Deutsch Stimme der Verehrung und des Gebets. [2]
    Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin, an der Lewandowski zur Zeit des Entstehens seines Kol Rinnah U´T'fillah als Dirigent wirkte.
  • Das Kol Rinnah U´T'fillah erschien im Jahr 1882 in 2. Auflage und im Jahr 1900 in 3. Auflage. Im Jahr 1954 legte es der Verlag Sacred Music Press erneut auf.
  • Ein Großteil der Gesänge des Kol Rinnah U´T'fillah besteht aus Chazzanut des Kantors Abraham Jacob Lichtenstein, mit denen sich Lewandowski intensiv beschäftigte und die er für seine Musiksammlung umarbeitete und umarrangierte. Lewandowski erwähnt die Herkunft seiner Gesänge im Kol Rinnah U´T'fillah aus den Chazzanut von Abraham Jacob Lichtenstein allerdings nicht. [3]
  • Mit diesem Werk begründete Lewandowski seine überregionale Popularität. Das Kol Rinnah U´T'fillah prägte bald den musikalischen Teil des jüdischen Gottesdienstes der damaligen Zeit im deutschsprachigen Raum wie kein anderes Werk. [4] Das Kol Rinnah U´T'fillah war die erste Musiksammlung, welche die musikalische Begleitung eines kompletten Gottesdienst zu jedem beliebigen religiösen Anlass ermöglichte. Das Buch wurde bei jüdischen Durchschnittskantor so populär, das bald regelrechte "Kol Rinnah Kantoren" existierten. Der Musikwissenschaftler Abraham Zevi Idelsohn schreibt dazu u.a.:
"The appearance of his Kol Rinnah in 1871 caused a sensation in the chazzanic circle. It was the first time that a complete service for Sabbath and festivals, with detailed recitatives for the entire text of the prayers, had appeared - a work which every young man of fair musical ability and voice to master the liturgical Chazzanuth in a modern form. The Kol Rinnah became the most popular reference book for the average chazzan. It developed a certain type of cantors who were called Kol Rinnah cantors." [5]
  • Im Vorwort des Kol Rinnah U´T'fillah beschreibt Lewandowski, wie sich in den letzten Jahren die Musik im jüdischen Gottesdienst von einem alleinigen Vortrag des Kantors zunehemd auch zu einer Beteiligung eines professionellen Chors gewandelt hat. Dadurch war die Gemeinde aber zur Passivität verurteilt. [6] Dennoch übernahm die Gemeinde vielerorts zunehemend die führende Sopranstimme im Chor, [7] wodurch das musikalische Niveau nach Ansicht Lewandowskis sehr gesunken sei. Um der Gemeinde eine geregelte und einfache Möglichkeit der Beteiligung zu geben, ohne das musikalische Niveau allzu sehr abzusenken, führte man extra neu geschaffene, einfache ein- und zweistimmige Gesänge im Gottesdienst ein. Viele dieser Neukompositionen waren nach Ansicht Lewandowskis aber recht mangelhaft komponiert. [8] Das Ziel seiner Sammlung beschreibt er dann folgendermaßen:
"In dem vorliegenden Werke habe ich den Versuch gewagt, einstimmige Gemeinde- und zweistimmige Chorgesänge in einfacher, fasslicher Weise zusammenzustellen." [9]
  • Auf die beschränkten musikalischen Fähigkeiten und die personellen Probleme der Gemeinde hat er Rücksicht genommen. [10] Er schreibt dazu u.a.:
    L`Cho Dodi aus Louis Lewandowskis Sammlung Kol Rinnah U´T'fillah.
"Ich habe zugunsten der leichteren Ausführbarkeit und in Rücksicht, dass in kleineren und nicht selten auch in grösseren Gemeinden ein Mangel an geeigneten Gesangskräften thatsächlich vorhanden ist, auf die unendlichen Mittel der Harmonik und der Modulation verzichtet und mich lediglich auf eine fliessende Melodie und natürliche Stimmführung beschränkt. Selbst diejenigen Piecen, welche ich contrapunktisch behandelt habe, sind sehr bequem und leicht einzuüben." [11]
  • Das Kol Rinnah U´T'fillah ist in drei Teile sowie Anhang I und Anhang II gegliedert, und enthält insgesamt 347 Gesänge.
  • Die im Violinschlüssel notierten Gesänge sind entweder zweistimmig für Chor und/oder Gemeinde, oder einstimmig für Kantor/Vorbeter bzw. für Kantor/Vorbeter und Chor im Wechsel oder für Chor und Gemeinde gesetzt.
  • Lewandowski fand nach Einschätzung des Musikwissenschaftlers Sascha Nemtsov mit dem Kol Rinnah u´T'fillah zu einem stilistischen Gleichgewicht der jüdischen und der deutschen Elemente. Dadurch erreichte das Buch eine außerordentliche Verbreitung und Popularität. [12]
  • Abraham Zevi Idelsohn hebt die gelungene Verbindung moderner Formen mit altem Material in Lewandowskis Kol Rinnah U´T'fillah hervor. Besonders lobt er auch die frei fließende Kantabilität der Gesänge, die jüdischer Tradition entspricht. Idelsohn schreibt dazu u.a.:
"The most outstanding talent in Lewandowski was his tasteful and skilled re-shaping in modern forms od old material. His recitatives and solos for the Synagogue song have the wonderful quality of being suitable for and easily rendered by any voice of fait quality. His recitatives and solos, even the traditional tunes, are not merely well preserved, as in the manner of Sulzer, but they are creations molten anew. His greatest strength in that branch is the cantabile, in the regionb between tune and recitative, in the free-flowing Jewish solo-singing, in minor. (...) Lewandowski created real Jewish selections which will remain marvelous jewels in the treasury of Jewish song." [13]

2 Siehe auch[Bearbeiten]

3 Links und Quellen[Bearbeiten]

3.1 Weblinks[Bearbeiten]

3.2 Literatur[Bearbeiten]

  • Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929
  • Jascha Nemtsov und Hermann Simon: Louis Lewandowski - „Liebe macht das Lied unsterblich!“, Hentrich & Hentrich, Berlin 2011
  • Geoffrey Goldberg: Neglected sources for the historical study of synagogue music - The prefaces to Louis Lewandowski`s "Kol Rinnah U`T`Fillah" and "Todah W`Simrah", Musica Judaica, Vol. 11, Nr. 1, Seite 28 bis 57

3.3 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jascha Nemtsov: "Ich bin Deutscher, und ich bin Judem eines so shr und so völlig wie das andere" - 200 Jahre deutsch-jüdischen musikalischen Schaffens; in Elke-Vera Kotowski (Hrsg.): Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden - Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, De Gruyter, 2014, S. 160
  2. Philip Bohlman: Jewish Music and Modernity, Oxford University Press, 2008, S. 103
  3. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 276
  4. Sholom Kalib: The Musical Tradition of the Eastern European Synagogue, Syracus University Press, 2002, S. 74
  5. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 281 und 282
  6. Eckhard John und Heidy Zimmermann: Jüdische Musik? / Fremdbilder - Eigenbilder, Böhlau Verlag, Köln, 2004, S. 70
  7. Geoffrey Goldberg: Neglected sources for the historical study of synagogue music - The prefaces to Louis Lewandowski`s "Kol Rinnah U`T`Fillah" and "Todah W`Simrah", Musica Judaica, Vol. 11, Nr. 1, S. 41 und 42
  8. Louis Lewandowski im Vorwort zum Kol Rinnah U´T'fillah, Bote & Bock, 2. Aufl., Berlin, 1882
  9. Louis Lewandowski im Vorwort zum Kol Rinnah U´T'fillah, Bote & Bock, 2. Aufl., Berlin, 1882
  10. "Consequently, to satisfy the needs of the congregation, Lewandowski composed and arranged a number of unison melodies, while many of the simple two-part pieces could easily be sung by the congregation as well. Strongly deploring the introduction into the synagogue of "trivial melodies" lacking musical worth, Lewandowski did not take on this task lightly. Since unison pieces lacked the elements of harmony and modulation, creating pieces of effective and lasting value was no easy assignment. For the unison congregational melodies and response he sought "flowing melodies," and a "very limited range," and for the simple two-part pieces, "simple voice leading."; aus Geoffrey Goldberg: Neglected sources for the historical study of synagogue music - The prefaces to Louis Lewandowski`s "Kol Rinnah U`T`Fillah" and "Todah W`Simrah", Musica Judaica, Vol. 11, Nr. 1, S. 42
  11. Louis Lewandowski im Vorwort zum Kol Rinnah U´T'fillah, Bote & Bock, 2. Aufl., Berlin, 1882
  12. Jascha Nemtsov: "Ich bin Deutscher, und ich bin Judem eines so shr und so völlig wie das andere" - 200 Jahre deutsch-jüdischen musikalischen Schaffens; in Elke-Vera Kotowski (Hrsg.): Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden - Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, De Gruyter, 2014, S. 160
  13. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 277

4 Hinweis zur Verwendung[Bearbeiten]

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5 Andere Lexika[Bearbeiten]

Wikipedia kennt dieses Lemma (Kol Rinnah U´T'fillah (Musiksammlung von Louis Lewandowski)) vermutlich nicht.