Zevi Hirsch Alter Weintraub

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Profil.png Profil: Weintraub, Zevi Hirsch Alter
Persönliche Daten
2. März 1811
Dubno im Westteil der heutigen Ukraine
23. Dezember 1881
Königsberg


Zevi Hirsch Alter Weintraub [1] (* 2. März 1811 [2] oder Februar 1813 [3] in Dubno im Westteil der heutigen Ukraine; gest. 23. Dezember 1881 in Königsberg) war ein jüdischer Kantor, Komponist und Violinist.

1 Vita

Aufnahme des jüdischen Kantors, Komponisten und Violinisten Hirsch Weintraub.
  • Er war der Sohn des Kantors Salomon Weintraub (1781-1829) [4] [5]; auch Kaschtan genannt), einem der berühmtesten Kantoren Russlands. Der Vater erteilte dem sechsjährigen Sohn den ersten musikalischen Unterricht. Auch von anderen Lehrern wurde Hirsch Weintraub musikalisch unterwiesen. Bald sang er unter seinem Vater an der Synagoge. Der Vater nahm den Sohn auch auf seine Reisen durch viele polnische, litauische, ungarische und preußische Städte mit, wo er mit seinen Begleitsängern (meschorerim) an den Sabbattagen in den Synagogen vorbetete. [6] Für den Sohn nahm er dabei oft einen Lehrer mit, der ihn zusätzlich im Talmudstudium unterwies.
  • Hirsch Weintraub vertrat seinen Vater öfters bei Krankheit. Auch die Violine spielte er inzwischen sehr gut. Man schätzte seine lyrische Tenorstimme sehr, so dass man ihn nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1829 zu dessen Nachfolger an der Synagoge von Dubno ernannte. Kurz vor seiner Ernennung heiratete er noch. Er war in Dubno bis 1834 Kantor. Wie sein Vater unternahm er musikalische Reisen u.a. in verschiedene Städte Russlands und Österreichs. [7]
  • Ein Aufenthalt in Wien erweiterte seinen musikalischen Horizont anscheinend beträchtlich. Besonders der Kontakt mit dem berühmten Kantor Salomon Sulzer, einem der wesentlichen Erneuerer der Synagogalmusik, vermittelte ihm viel über klassische, auch nichtjüdische Musik. [8] [9] Eduard Birnbaum schrieb dazu u.a.:
"Der Aufenthalt in dem damaligen Dorado des modernen Kantorentums war von entschiedendem Einfluß auf sein Kunststreben gewesen, denn hier offenbaarte sich ihm eine ganz neue Kunstrichtung, welche mit allen "Traditionen" gebrochen hatte. Der Gedankenaustausch mit dem unsterblichen Regenerator des Synagogengesangs, dem damals schon so berühmten Sulzer, konnte auf ihn nur befruchtend wirken." [10]
  • Danach trat Weintraub u.a. in Breslau auf. Die Schlesische Zeitung lobte einen dortigen Auftritt von ihm überschwenglich mit folgenden Worten:
"Sowohl in der hiesigen großen wie in den bedeutendsten anderen Synagogen ist Herr Weintraub mit großem Beifall der Kenner gehört worden. Am Tage vor seiner Abreise gab er in einem Kreise von Musikfreunden eine Abendunterhaltung. Ein Quartett, mehrere Themata, russischer und türkischer Nationallieder mit eigenen Variationen, setzte die Anwesenden in Verwunderung. Der Eifer, mit dem sich Herr Weintraub bemüht, sich mit den deutschen und italienischen Heroen der Musik bekanntzumachen, läßt bei seinen seltenen Anlagen erwarten, daß er es einst in seinem Fache weit bringen werde." [11]
  • Später trat Weintraub mit seinem Chor in Frankfurt am Main auf. Die Frankfurter Zeitungen lobten besonders sein kunstvolles und gefühlvolles Violinspiel. In Berlin war der bekannte Kantor und Komponist Louis Lewandowski besonders von Weintraubs Vortrag von Ouvertüren Giacomo Rossinis und Weintraubs Violinspiel beeindruckt. Hirsch Weintraub leitete dann zwei Sabbat-Gottesdienste.
  • Im Juli 1838 reiste Weintraub nach Königsberg, da dort der Kantorenposten nach dem Tod des Kantors Kohnardt neu zu besetzen war. Nachdem er bei einem Sabbatgottesdienst eine Probe seines Könnens abgelegt hatte, wurde er zwei Tage später einstimmig zum neuen Kantor der Königsberger Gemeinde gewählt.
    Deckblatt von Hirsch Weintraubs Shire Beth Adonai oder Tempelgesänge für den Gottesdienst der Israeliten, Teil I, 1859 (Neuauflage von 1955)
  • In Königsberg vertiefte er seine musikalischen Kenntnisse durch Studien bei Eduard Sobolowski, dem Musikdirektor des Stadtorchesters von Königsberg und späterem Kantor der Altstädtischen Kirche. Weintraub komponierte viele vierstimmige Chöre im streng kontrapunktischen Stil, sowie Rezitative für den Vorbeter. Er komponierte u.a. jeweils circa 40 Musikstücke für das Abendgebet Hashkivenu und das Gebet Av Hashkivenu, 37 Stücke für Veshomru (Exodus 31: 16-17), und jeweils zehn Stücke für Yehi Rotzon zum Neujahrsfest und für Umip`ne Chatoenu. Ab 1859 publizierte er in zwei Bänden eine Sammlung seiner Synagogalkompositionen unter dem Titel Schire Beth Adonai (Tempelgesänge für den Gottesdienst der Israeliten) [12]. Außerdem komponierte er das Stück Kol Nidre - Andante für Piano mit Begleitung der Violine ad libitum. Der größere Teil seiner Kompositionen - die eher traditionell jüdischen, weniger modernen - hat er allerdings nicht publizieren lassen. Sie liegen nur handschriftlich vor, und befinden sich heute in der Bibliothek des Hebrew Union College.
  • Josef Singer meinte, dass die Chorkompositionen von Weintraub "die Kraft und Gewandheit des gediegenen Musikers" und eine "eminente musikalische Beherrschung des Stoffes" zeigten. Er lobte die vielen Fugen, Fugetten, Imitationen und "kühnen Modulationen, selbst bei Kompositionen rein synagogalen Charakters". Der Kantorenkollege Louis Lewandowski meinte zu der Sammlung u.a.:
"Die Gesänge in den Hauptteilen des umfangreichen Werkes zeugen von ernsten musikalischen Studien; sie sind zumeist in kontrapunktischer Schreibart komponiert und bei guter Ausführung von großer Wirkung."
  • Der jüdische Musikwissenschaftler Abraham Zevi Idelsohn fällt dagegen ein eher zwiespältiges Urteil über Weintraubs kompositorisches Schaffen. Seinen Kompositionen im modernen Stil attestiert er bei Anerkennung ihrer kompositionstechnischen Qualität ein mangelndes Verständnis für den Charakter jüdischer Musik und einen Mangel an Wärme. Weintraubs eher traditionell jüdischen Kompositionen lobt er aber für ihren gelungenen jüdischen Charakter und Inspiration. Er schreibt dazu u.a.:
"At the same time, he composed services in the modern style which hab be created by Sulzer. Idisputably dignified and genuine as are these compositions from the general musical point of view, they have nothing Jewish in them. The compositions, therefore, lack the warmth of life; they have no soul. (...) While his un-Jewish creations are soulless, and were, therefore, scarely ever used in any congregation, his Jewish compositions - whether his own or reworkings of his father`s - found an enthusiastic reception, and were sung and imitated by numberless chazzanim thoughout the nineteenth century. Indeed, Weintraub combined a deep Jewish feeling and enthusiasm for the high ideals of Judaism, in the light of a genuine Jewish tradition and edication, with European culture." [13]
  • Hirsch Weintraub kümmerte sich auch intensiv um das musikalische Vermächtnis seines Vaters, das ohne seine Bemühungen wohl der Nachwelt verloren gegangen wäre. Er veröffentlichte in zehn Folgen der hebräischen Zeitschrift Ha-Maggig (Der Bote) eine Biografie über seinen Vater. Außerdem veröffentlichte er im dritten Band seiner Schire Beth Adonai auch etliche Kompositionen seines Vaters, die er z.T. anders harmonisierte und rhythmisierte. [14] An den Kompositionen seines Vaters nahm er nur sehr zurückhaltende Veränderungen vor, so dass deren osteuropäischer, typisch jüdischer Charakter erhalten blieb. Hirsch Weintraub erlag dabei nicht der Versuchung, die Werke seines Vaters in die Formen des von ihm selber so geschätzten westlich-klassischen Musikstils zu zwingen. [15] Er selber sah die Herausgabe der Werke seines Vaters eher als Antiquitäten für Vorbeter, die noch im alten, unmodernen Stil synagogaler Musik bewandert sind. Er meinte u.a.:
"Dieselben müssen aber nur als Antiquität betrachtet und beurteilt werden, und ich habe sie nur für israelitische Vorbeter, welche in diesem Geist des Altertums eingeweiht sind, geschrieben." [16]
  • 1862 erhielt Weintraub für sein Wirken eine Medaillie, und am 8. März 1873 wurde er von Kaiser Wilhelm I. zum Königlichen Musikdirektor ernannt.
  • Im Jahr 1878 ging er in den Ruhestand. Sein Nachfolger als Kantor in Königsberg wurde Eduard Birnbaum.
  • Sacred Music Press des Hebrew Union College hat in den 1950er-Jahren viele der europäischen Originaleditionen von Hirsch Weintraub in den USA neu herausgegeben. [17]

2 Literatur

3 Weblinks

3.1 Videos

4 Einzelnachweise

  1. Anm.: In der Literatur meist in Kurzform Hirsch Weintraub genannt.
  2. Abraham Zevi Idelsohn gibt in Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929 als Geburtsjahr 1811 an. Auch David Conway nennt in Jewry in Music - Entry to the Profession from the Enlightenment to Richard Wagner, Cambridge University Press, 2012 auf Seite 158 ebenfalls wie Sholom Kalib in The Musical Tradition of the Eastern European Synagogue, Band I, Syracuse University Press, 2002 auf Seite 169 das Jahr 1811 als Geburtsjahr. Laut Inschrift seines Grabdenkmals ist der 2. März 1811 sein Geburtsdatum (Joseph Rosenthal: Die gottesdienstlichen Einrichtungen in der jüdischen Gemeinde zu Königsberg in Preußen - Festschrift zur 25. Wiederkehr des Tages der Einweihung der neuen Gemeindesynagoge, Verlag E. Masuhr, 1921, S. 66)
  3. Weintraub selber gibt in einer Biografie über seinen Vaters aus dem Jahr 1875 den 1. Adar 1813 (entspricht dem Februar 1813) als sein Geburtsjahr an (Joseph Rosenthal: Die gottesdienstlichen Einrichtungen in der jüdischen Gemeinde zu Königsberg in Preußen - Festschrift zur 25. Wiederkehr des Tages der Einweihung der neuen Gemeindesynagoge, Verlag E. Masuhr, 1921, S. 66 und Morton Shames und Shoshanna Igra: "A Cantor travels westward" - From the Autobiography of Hirsch Weintraub). Auch Daniel S. Katz nennt in Ein erster Blick auf ein geschmackvolles Kastanienstück - Transkription einer vergessenen Komposition von Kantor Salomon (1781-1829), genannt Kaschtan (d.h. "Kastanie"); in Zeitschrift der Vereinigung für Jüdische Studien e. V., Heft 20, 2014, Universitätsverlag Potsdam auf Seite das Jahr 1813 als Geburtsdatum.
  4. Irene Heskes: Passport to Jewish Music - Its History, Traditions, and Culture, Greenwood Press, 1994, S. 51
  5. Encyclopaedia Judaica, Band XX / TO-WEI, 2. Aufl., Thomson Gale und Keter Publishing House, 2007, S. 729
  6. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 267
  7. Aron Friedman (Anm.: königl. Musikdirektor und Oberkantor der jüdischen Gemeinde Berlin): Hirsch Weintraub; in der Zeitschrift Ost und West - Illustrierte Monatszeitschrift für das gesamte Judentum, XIV. Jahrgang, Heft 8, August 1914, S. 593
  8. Eduard Birnbaum: H. Weintraub und seine Tempelgesänge, Österreichisch-ungarische Cantorenzeitung, Jahrgang 21, Nr. 28
  9. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 267
  10. Zitiert nach Aron Friedman (Anm.: königl. Musikdirektor und Oberkantor der jüdischen Gemeinde Berlin): Hirsch Weintraub; in der Zeitschrift Ost und West - Illustrierte Monatszeitschrift für das gesamte Judentum, XIV. Jahrgang, Heft 8, August 1914, S. 594
  11. Zitiert nach Aron Friedman (Anm.: königl. Musikdirektor und Oberkantor der jüdischen Gemeinde Berlin): Hirsch Weintraub; in der Zeitschrift Ost und West - Illustrierte Monatszeitschrift für das gesamte Judentum, XIV. Jahrgang, Heft 8, August 1914, S. 594
  12. Hirsch Weintraub und Salomon Weintraub: Shire Bet Adonai oder Tempelgesänge für den Gottesdienst der Israeliten, Ausgabe 21, Sacred Music Press, 1955
  13. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 267 und 268
  14. Daniel S. Katz: Ein erster Blick auf ein geschmackvolles Kastanienstück - Transkription einer vergessenen Komposition von Kantor Salomon (1781-1829), genannt Kaschtan (d.h. "Kastanie"); in Zeitschrift der Vereinigung für Jüdische Studien e. V., Heft 20, 2014, Universitätsverlag Potsdam, S. 62 ff.
  15. Neil W. Levin: Introduction to Volume 14 - Golden Voices in the Golden Land / The Great Age of Cantorial Art in America, auf der Webseite des Milken Archive of Jewish Music
  16. Zitiert nach Aron Friedman: Hirsch Weintraub; in der Zeitschrift Ost und West - Illustrierte Monatszeitschrift für das gesamte Judentum, XIV. Jahrgang, Heft 8, August 1914, S. 598
  17. Irene Heskes: Passport to Jewish Music - Its History, Traditions, and Culture, Greenwood Press, 1994, S. 216 und 226

5 Andere Lexika

Wikipedia kennt dieses Lemma (Zevi Hirsch Alter Weintraub) vermutlich nicht.