Petrokratie

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Als Petrokratie (von Petroleum als Synonym für Erdöl und griech. κρατία [kratía], Herrschaft) wird das gesellschaftliche und politische System von bestimmten Staaten bezeichnet, in denen die Erträge aus dem Export von Erdöl bzw. Erdgas einen großen Anteil am Bruttoinlandsprodukt und Staatshaushalt haben. Petrokratien werden auch als Petro-Diktaturen bzw. Petro-Dictatorships bezeichnet.[1] [2] Petrokratien zeichnen sich durch ein Defizit an Demokratie und der Gewährleistung der Bürgerrechte aus. Während ein auf der Produktion von Waren basierender wirtschaftlicher Aufschwung und der so erreichte Wohlstand meist eine Demokratisierung auslösen (typische Beispiele sind hier Südkorea und die Republik China, die Ende des 20. Jahrhunderts von autoritären zu demokratischen Herrschaftsformen wechselten), ist dies bei wirtschaftlicher Entwicklung, die auf dem Export von Rohstoffen basiert, in der Regel nicht der Fall. Beispiele für Petrokratien sind:

Tina Rosenberg schreibt über die negativen Folgen für primär auf der Erdölförderung basierende Länder:

"Es mag paradox wirken, aber ein Loch im Boden zu finden das Geld ausspuckt kann eine der schlimmsten Sachen sein die einer Nation passieren kann. Mit ein oder zwei Ausnahmen sind wirtschaftlich von der Erdölförderung abhängige Länder ärmer, konfliktbeladener und despotischer. Zwischen 1965 und 1998 schrumpften die Volkswirtschaften der OPEC-Mitglieder um 1,3 Prozent pro Jahr. Vom Öl abhängige Nationen behandeln besonders ihre Armen schlecht: Kindersterblichkeit, Ernährungslage, Alphabetisierungsgrad, Schuldbildung - alles ist in erdölfördernden Ländern schlechter. (...) Öl schafft nicht nur sehr wenige Arbeitsplätze, sondern es zerstört auch Arbeitsplätze in anderen Sektoren. Durch den Anstieg des Wechselkurses eines Landes verzerrt der Export von Öl die Wirtschaft. Die Erdöleinnahmen verdrängen jede andere produktive Tätigkeit. (...) Warum soll man sich bemühen, selber Nahrungsmittel zu produzieren, wenn man sie kaufen kann? Warum sollte man sich bemühen, verschiedene Export-Industrien zu entwickeln, wenn der Erdölverkauf ergiebiger ist. Die erfolgreichsten Gesellschaften entwickeln eine Mittelschicht durch die Produktion. Ölförderung macht dies extrem schwierig." [3]

Inzwischen werden 77% der weltweiten Erdölreserven von staaltichen Ölgesellschaften ausgebeutet. Es gibt 13 staatliche Ölgesellschaften die mehr Ölreserven besitzen als der große private Ölproduzent ExxonMobil. Die Verstaatlichung der Erdölvorkommen liegt speziell in Lateinamerika sehr im Trend.

In den arabischen Petrokratien bezahlen die Machthaber über eine aufgeblähte Bürokratie und lukrative Posten die Bürger für die Akzeptanz der Vorherrschaft/Diktatur eines einzelnen Stammes bzw. der herrschenden königlichen Familie. Die Besteuerungsfunktion wird in einer Petrokratie also umgedreht: Anstelle der üblichen Situation, in der der Staat dem Bürger über Steuern Geld abnimmt und ihm dafür Leistungen zukommen lässt, besteuert hier der Bürger den Staat, d.h. lässt sich vom Staat dafür bezahlen, dass er die monarchische Diktatur nicht kritisiert bzw. bekämpft und sich ruhig verhällt. [4]

Fouad Ajami schreibt dazu:

"Öl ist der Traum der Diktatoren und ihre Waffe, ihre Mittel zur Flucht vor der Rechenschaftspflicht und aus den Grenzen, die die Gesellschaften für ihre Herrscher gezogen haben." [5]

1 Weblinks

  • Petrokratija - Artikel der russischen Journalistin Julija Latynina über das politische System Russlands
  • Eine populistische Petrokratie - Beitrag über Venezuela in der Reihe Mit offenen Karten des Fernsehsenders arte

2 Literatur

3 Quellen

  1. Siehe Thomas Seifert und Klaus Werner: Schwarzbuch Öl / Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld, Deuticke Verlag, 2005
  2. Siehe Hans Eriksson und Björn Hagströmer: Chad / Towards Democratisation or Petro-dictatorship?, Nordiska Afrikainstitutet, Uppsala, 2005
  3. Tina Rosenberg: The Perils of Petrocracy, New York Times Magazine, 4. November 2007: "It may seem paradoxical, but finding a hole in the ground that spouts money can be one of the worst things to happen to a nation. With one or two exceptions, oil-dependent countries are poorer, more conflict-ridden and despotic. Zwischen 1965 und 1998 schrumpften die Volkswirtschaften der OPEC-Mitglieder um 1,3 Prozent pro Jahr. Oil-dependent nations do especially badly by their poor: infant survival, nutrition, life expectancy, literacy, schooling — all are worse in oil-producing countries. (...) Oil not only creates very few jobs, it also destroys jobs in other sectors. By pushing up a country’s exchange rate, the export of oil distorts the economy. Oil rents drive out any other productive activity. (...) Why would you bother to produce your own food if you could buy it? Why would you bother to develop any kind of export industry if oil makes your money worth more and that hurts all your other exports?” The most successful societies develop a middle class through manufacturing; oil makes this extremely difficult."
  4. "Through the creation of bureaucracy, the rulers of the oil states are paying the citizens - by way of lucrative government employment - in return for a cessation of the old tribal wars, for tacit acceptance of the the political supremacy of one tribe or fraction of a tribe (the royal or princely family) over the others. (...) The taxation function is thus reversed in the oil stat: instead of the usual situation, where the state taxes the citizen in return for services,here the citizen taxes the state - by acquiring a government payment - in return for staying quiet, for not invoking tribal rivalries and for not challenging the ruling family`s position." (aus Nazih Ayubi: Arab Bureaucracies / Expanding Size, Changing Roles; in Giacomo Luciani (Hrsg.): The Arab State, Routledge, 1990, Seite 144
  5. U.S. News & World Report, U.S. News Publishing Corporation, 2007, Seite 31: "Oil is the dictators’ dream and their weapon, their means of escape from accountability and from the limits societies have drawn for their rulers."

4 Andere Lexika

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