Abraham und Isaak (Komposition von Igor Strawinsky)

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Darstellung der Opferung von Isaak durch seinen Vater Abraham in einer Darstellung der Goldenen Haggada aus dem Spanien des 14. Jahrhunderts
Abraham und Isaak ist eine Komposition des russischen Komponisten Igor Strawinsky aus dem Jahr 1963. Es handelt sich um eine auf einem biblischen Text basierende und in Zwölftontechnik erstellte Kantate für Bariton und Orchester.

1 Entstehung und Uraufführung[Bearbeiten]

  • Die Komposition entstand auf Anfrage des Israel Festival Committee. Strawinsky begann 1962 mit der Arbeit an dem Werk und vollendete es am 2. Mätz 1963. [1]
  • Er hat das Werk als Zeichen der Dankbarkeit für die Großzügigkeit und Gastfreundschaft während seines Israel-Besuchs im Jahr 1962 dem Volk des Staates Israel gewidmet.
  • Die Uraufführung fand am 23. August unter Leitung von Robert Craft in Jerusalem statt. Bariton war Ephraim Biran. Die übrigen Musiker waren Mitglieder des Israel Festival Orchestra. Die europäische Uraufführung ging am 22. September 1964 bei den Berliner Festwochen unter Leitung von Robert Craft über die Bühne. Solist war der bekannte Dieter Fischer-Dieskau. [2]

2 Text[Bearbeiten]

Bariton ab Takt 136 in der Komposition Abraham und Isaak
  • Der hebräische Text der Kantate beruht auf der biblischen Geschichte der geplanten Opferung von Isaak durch Abraham in Genesis XXII, 1-19 (hebr.: akedah - הָדֵקֲע). [3] Der Text der Kantate ist auf Hebräisch, was urspünglich eine Idee des Komponisten Nicholas Nabokov war. Isaiah Berlin mit dem Strawinsky befreundet war half diesem, der kein Hebräisch beherrschte, dann mit dem Text. Er las ihm den Text in Hebräisch vor, damit Strawinsky sich mit dem Klang vertraut machen konnte. Später fertigte er für Strawinsky eine Version des Originaltextes in russischer Lautschrift und eine Übersetzung ins Englische an. [4] In der Partitur befindet sich der hebräische Text unter der Notenzeile und eine englische Übersetzung oberhalb den Notenzeilen. Das Werk soll nach Strawinskys Willen nur im hebräischen Urtext aufgeführt werden. Strawinsky meinte u.a.:
"Man soll nie eine Übersetzung aus dem Hebräischen versuchen, da die Silben in ihrer Betonung und Klangfarbe ein genau fixiertes und wesentliches Element der Musik sind. Die sprachliche und musikalische Betonung ist übrigens identisch, was in meiner Musik selten vorkommt." [5] [6]

3 Musik[Bearbeiten]

  • Das Werk ist besetzt für zwei Flöten und eine Altflöte, Oboe, Englisch Horn, Klarinette und Bassklarinette, zwei Fagott, Horn, zwei Trompeten, Tenor- und Bassposaune, Tuba, ein Streichorchester (sechs 1. und 2. Violinen, vier Violen, drei Violoncelli und zwei Kontrabässe) und natürlich die Baritonstimme. [7]
  • Nach Strawinsky gliedert sich die Komposition in fünf ohne Unterbrechung zu spielende Teile, die zehn musikalische Einheiten bilden. Nach den in der Partitur vorhandenen doppelten Taktstrichen kann man sieben Abschnitte erkennen. Strawinsky meinte dazu u.a.:
"Sie besteht aus fünf Teilen ohne Unterbrechung, die sich durch Wechsel der Tempi unterscheiden; ferner aus neunzehn Versen, die zehn musikalische Einheiten umfassen." [8]
  • Strawinsky verzichtet in dem Werk auf eine herkömmliche Rhythmisierung. Der Melos der Gesangsstimme orientiert sich eher an der metrisch freien Form der menschlichen Sprache. Die verschiedenen Personen des Textes werden alle durch den Bariton dargestellt. Den Wechsel des Sprecher deutet Strawinsky durch Änderungen in der Dynamik, der Tonlage und durch wechselnde Zentraltöne an. [9]
    Grafik 1:Rotational Array im Werk Abraham und Isaak (Takt 185 und 186 sowie 188 bis 191)
  • 1952 wurde Strawinsky trotz allem Erfolg seiner Werke bewusst, dass seine Musik bei jüngeren Komponisten der Avantgarde immer weniger beachtet wurde und als reaktionär galt. Er befasste sich nun erstmalig mit Zwölftonmusik von Arnold Schönberg und Anton von Webern, die er früher immer als "theoretisch", "experimentell" oder "unzeitgemäß/unmodern" abgelehnt und belächelt hatte. [10] Strawinsky hörte sich u.a. Tonaufnahmen von Schönbergs Violinkonzert und Teile seiner Oper Moses und Aaron, sowie von Weberns Orchestervariationen an. Die Orchestervariationen ließ er sich dreimal vorspielen. Am 24. Februar 1952 wohnte einer Aufführung von Schönbergs Septet-Suite (op. 29) und Weberns Quartett (op. 22) an der University of Southern California bei. [11] In seinen Kompositionen Cantata (1952), Septet (1953) und Three Songs from William Shakespeare (1954) verwendete er dann erstmalig serielle Tonreihen. Bei In memoriam Dylan Thomas (1954) setzt er diese dann zum ersten Mal konsequent ein. In später folgenden Werken, wie Agon (1957), Canticum Sacrum (1955), Threni (1958) oder den Requiem Canticles (1966) verwendet er dann vollständige Zwölftonreihen. [12]
  • Abraham und Isaak basiert auf einer Zwölftonreihe. Joseph N. Straus gibt folgende Reihe an: G - G# - A# - C - C# - A - H - D# - D - E - F# - F. An Intervallen sind kleine und große Sekunden/Septimen sowie große Terzen/kleine Sexte (Intervallklassen bzw. pitch classes 1, 2 und 4) vorhanden. Die Reihe bildet von ihren Intervallklassen aus betrachtet ein Palindrom (1 – 2 – 2 – 1 – 4 – 2 – 4 – 1 – 2 – 2 – 1). [13] Robert Sivy sieht dagegen folgende Reihe als Grundform: F - F# - E - D - D# - H - A - G - G# - A# - C - C#. [14]
  • Strawinsky verwendet aber nicht die gesamte Zwölftonreihe, sondern durch Teilung dieser Reihe gebildete Sechstongruppen (Hexachorde) und teilweise auch Fünf- oder Viertongruppen. Dabei wendet er häufig eine Technik der sogenannten Rotational Arrays [15] an. Dabei wird eine Vier-, Fünf- oder Sechstonreihe zuerst in Originalgestalt gebracht. Beim zweiten Auftreten beginnt die Reihe mit dem zweiten Intervallschritt und die Tonfolge wird dann so transponiert, dass der erste Ton der zweiten Reihe mit dem ersten Ton der ersten Reihe identisch ist. Diese Methode wird fortgesetzt, indem dann bis zum Ende der Tongruppe mit dem nächsten Intervallschritt begonnen und wiederum transponiert wird. [16] [17] [18] Diese Methode der Rotational Arrays kann man an Grafik 1 nachvollziehen, welche sich auf die Takte 185 und 186 sowie 188 bis 191 des Werkes bezieht. Strawinsky selber meinte zu seinem Vorgehen in Abraham und Isaak u.a.:
"Eine Zwölftonreihe wird zwar benutzt, aber sechstonreihige und kleinere Einheiten werden mehr herausgestellt als die vollständige Reihe. Oktaven, Fünftolen und verdoppelte Intervalle sind zu finden., aber sie stehen nicht im Gegensatz zu der periodischen Grundlage der Komposition, die ein Ergebnis von Konkordanzen aus verschiedenen periodischen Formen, oder was ich periodische Vertikalen nenne, ist." [19]
  • Joseph Straus schrieb über das Vorgehen von Strawinsky mittels Rotational Arrays u.a.:
    Igor Strawinsky (links) und Robert Craft, der die Uraufführung von Abraham und Isaak in Jerusalem dirigiert hat
"Melodische Progression mittels systematischem Durchschreiten eines Arrays kommt in Strawinskys später Musik sehr häufig vor. In seinen letzten Werken ist es die Hauptmethode um Serien von Hexachorden zu ausgedehnten Melodielinien zu verbinden. In seinen Werken A Sermon, a Narrative, and a Prayer, The Flood, Abraham und Isaak, Variationen für Orchester in memoriam Aldous Huxley und den Requiem Canticles entfaltet sich Melodie durch systematisches Kreisen durch Rotational Arrays." [20]
  • Das Werk ist teilweise an die Technik der sogenannten Punktuellen Instrumentation, welche Anton Webern in den 1930er-Jahren erstmalig konsequent einsetzte, angelehnt. [21] Es ist also selten eine, mehrere Takte durchgehend gehaltene Kombination der einzelnen Instrumente vorhanden. Stattdessen wechseln die Instrumentalkombinationen teilweise schon nach wenige Tönen. Oft begleiten nur ein oder zwei Instrumente die Gesangslinie. So beginnt das Stück mit zehn Tönen der Viola. Dann übernimmt das Fagott, und bringt acht Töne. Es folgt dann nach wenigen Tönen der Streicher ab Takt 8 eine Kombination aus Oboe, Klarinette, Bassklarinette und Englisch Horn. Danach setzt dann der Gesang ein. Es begleiten abwechselnd Bassklarinette, Bassposaune und Oboe, bevor ab Takt 16 für zwei Takte die gesamte Streichergruppe spielt. Später begleiten verschiedene Instrumentalkombinationen (z.B. Oboe, Horn und Tuba ab Takt 20, Tenor- und Bassposaune ab Takt 25, Horn allein ab Takt 41, später Oboe, Klarinette, Bassklarinette und 1. Violinen, die 1. Violine mit dem Fagott, Flöte und Klarinette in Takt 117, Tuba allein ab Takt 169, Horn und Tuba ab Takt 199 und die Streichergruppe in Takt 202) den Bariton. Häufig dominiert der dunkle Ton der Tuba. Öfters singt der Bariton auch ganz unbegleitet. Kurze Instrumentaleinwürfe unterbrechen immer wieder die Gesangslinie. [22]

4 Rezeption[Bearbeiten]

  • Da die Uraufführung des Werkes abseits der kulturellen Zentren in Jerusalem stattfand, gab es außer kurzen Erwähnungen der Uraufführung kaum Reaktionen in der Presse. Die New York Times schrieb am 23. August 1964 u.a.:
"Igor Strawinsky Kantate Abraham und Isaak wurde bei ihrer Weltpremiere in Jerusalem heute Abend lauwarm aufgenommen. Aber das Publikum erhob sich und jubelte als der Komponist auf der Bühne erschien." [23]
  • Spätere Rezeptionen in den USA waren kritischer bis offen ablehnend. Peter French meinte im März 1968 in der Zeitschrift Musical Opinion, dass Abraham und Isaak "für mich - wenn nicht auch die Aufführenden und das restliche Publikum - eine lebenslange Tortur" gewesen sei. [24]
  • Richard Franko Goldman bewertete die Komposition im Current Chronicle als voll "grauer Monotonie" und fand es "schwer sich vorzustellen, dass diese Noten - obwohl unbezweifelbar mit Logik und Einfallsreichtum gesetzt, einen Hauch von Dramatik oder Leidenschaft hervorrufen können". [25] Sarah Thomas von der Zeitschrift Musical Events bezeichnete Abraham und Isaak als "Strawinskys unzugänglichste jüngere Komposition". [26]

5 Links und Quellen[Bearbeiten]

5.1 Weblinks[Bearbeiten]

5.1.1 Bilder / Fotos[Bearbeiten]

5.1.2 Videos[Bearbeiten]

5.1.3 Audios[Bearbeiten]

5.2 Literatur[Bearbeiten]

  • Volker Scherliess: Igor Strawinsky und seine Zeit, Laaber-Verlag, 1983
  • Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982
  • Joseph N. Straus: Stravinsky's Late Music, Cambridge University Press, 2001
  • Timothy John Buell: Aspects of Stravinsky's Abraham and Isaac, University of Pittsburgh, 1986

5.3 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eric Walter White: Stravinsky - The Composer and His Works, University of California Press, 2. Aufl., 1979, S. 153
  2. Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982, S. 17
  3. Eric Walter White: Stravinsky - The Composer and His Works, University of California Press, 2. Aufl., 1979, S. 529
  4. Claudio Spies: Notes on Stravinsky`s Abraham and Isaac, in Perspectives of New Music, Vol. III, Nr. 2, 1965, S. 104
  5. zitiert nach der Übersetzung aus dem englischen Original von Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982, S. 17
  6. Anm.: Im englischen Original meinte Strawinsky: "No translation of the Hebrew should be attempted, the Hebrew syllables, both as accentuation and timbre, being a principal and a fixed element of the music. I did not try to follow Hebrew cantillation, of course, as that would have imposed crippling restrictions, but the verbal and musical accentuation are identical in the score, which fact I mention because it is rare in my music." (www.laphil.com)
  7. Benjamin Boretz und Edward T. Cone: Perspectives on Schoenberg and Stravinsky, Princeton University Press, 1968, S. 187
  8. zitiert nach der Übersetzung aus dem englischen Original von Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982, S. 18
  9. Robert Sivy: An Explanation of Anomalous Hexachords in Four Serial Works by Igor Stravinsky, S. 26
  10. Anm.: Strawinsky hatte Schönberg u.a. auch vorgeworfen eher mittels feststehender Formeln als mit Ideen zu komponieren.
  11. Joseph N. Straus: Stravinsky's Late Music, Cambridge University Press, 2001, S. 3
  12. Joseph N. Straus: Stravinsky's Late Music, Cambridge University Press, 2001, S. 4 und 5
  13. Joseph N. Straus: Stravinsky's Late Music, Cambridge University Press, 2001, S. 106 - 109
  14. Robert Sivy: An Explanation of Anomalous Hexachords in Four Serial Works by Igor Stravinsky, University of Tennessee, Knoxville, 2011, S. 27
  15. Anm.: Rotational Arrays kann man mit Rotierende Felder übersetzen
  16. Fabian Krahe: "Who says it`s twelve-tone?" - Igor Strawinskys spätes Komponieren, Waxmann, 2014, S. 28 und 96
  17. William H. Richards: Transformation and Generic Interaction in the Early Serial Music of Igor Stravinsky, University of Western Ontario, 2003, S. 55 ff
  18. Anm.: Die Methode der Rotational Arrays hat auch Ernst Krenek in seinem Werk Lamentatio Jeremiae Prophetae aus dem Jahr 1942 eingesetzt. Er bildet hier aus einer Zwölftonreihe zwei sechstönige Gruppen, die dann jeweils abwechselnd mit einem der sechs Töne beginnen. Krenek nennt sein Verfahren "rotierendes Reihensystem". (Hans Vogt: Neue Musik seit 1945, Philipp Reclam jun., 3. Aufl., Stuttgart, 1982, Seite 243-245)
  19. Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982, S. 17
  20. Im englischen Original: "Melodic progression by cycling systematically through the array is extremly common in Stravinsky`s late music - indeed. in the last works it becomes the principal way of conjoining series hexachords to create extended melodic lines. Vast melodic expands of A Sermon, a Narrative, and a Prayer, The Flood, Abraham and Isaac, Variations, and Requiem Canticles arise from systematic cycles through rotational arrays."; zitiert nach Joseph N. Straus: Stravinsky's Late Music, Cambridge University Press, 2001, S. 106
  21. Anm.: Zur Punktuellen Instrumentation bei Webern und anderen Komponisten siehe u.a. Hermann Erpf: Handbuch der Instrumentation und Instrumentenkunde, B. Schott`s Söhne, Mainz, 1959, S. 296 bis 301
  22. Heinrich Lindlar: Lübbes Strawinsky Lexikon, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach, 1982, S. 18
  23. Im Original: "Igor Stravinsky's cantata “Abraham and Isaac” received a lukewarm reception at its world premiere in Jerusalem tonight. But the audience rose to its feet and cheered when the composer ap­peared on the stage to take a bow."; in Stravinsky Work cooly received
  24. Im Original: "... a lifetime of torture–for me if not the performers and the rest of the audience too."; Peter French: The London Concert Scene, in Musical Opinion, LXXXXI/1086, März 1968, S. 311; zitiert nach Rusty Dale Elders: The Late Choral Works of Igor Stravinsky - A Reception History, University of Missouri-Columbia, 2008, S. 191
  25. Im Original: "... greyish monotony ..." und "... difficult to imagine these notes, each one unquestionably placed on the page with logic and ingenuity, never conveying a hint of drama or of passion."; zitiert nach Rusty Dale Elders: The Late Choral Works of Igor Stravinsky - A Reception History, University of Missouri-Columbia, 2008, S. 191
  26. Im Original: "... most inaccessible of Stravinsky’s recent compositions"; zitiert nach Rusty Dale Elders: The Late Choral Works of Igor Stravinsky - A Reception History, University of Missouri-Columbia, 2008, S. 191

5.4 Siehe auch[Bearbeiten]

6 Hinweis zur Verwendung[Bearbeiten]

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7 Andere Lexika[Bearbeiten]

Wikipedia kennt dieses Lemma (Abraham und Isaak (Komposition von Igor Strawinsky)) vermutlich nicht.