Alphorn

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Alphornbläser im Wallis.
Das Alphorn ist ein hölzernes Hirtenhorn, ursprünglich für Signal- und Alarmzwecke, von (je nach dem tiefsten Grundton) 1,2 bis 5 m Länge. Es wird, da es weder Klappen, Züge noch Ventile besitzt, ähnlich den Hörnern und Trompeten der Barockzeit in der Naturtonreihe bis zum 12. Oberton und darüber hinaus geblasen [1] und ist bis zu 5 oder 10 Kilometer hörbar. Besonders in der Schweiz hat das Alphorn eine lange Tradition und gilt vielen als Nationalsymbol. [2] In anderen Ländern existieren ähnliche volkstümliche Instrumente, wie z.B. das Bucium in Rumänien [3], die Trutruca in Chile und Argentinien [4] oder das jüdische Schofar. Auch in Skandinavien, Teilen von Rußland, Tschechien, der Slowakei und Tibet (Dhung) existieren ähnliche Instrumente. [5]

1 Historie

Ursprünglich diente das Alphorn zum Signalgeben, fand aber bald Eingang in das Volksbrauchtum. [6] Im Mittelalter wurden Alphörner auf Abbildungen als Engelstrompeten dargestellt. [7] Im 9. Jahrhundert hat der St. Galler Mönch Balbulus mit Kühreihen sehr ähnliche Sequenzen notiert. Die erste schriftliche Erwähnung eines Alphorns in der Schweiz datiert auf das Jahr 1527. Sie stammt aus einem Eintrag in einem Rechnungsbuch des Klosters von Sankt Urban über "zwei Batzen an einen Walliser mit Alphorn". [8] Im Jahr 1563 nahm Prinz Leonor von Orléans einen Schwyzer Alphornbläser in seine Dienste. Später hatte das Alphorn einen schlechten Ruf als Instrument von Bettlern. Im Jahr 1619 beschrieb bsp. ein Musikgelehrter wie Sennen die sich in der Winterzeit nicht ihren Unterhalt verdienen konnten in den Städten versuchten als "Bettelbläser" ihr Auskommen zu finden. [9]

2 Bauweise

Das Alphorn ist trotz seiner Bauart meist aus Holz, eine Art von Naturtrompete. [10] Das Kesselmundstück kann aus Holz oder Metall sein. [11]

3 Blastechnik

Ähnlich wie ein Blechblasinstrument (Trompete, Posaune, Tuba usw.) werden die Töne durch unterschiedliche Anspannungen der Lippen des Bläsers (zählt deshalb zu den Polsterzungeninstrumenten) erzeugt.[12] [13]

4 Tonvorrat und Stimmung

Naturtonreihe bis zum 20. Oberton mit jeweiliger Abweichung von der temperierten Stimmung in Cent.
Alphörner vermögen die Töne der Naturtonreihe, die nur mehr oder weniger genau den frequenzmäßigen bzw. prozentualen Intervallabständen des abendländischen temperierten Systems entsprechen, wiederzugeben. Sie können nur annähernd die diatonische Reihe ihrer jeweiligen Grundstimmung (in Es, E, F, Fis/Ges, G, Gis/As, B und C) wiedergeben.

Deshalb weichen fast alle Töne, bis auf die Prim (tiefster Ton) und fast allen höheren Oktaven um einen mehr oder minder großen Wert von den temperierten Intervallabständen ab. Diese Abweichung wird in der Musikwissenschaft bzw. Akkustik in Cent gemessen, wobei 100 Cent einem Halbtonabstand entsprechen. Bei einigen Tönen ist diese Abweichung für das menschliche Gehör kaum wahrnehmbar, bei anderen jedoch merklich hörbar. Bei den Quinten ist die Abweichung mit +2 Cent minimal. Auch die Sekunde liegt mit +4 Cent noch niedrig. Die Terzen weichen mit -14 Cent schon etwas mehr ab. Besonders starke Abweichungen weisen der 7. Ton (die "Septime" mit -31 Cent) und der 11. Ton (als Quarte mit -49 Cent fast exakt zwischen Quarte und verminderter Quinte stehend) auf. [14] Deshalb werden diese Töne auch mit gesonderten Namen bezeichnet. Die "Septime" des Alphorns nennt man "Naturseptime" und die 11. Stufe "Alphorn-Fa". [15] Einfacher gesagt: Der 7. Teilton ist (Grundtonart C angenommen) ein zu tiefes b, der 11. Teilton höher als das F, und der 13. Teilton liegt zwischen as und a. [16]

Die musikalisch logische Folgerung aus diesen Abweichungen vieler Alphorntöne von der temperierten Stimmung ist, dass Alphörner sich im Zusammenspiel mit temperierten Instrumenten (z.B. mit einem Orchester) meist auf aus Prim, Terz und Quinte und Sekunde samt aus Oktavierungen gebildeter Melodien beschränken müssen. Quarte, Sexte und Septime schließen sind aus oben gennaten Gründen kaum verwendbar. Diese bewusste Beschränkung des Tonvorrats bei Alphornmotiven ist auch bei den weiter unten aufgeführten Notenbeispielen - obwohl dort wegen der Verwendung von temperierten Blasinstrumenten (Hörner, Klarinetten, Flöten, Englisch Horn, Posaunen, etc.) mehr möglich wäre - klar erkennbar.

5 Klassische Werke für Alphorn

Es existieren - auch aus den oben genannten Beschränkungen - wenige klassische Kompositionen für Alphorn mit Orchester. Das bekannteste Werk ist die Sinfonia pastorella für Alphorn und Streicher in G-Dur von Leopold Mozart. [17] [18] Der tschechische Komponist Jiří Družecký (1745-1819) verfasste eine Komposition namens Parthia auf Bauerninstrumenten für Alphorn Drehleier, Dudelsack, Hackbrett, Zither und Xylophon.

Neuere Werke für das Alphorn sind das die Petite Suite alpestre für Alphornsolo und das Concertino Rustico von Ferenc Farkas für Alphorn und Streicher aus dem Jahr 1977. [19] [20] Der Schweizer Komponist Jean Daetwyler schrieb acht Stücke für Alphorn. Davon ist das Concerto pour cor des alpes et orchestre wohl das Bedeutendste. [21]

6 Alphornmotive in klassischer Musik

Alphornmotiv des Horns in F in der Arie "Der muntre Hirt" aus Joseph Haydns Werk "Die Jahreszeiten" Hörbeispiel des Alphornmotivs in Haydns "Der muntre Hirt" auf Youtube
"Alphornweise aus der Rigi" und selbes Motiv aus dem 5. Satz von Beethovens 6. Sinfonie. Hörbeispiel des Alphornmotivs im 5. Satz aus Beethovens 6. Sinfonie auf Youtube
Alphornmotiv in der Ouvertüre aus Rossinis Oper Guillaume Tell (liegende Akkorde von Hörnern und Fagott sowie pizzicato der Streicher weggelassen. Im Youtube Hörbeispiel ab 5`53 Minuten
Alphornmotiv der Hörner in C aus dem 4. Satz der 1. Sinfonie von Johannes Brahms

In klassischer Musik wurden im 18. und vermehrt im 19. Jahrhundert von Tonfolge und Rhythmus typische Alphornmotive eingesetzt. Diese wurden dabei allerdings Blasinstrumenten des klassischen Orchesters übertragen.

  • Der belgische Komponist André Grétry komonierte 1791 in Paris eine Oper namens William Tell. Mehrere Teile des Werkes enthalten typische Alphornmotive, u.a. auf der Klarinette. [22] [23]
  • Ein vom Englisch Horn in F gespieltes Alphornmotiv verwendet Joseph Haydn in der Arie "Der muntre Hirt" im zweiten Teil (Sommer) seines Werkes Die Jahreszeiten zur Illustration des Textes "Der muntre Hirt versammelt nun die frohen Herden". [24] [25]
  • Im vierten Satz von Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie (Allegretto - Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm) stimmen die Anfangstakte notengetreu mit einer von Heinrich Szadrowsky im Jahr 1855 aufgezeichneten "Alphornweise von der Rigi" überein. Dabei wird diese nacheinander von der ersten Klarinette in B und dem ersten Horn in F vorgetragen. [26] [27] Die Alphornweise wird dann von den Streichern variiert und fortentwickelt und bildet eines der Hauptmotive des Satzes. Gegen Ende des Satzes erscheint es dann noch ein mal kurz in den Trompeten.
  • Ein Abschnitt aus Harold in Italien von Hector Berlioz aus dem Jahr 1834 verarbeitet wiederum einen Ranz des Vaces anfänglich im Englisch Horn und später in den Hörnern in G.
  • Johannes Brahms verwandte im fünften Satz seiner 1. Sinfonie in den Takten 30 bis 38 auch ein Alphornmotiv. Er hat das Thema wahrscheinlich im Lauterbrunnental im Berner Oberland gehört und auf einer Postkarte an Clara Schumann mit dem Kommentar "Also blus das Alphorn heut" notiert. Das Motiv wird dabei ab Takt 30 vom Horn in C vorgestellt und ab Takt 39 von der Flöte und später der Klarinette fortgeführt. [30] [31] Das fis in Takt 34 repräsentiert dabei sozusagen als "frequenzmäßiger Kompromiss" den 11. Oberton, also das oben erwähnte Alphorn-Fa. [32]
  • In Richard Wagners Oper Tristan und Isolde erklingt im dritten Akt ein einem Alphornmotiv nachgebildeter Ruf des Englisch Horn. [33] Wagner - der sich auch sehr mit dem Bau und der Verbesserung von Blechblasinstrumenten beschäftigte - empfahl hierfür entweder das Horn durch Oboen und Geigen zu verstärken, oder besser gleich aus Holz ein besonderes Instrument (mit metallenem Mittelstück für ein Ganzton-Piston-Ventil) nach Modell der Alphörner anzufertigen. [34]
  • Der slowenische Komponist Vinko Globokar komponierte das in Helsinki im Jahr 1986 uraufgeführte Werk Cris des Alps für ein auf As gestimmtes Alphorn. [35]

7 Popularmusik

Auch in der Jazz- und Rockmusik sowie der World-Music ist das Alphorn inzwischen angekommen. Der persische Trompeter Mostafa Kafa`i Azimi verwendete ein Alphorn bereits 1977 im Song Swiss Lady in der Pepe Lienhardt Band. [36] Der deutsche Freejazzer Peter Kowald setzt neben der Tuba auch das Alphorn ein, und der holländische Perkussionist Han Bennink setzte das Dhung (eine tibetanisches Alphorn) ein. [37] Besonders reizvoll ist der Einsatz des Alphorns durch die attraktive Blondine Eliane Burki, die damit mit ihrer Band knackige Rock- und Funksongs präsentiert. Vom Jazzmusiker und Komponisten klassisch ambitionierter Werke, Anthony Braxton, stammt das Werk Composition No. 172 aus dem Jahr 1992 für elf Alphörner. [38]

8 Rekorde

Alois Biermeier aus Bischofswiesen baute ein 19,70 Meter langes und 77 kg schweres, aus einem einzigen Fichtenstamm gefertigtes Alphorn. [39] Das längste Alphorn der Welt mit einer Länge von 47 Metern wurde von dem Alphornbauer Josef Stocker (Schweiz) zusammen mit Peter Wutherich (USA) gebaut.[40] [41]

9 Einzelnachweise/ Fußnoten

  1. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 7
  2. Carl Dahlhaus und Hans Heinz Eggebrecht: Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band I, A-K, F. A. Brockhaus und B. Schott`s Söhne, Wiesbaden/Mainz, 1978, S. 33
  3. Artikel zum bucium in der engl. Wikipedia
  4. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 7
  5. Harald Skorepa (unter Mithilfe von Clemens Kuhn): Ultimus-Musiklexikon auf CD-ROM, Papendorf SE GmbH, 1997-2005
  6. Harald Skorepa (unter Mithilfe von Clemens Kuhn): Ultimus-Musiklexikon auf CD-ROM, Papendorf SE GmbH, 1997-2005
  7. Carl Dahlhaus und Hans Heinz Eggebrecht: Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band I, A-K, F. A. Brockhaus und B. Schott`s Söhne, Wiesbaden/Mainz, 1978, S. 33
  8. Brigitte Bachmann-Geiser: Das Alphorn in der Schweiz, Verlag Paul Haupt, 1976, S. 10
  9. Christian Schneider: Die Alphornbläser - Einführung in die Technik des Alphornblasens, Books on Demand, 2011, S. 10; Online auf Google Book Search
  10. dtv-Atlas zur Musik, Band I, dtv und Bärenreiter, München, 11. Aufl., 1977, S. 51
  11. Harald Skorepa (unter Mithilfe von Clemens Kuhn): Ultimus-Musiklexikon auf CD-ROM, Papendorf SE GmbH, 1997-2005
  12. Auch das Erzeugen von Tönen mittels Lippenvibration mit einer Gießkanne oder auf einem Gartenschlauch funktioniert ebenso.
  13. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 7
  14. Friedrich Blume (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Band 6, Bärenreiter-Verlag, 2008, S. 700 und 701
  15. Carl Dahlhaus und Hans Heinz Eggebrecht: Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band I, A-K, F. A. Brockhaus und B. Schott`s Söhne, Wiesbaden/Mainz, 1978, S. 33
  16. Brigitte Bachmann-Geiser: Das Alphorn in der Schweiz, Verlag Paul Haupt, 1976, S. 19
  17. Hörbespiel CONCERTO pour Cor des Alpes-L . Mozart auf Youtube
  18. Anm.: An diesem Hörbeispiel merkt man deutlich dass sich Komponisten für Werke mit einem originalem Alphorn melodisch aus oben genannten Gründen meist auf Prim (Oktave), Quinte und Terz beschränkten. Die Stellen in denen hier die Quarte (Alphorn-Fa) oder Septime (Naturseptime) eingesetzt sind, werden auch ohne Gehörschulung vom Hörer als "leicht falsch" (weil untemperiert) wahrgenommen.
  19. Aus der offizielen Seite von Ferenc Farkas (www.ferencfarkas.org)
  20. Ferenc Farkas (1905 - 2000) auf www.archidicolonia.de
  21. [1]
  22. Nicholas Shoumatoff und Nina Shoumatoff: The Alps - Europeans mountain heart, University of Michigan, 2001, S. 165
  23. Richard Freed: Overture to William Tell auf der Seite des Kennedy-Centers (www.kennedy-center.org)
  24. Raymond Monelle: The musical topic - Hunt, Military and Pastoral, Indiana University Press, Bloomington, 2006, S. 102
  25. Frances Jones: The Alphorn - Revival of an ancient instrument, Reproduced from THE CONSORT, Journal of The Dolmetsch Foundation, Vol.62, Summer 2006, S. 13; Online auf www.amazingalphorn.co.uk
  26. Martin Geck: Ludwig van Beethoven, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek b. Hamburg, 1996, S. 88
  27. Alphornmotiv im 5. Satz aus Beethovens 6. Sinfonie auf Youtube
  28. Frances Jones: The Horn Call, 2010
  29. Z.B. zu hören in der Ouvertüre zu Guillaume Tell ab 5`43 Minuten auf Youtube
  30. Michael Musgrave: The music of Brahms, Oxford University Press, New York, 1993, S. 131; Online auf Google Book Search
  31. Pablo Giw Niesemann: Johannes Brahms: Symphonie No. 1 C-moll - opus 68 (oder „Eine Bewusstseinsfindung“)
  32. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 8
  33. Notenbespiel zu dieser Stelle in Hermann Erpf: Handbuch der Instrumentation und Instrumentenkunde, B. Schott`s Söhne, Mainz, 1959, S. 177, Notenbespiel 168
  34. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 8
  35. Jean-Noel von der Weid: Die Musik des 20. Jahrhunderts - Von Claude Debussy bis Wolfgang Rihm, (von Andreas Grimhold aus dem französischen Original La Musique de XX siecle in das Deutsche übersetzt), Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2003, S. 160
  36. Pepe Lienhardt Band mit dem Song Swiss Lady auf Youtube
  37. Joachim-Ernst-Berendt: Das Jazzbuch, Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt a. M., 4. Aufl., 1989, S. 475
  38. Jean-Noel von der Weid: Die Musik des 20. Jahrhunderts - Von Claude Debussy bis Wolfgang Rihm, (von Andreas Grimhold aus dem französischen Original La Musique de XX siecle in das Deutsche übersetzt), Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2003, S. 160
  39. Harald Skorepa (unter Mithilfe von Clemens Kuhn): Ultimus-Musiklexikon auf CD-ROM, Papendorf SE GmbH, 1997-2005
  40. Das längste Alphorn der Welt auf der Website Alphornmusik.de mit Fotos der längsten Alphörner
  41. World's Biggest Alphorn Claimed Artikel der Chicago Tribune vom 28. Dezember 1999