Gevolt

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Gevolt [1] ist eine israelische Metalband, die in ihrer Musik Elemente aus Metal, Industrial Rock und jüdischen Volksmusiktraditionen verbindet. Sie war die erste Band, die in ihrer Musik Metalsound mit jiddischen Klängen und Texten mischte.
Die israelische Rockband Gevolt bei einem Liveauftritt

1 Bandgeschichte[Bearbeiten]

  • Gevolt wurde im Jahr 2001 vom Sänger Anatholy Bonder, dem Gitarristen Yevgeny Kushnir, dem Schlagzeuger Oleg Szumski und dem Bassisten Max Mann gegründet. Vier Jahre später stieß die Violinistin Marina Klionski zur Band. Im Jahr 2006 erschien ihr Debütalbum Sidur [2] mit Texten in russischer [3] Sprache. 2007 veröffentlichten sie die Promo-Single Yiddish Metal. Hier ist der Gesang erstmals in Jiddisch gehalten.
  • Danach kam es zu etlichen personellen Wechseln: Oleg Szumski verließ die Band und wurde durch Vadim Weinstein ersetzt. Außerdem stieß der Keyboarder Dmitry Lifshitz dazu. 2008 verließ Marina Klionski die Band und die beiden Violinistinnen Anna Agre und Eva Yefremov kamen zu Gevolt. Bereits ein Jahr später verließ Anna Agre die Band wieder und Yevgeny Kushnir wurde durch Michael Gimmervert ersetzt. 2010 verließ Max Mann die Gruppe und Mark Lekhovitser übernahm den Bass.
  • Im Jahr 2011 erschien ihr zweites Album mit dem Titel AlefBase. [4] Die Texte waren nun auf Jiddisch. Zeitungen wie die Jerusalem Post, [5] Die Welt [6] und der Yiddish Forward [7] berichteten über die Band.
  • Danach verließen Michael Gimmervert und Mark Lekhovitser die Gruppe. Als Ersatz konnte man Vadim Raitses und Anton Skorohodov verpflichten. 2013 trat die Band als Opener beim Folk-Fest III in Tel Aviv auf. [8] Im Jahr 2015 erschien eine Single mit dem Song Khokhotshet. Nach Veröffentlichung der Single verließen Vadim Raitses und Anton Skorohodov die Band. Im Jahr 2016 begab sich Gevolt auf eine kurze Tournee nach China. Für den ausgeschiedenen Vadim Raitses kehrte der Gitarrist Michael Gimmervert zurück und für die vakante Stelle des Bassisten engagierte man Alex Zvulun. Außerdem stieß die Violinistin Marianne Tur zur Band.

2 Musik[Bearbeiten]

Auf ihrem zweiten Album mit dem Titel AlefBase interpretieren Gevolt einige traditionelle jiddische Lieder, wie z.B. das Lied Der Rebe Emikelekh von Moyshe Nadir (1885-1943)
  • Gevolt verbinden Elemente von Industrial Rock und Electro, wie z.B. repetitive Elemente (z.B. Sequenzerlinien), Synthesizersound und Samples von Alltagsgeräuschen mit den harten E-Gitarrenriffs und dem wuchtigen Schlagzeugspiel des Metal. Der Titel Golubj von ihrem Debütalbum besteht z.B. nur aus Synthesizerflächen im Stil von Jean Michel Jarre mit darüber gelegtem Gesang. Der Song Dva plus dva beginnt ähnlich, bevor nach 35 Sekunden harte Gitarren-Riffs und Schlagzeug dazu treten. Darüber ist eine fast lieblich wirkende Keyboardlinie gelegt. Danach wechselt der Song mehrmals zwischen diesem metallastigen Part und Abschnitten mit Keyboardflächen, Bass und Schlagzeug ohne E-Gitarren. Ähnlich aufgebaut ist z.B. auch der Titel Molotok (Vozzvanie k arkhontu).
  • Die Musik von Gevolt erinnert, nicht nur wegen des pathetisch-brachialen Gesangsstils, an die deutsche Rockband Rammstein. Dazu tritt, wie z.B. in den Songs Dyshi oder Pyatj perjyev, als Kontrast zum tiefen, männlichen Leadgesang weiblicher Chorgesang. Solistische Instrumentaleinwürfe wie z.B. die im Metal beliebten E-Gitarrensoli sind bei Gevolt (abgesehen von Soli der Violine auf ihrem zweiten Album) fast gar nicht anzutreffen. www.obliveon.de schreibt zur Musik ihres Debütalbums u.a.:
"Trotzdem genügt der Begriff Metal nicht um die Musik der Band zu beschreiben, denn neben Folk und Metal verwendet die Band auch viele Electro- und Industrialsounds, vier der insgesamt elf auf „Sidur“ vertretenen Tracks werden sogar durch weiblichen Operngesang und zwei durch Violinenspiel ergänzt. Die Spannbreite der Musik ist also recht breit und reicht bei Stücken auf denen die Industrialschlagseite hervorgehoben wird und Mainman Antholny Bonder eine Art Sprechgesang rezitiert von Rammstein bis Korpiklaani." [9]
  • www.gearsofrock.com meint zur Musik des Debütalbums:
"Auf Sidur, dem neuesten Album von Gevolt, trifft jiddischer Folkmetal auf Rammstein. Auf den elf Tracks dieses sephardischen [10] Septetts werden traditionelle Musikstile Israels mit einer Keule aus Industrial-Metal voll effektvoller Keyboardklänge gemischt, und erzeugen in Songs wie Liturgia und Na More einen überirdischen Nachgeschmack von Gothic-Musik." [11]
Im von Gevolt unter dem Titel Der Alefbeys neu interpretierten jiddischen Lied Oyfn Pripetshik geht es, wie hier in einer jüdischen Schule in Lublin im Jahr 1924, um das Lernen des Lesens
  • Auf ihrem Album AlefBase interpretiert die Band traditionelle jiddische Lieder wie Der Rebe Elimelekh von Moyshe Nadir (1885-1943), das aus Russland stammende jiddische Volkslied Tumbalalaika, das anlässlich des Aufstands im Warschauer Ghetto im Jahr 1943 von Hirsch Glik geschriebene Zog nit keyn mol, das 1932 von Sholom Secunda und Jacob Jacobs für das jiddische Musical Men ken lebn nor men lost nisht verfasste Lied Bei Mir Bistu Shein, das im Jahr 1899 von Mark Markovich Warshavsky komponierte Oyfn Pripetshik/Der Alefbeys, das von Joseph Rumshinksy (1881–1956) verfasste Sheyn Vi Di Levone oder das jiddische Volkslied A Mol Iz Geven A Mayse. Das Album wurde als Bestandteil des jüdischen Kulturerbes in das Freedman Jewish Sound Archive der Van Pelt Library der University of Pennsylvania aufgenommen. [12] Der Sänger der Band, Anatoly Bondar, sieht die Interpretation der jiddischen Lieder auf AlefBase auch als Akt der Bewahrung der jüdischen Vorkriegskultur, die vor allem für junge Menschen mit dem Holocaust abgebrochen/vergessen scheint. Er meinte u.a.:
"Diese Sprache ist Teil unserer Kultur, Teil der jüdischen Kultur. Viele junge Leute wollen heute wissen, wo sie herkommen. Hinterher war Israel, und vorher war nichts. Diese zerstörte ostjüdische Kultur ist irgendwie auch unsere Kultur." [13]
  • Die Musik auf AlefBase ist kompakter und musikalisch gekonnter umgesetzt als auf dem Debütalbum der Band. Gleichzeitig ist das Album für Musik im Stil von Rammstein musikalisch erstaunlich abwechslungsreich. In vielen Songs hat die Violine relativ lange Abschnitte in denen sie melodieführend agiert. Beispiele dafür sind der Titel Shpil Zhe Mir A Lidele In Yiddish, in dem die Violine nach zwei Minuten für über eine Minute in den Vordergrund tritt, das Violinsolo nach 2`50 Minuten des Titels Mayn Rue Plats oder die im Song Zog Nit Keyn Mol nach zwei Minuten allein erklingende, wehmütige Violine. Das auf dem Debütalbum meist recht gleichförmig und starr wirkende Schlagzeugspiel ist auf AlefBase (siehe z.B. die vielen Breaks im Song Bay Mir Bistu Sheyn) vielfältiger gestaltet. Der Einsatz von Percussionklängen (z.B. nach 2`40 Minuten im Titel Der Rebe Elimelekh oder nur mit Percussion und Gesang nach 1`10 Minuten im Titel Mayn Rue Plats) verleiht der Musik zusätzliche musikalische Farben. Der Titel Bay Mir Bistu Sheyn beginnt gar mit einem Solo des arabischen Saiteninstruments Oud und wird dann, bevor schließlich harte Powerchords der E-Gitarre einsetzen, mit Oud und Percussion fortgesetzt.
  • Der u.a. am Institute for Jewish Policy Research in London und am Leo Baeck College lehrende Soziologe und Musikkritiker Keith-Harris Kahn schreibt über die Musik des Albums AlefBase:
    Die klassisch ausgebildete Violinistin Eva Yefremof spielte von 2008 bis 2016 in der Band Gevolt
"Sie covern Standards wie Tum Balalaika, aber ihre Musik ist weit entfernt von unangenehm aufstoßender Nachahmung. Die Musik von Gevolt erfüllt durch den Einsatz der Violine und Anatoly Broders von Herzen kommender jiddischer Diktion die Kriterien authentischer jiddischer Musik weitaus mehr als die Band Dibbukim, [14] und erzeugt so eine weitaus interessantere und einmaligere musikalische Mischung. Der engste musikalische Bezugspunkt der Musik von Gevolt ist nicht der Folk-Metal sondern die Band Rammstein und die Neue Deutsche Härte. Bonders dramatischer Gesangsstil ruft Till Lindemann in Erinnerung, ihr jiddischer Tonfall bietet einen unausgesprochenen Kommentar zur deutschen Härte. Es ist dieser Kontrapunkt zwischen deutscher Härte und trällernden Jiddismen der Gevolt so interessant macht. Ihre Version der berühmten jüdischen Partisanenhymne Zog Nit Keyn Mol aus dem Zweiten Weltkrieg wirft eine Menge faszinierender Fragen auf: Ist Gevolts jiddischer Metal eine Feier jiddischer, nichtzionistischer Härte? Oder ist es eine nuancierte und ironische Erforschung harter jüdischer Maskulinität? Ebenso wie bei Rammstein weiß man nie wie es wirklich gemeint ist. Und das macht Gevolt interessant." [15] [16]

3 Links und Quellen[Bearbeiten]

3.1 Siehe auch[Bearbeiten]

3.2 Weblinks[Bearbeiten]

3.2.1 Bilder / Fotos[Bearbeiten]

3.2.2 Audios und Videos[Bearbeiten]

3.3 Literatur[Bearbeiten]

3.4 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anm.: Der Bandname Gevolt bezieht sich vermutlich auf das jiddische Wort für wollte/gewollt, wie z.B. im Satz "kajner od nis gevolt meje lejbm" / dt.: "keiner wollte mehr leben". (Satzbeispiel aus Ulrike Kiefer: Gesprochenes Jiddisch - Textzeugen einer europäisch-jüdischen Kultur, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1995, S. 322)
  2. Anm.: Der Titel Sidur könnte auf den hebräischen Ausdruck siddur (סידור), die übliche Bezeichnung für das jüdische Gebetbuch für den Alltag und den Sabbat, verweisen.
  3. Anm.: Einige der Bandmitglieder migrierten als junge Männer Anfang der 1990er-Jahre aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Israel.
  4. Anm.: Alef (אלף) ist der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet und hat den Zahlenwert 1.
  5. Joanna Paraszczuk: Yiddish is alive and well in the Hebrew city (Artikel aus der Jerusalem Post vom 8. Oktober 2010)
  6. Michael Borgstede: Warum das Jiddische eine Renaissance erlebt (in Die Welt vom 25. April 2011)
  7. Mordechai Shinefield: Death Metal for a Dying Language (am 20. September 2007 auf www.forward.com
  8. Val Smirnoff: Promotion: FOLK FEST III – An Irish Night To Remember - Tel Aviv, Israel - 13.9.2014
  9. www.obliveon.de
  10. Anm.: Wie www.gearsofrock.com angesichts der russischen und damit aschkhenasischen Herkunft der Bandmitglieder und den teils jiddischen Liedern der Band zur Formulierung "sephardic septet" kommt ist unverständlich.
  11. Im Original: "Yiddish folk metal meets Rammstein on Sidur, the latest offering from Gevolt. This Sephardic septet’s 11-track excursion meshes traditional styles of Israel with an industrial strain of metal chock-full of effected keyboards, that ultimately leaves an unearthly Gothic aftertaste, on cuts like “Liturgia” and the sinewy “Na More”." (auf www.gearsofrock.com)
  12. www.digital.library.upenn.edu
  13. Michael Borgstede: Warum das Jiddische eine Renaissance erlebt (aus Die Welt vom 25. April 2011)
  14. Anm.: Dibbukim ist eine 2009 gegründete nichtjüdische, schwedische Folkmetal-Band, die auch traditionelle jiddische Lieder neu interpretiert.
  15. Im Original: "They cover Yiddish standards such as ‘Tum Balalaika’, but their music is far from an uncomfortable pastiche. What’s interesting is that while Gevolt’s use of violin and Anatoly Bonder’s heartfelt Yiddish diction tick those authenticity boxes more than Dibbukim, their music offers a much more interesting and unique kind of hybrid. The closest musical reference point is not folk metal but Rammstein and the Neue Deutsche Härte. Bonder’s dramatic vocal stylings recall Till Lindemann, their Yiddish cadences offering an implicit commentary on Germanic hardness. It is this counterpoint between Germanic hardness and lilting Yiddishisms that make Gevolt so interesting. Their version of the famous World War Two Jewish partisan anthem Zog Nit Keyn Mol throws up a host of fascinating issues: is Gevolt’s Yiddish metal a celebration of Jewish – non-Zionist – hardness? Or is it a more nuanced and ironic exploration of Jewish hard masculinity? As with Rammstein, you never really know. There lies Gevolt’s interest." (auf Yiddish-speaking Vikings (cross-posted with Souciant webzine) auf www.kkahnharris.typepad.com
  16. Anm.: Der im Zitat erwähnte Till Lindemann ist der Sänger der Band Rammstein.

4 Andere Lexika[Bearbeiten]

Wikipedia kennt dieses Lemma (Gevolt) vermutlich nicht.