Lure (Blasinstrument)

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für weitere Bedeutungen siehe Lure
Grafik von S. 27 des Buches
"Dänemarks Vorzeit durch Alterthümer und Grabhügel beleuchtet von J. J. A. Worsage - Aus dem Dänischen übersetzt von R. Bertelsen, Land. Theol. - Kopenhagen. Verlag von C. A. Reitzel, Universitätsbuchhändler. Die Holzschnitte von Kittendorf. Gedruckt bei Bianco Luno. 1844."
Luren (dän. lur - Plural lurer) sind Hörner der germanischen Vorzeit (900 bis 500 [1] bzw. 800-700 v. Chr.) [2] und gehören zu den Blasinstrumenten. [3]

1 Namensgebung[Bearbeiten]

Der Name Lur ist alten skandinavischen Ursprungs und bedeutet Signalhorn. Er wurde dem Instrument nach seiner erstmaligen Entdeckung im Jahr 1797 gegeben. Im skandinavischen Raum wird die Bezeichnung auch für hölzerne, in größeren Formen den Alphörnern ähnelnde Instrumente verwandt. [4]

2 Archäologische Erkenntnisse[Bearbeiten]

Das wohl älteste nordeuropäische Instrument aus Metall, und eines der ältesten weltweit ist die Lure, deren tatsächlicher Name nicht überliefert ist. Es wird seit dem erstmaligen Fund eines Instruments im Jahr 1797 (damals fand ein Bauer - dies war der erste, zugleich größte und berühmteste Lurenfund der Geschichte - drei Lurenpaare beim Torfgraben im heute trocken gelegten Moor Brudevælte Mose in der Nähe der Farm Fuglerup, nordöstlich von Lynge in Nordseeland) [5] [6] mit diesem Namen bezeichnet. [7] Originale Bronzeluren wurden ausschließlich in den Mooren des Ostseeraumes, vor allem in Dänemark, aber auch in Südschweden, Norddeutschland und Norwegen gefunden. In Deutschland wurden bisher sechs Luren aus der Bronzezeit gefunden. Fünf Lurenfunde liegen allein in Mecklenburg-Vorpommern. Da Luren immer paarweise und spiegelbildlich gedreht gefunden wurden, ist die Annahme berechtigt, dass sie den gedrehten Hörnern der Rinder nachempfunden wurden und somit zunächst aus einfachen Naturhörnern gebaut worden sind. Später sind sie in nahezu perfekter Handwerkskunst in dünnstem Bronzeblech gegossen worden. [8] Die heute angefertigten Reproduktionen erreichen diese geringe Wandstärke nicht. Der technische Kenntnisstand vor 3500 Jahren gibt noch heute Rätsel auf.

3 Verwendung[Bearbeiten]

Luren fanden wohl vornehmlich bei Kulthandlungen Verwendung. Über ihre musikalische Nutzung gibt es jedoch keine quellenmäßig gesicherten Erkenntnisse, sondern nur aus einzelnen Merkmalen abgeleitete, spekulative Schlussfolgerungen. Die zeit- und kostenintensive damalige Arbeit an den Instrumenten unter Verwendung kostbarer Materialien und die Tatsache der Versenkung als Opfergabe in Mooren lassen einen hohen kultisch-gesellschaftlichen Rang des Instruments vermuten. [9]

4 Gestaltung[Bearbeiten]

Luren sind meist kunstvoll in mehreren Teilen aus Bronze gegossen und S-förmig gewunden und gedreht. Die bis über zwei (nach anderen Angaben 1,5 bis 2,2) Meter langen leicht konisch geformten Luren wurden oben meist mit einem flachen (häufig mit Sonnenornamenten versehenen) Zierteller abgeschlossen. Das Mundstück ist meist konisch oder kesselförmig. [10]

5 Klang und musikalischer Einsatz[Bearbeiten]

Die "Paarigkeit" entspricht wahrscheinlich dem Vorbild von Tierhörnern in der Natur, und diente wohl auch der Klangverstärkung und eventuell dem "akkordischen Spiel". So fand man drei Lurenpaare von denen zwei in C und eines in Es stand. [11] Der Klang der Luren soll posaunenähnlich [12] und - wie Klangversuche an originalen Luren ergaben - voll und weich gewesen sein. [13] Nach anderer Ansicht standen die Luren vom Klang her eher zwischen Waldhorn und Trompete. [14] Der deutsche Musikwissenschaftler Rudolf von Ficker erklärt die Art des Lurenspiels durch den Hinweis auf eine uralte, in der Normandie fortlebende Hirtenmusik. Zwei oder mehr Naturhörner der selben Stimmung hätten immer den gleichen Vier- oder Fünfklang als Abschattierung einer stets gleichen Klangqualität, ähnlich kirchlichem Glockengeläut, umkreist. [15] Er vermutet, dass es sich um ausgesprochene Klangmusik, aber keine mehrstimmige Musik handelte. [16] Hans Schnoor vermutet polyphone Spielweisen, zumindest in der Zweistimmigkeit. [17]

6 Antiquarisches Wissen[Bearbeiten]

6.1 J. J. A. Worsaae/ R. Bertelsen[Bearbeiten]

„Für Kriegstrompeten, mit denen das Zeichen zum Angriff etc. gegeben wurde, muß man ohne Zweifel die merkwürdigen sogenannten Luren, die von gegossener Bronze waren, ansehen.
...
Wenn sie geradeaus gestreckt gedacht werden, so würden sie gewöhnlich eine Länge von etwa 3 Ellen haben; in gebogenem Zustande sind sie nur ungefähr 7 Viertelellen lang. Muthmaßlich wurden sie von dem Lurbläser über die Schulter geworfen dergestalt daß er mit der rechten Hand das Mundstück umfaßte, während er mit der linken unten dicht an der breiten Scheibe festhielt. Weil diese so von vorne gesehen wurde, so ist sie mit runden Erhöhungen und Ringverzierungen geschmückt. An einer einzelnen Lur hat sich eine lange Metallkette gefunden, die an dem Mundstück und dem entgegengesetzten Ende festgemacht war, und so gute Dienste leistete, wenn der Lurbläser ausruhen wollte, oder wenn er die Lur einen weiten Weg tragen sollte. Mehrere Luren sind so gut erhalten, daß sich noch mit denselben blasen läßt; der Schall ist jedoch nicht so dumpf, wie man glauben möchte; in dieser Rücksicht können sie nur zwischen das Waldhorn und die Trompete gesetzt werden.“

J. J. A. Worsaae/ R. Bertelsen: "Dänemarks Vorzeit durch Alterthümer und Grabhügel beleuchtet von J. J. A. Worsage - Aus dem Dänischen übersetzt von R. Bertelsen, Land. Theol. - Kopenhagen. Verlag von C. A. Reitzel, Universitätsbuchhändler. Die Holzschnitte von Kittendorf. Gedruckt bei Bianco Luno. 1844."; ebd.: S. 27

6.2 Hans Schnoor[Bearbeiten]

„Eine verselbständigte urzeitliche Instrumentalmusik kannte sowohl der Norden (Luren-Musik) als auch der Orient. (...) [18]
Heidnisch-volkstümliche Antriebe witterten die Kirchenleute mit Recht in der "barbarischen" Mehrstimmigkeit: vielleicht deuten noch die prähistorischen posaunenartigen Bronzeinstrumente der Luren, die meist paarweise aus nordischen Mooren geborgen wurden, auf die Möglichkeit urzeitlicher Polyphonie, zumindest in der Form der Zweistimmigkeit. [19]

Hans Schnoor: Geschichte der Musik, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1954, ebd. S. 21 bzw. S. 50

7 Andere Lexika[Bearbeiten]

8 Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 193
  2. Beschreibung in dänischer Sprache
  3. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band II (L-Z), F.A. Brockhaus und B. Schott, Wiesbaden und Mainz, 1978, S. 70
  4. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 193
  5. Lurerne fra Brudevælte FORTIDSMINDE skilt & plads
  6. Beschreibung in dänischer Sprache
  7. Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, J.B. Metzler/Bärenreiter, Stuttgart, 1996, S. 193
  8. Artikel Deutsches Museum
  9. Johannes Hoops: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band XX, de Gruyter, 2. Aufl., Berlin, 2002, S. 401; Online auf Google Book Search
  10. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band II (L-Z), F.A. Brockhaus und B. Schott, Wiesbaden und Mainz, 1978, S. 70
  11. dtv-Atlas zur Musik, Band I, dtv und Bärenreiter, München, 11. Aufl., 1977, S. 159
  12. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band II (L-Z), F.A. Brockhaus und B. Schott, Wiesbaden und Mainz, 1978, S. 70
  13. dtv-Atlas zur Musik, Band I, dtv und Bärenreiter, München, 11. Aufl., 1977, S. 159
  14. J. J. A. Worsage/ R. Bertelsen: Dänemarks Vorzeit durch Alterthümer und Grabhügel beleuchtet von J. J. A. Worsage - Aus dem Dänischen übersetzt von R. Bertelsen, Land. Theol. - Kopenhagen. Verlag von C. A. Reitzel, Universitätsbuchhändler. Die Holzschnitte von Kittendorf. Gedruckt bei Bianco Luno. 1844."; Seite 27
  15. nach Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band II (L-Z), F.A. Brockhaus und B. Schott, Wiesbaden und Mainz, 1978, S. 70
  16. nach Karl Heinrich Wörner und Lenz Meierott: Geschichte der Musik - Ein Studien und Nachschlagebuch, Vandenhoeck & Ruprecht, 8. Aufl., Göttingen, 1993, S. 84
  17. Hans Schnoor: Geschichte der Musik, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1954, S. 50
  18. Hans Schnoor: Geschichte der Musik, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1954, S. 21
  19. Hans Schnoor: Geschichte der Musik, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1954, S. 50