Ilse Arndt

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Ilse Arndt (geborene Löwenberg; * 5. Februar 1913 in Lünen/Westfalen; gest. im Januar 2003 in Köln) war eine jüdische Zeitzeugin der Judenverfolgung im Nationalsozialismus.

1 Leben[Bearbeiten]

1.1 Kindheit in Lünen[Bearbeiten]

Ilse Arndt kam in Lünen als Tochter der Eheleute Willy Löwenberg und Henriette Löwenberg, geborene Lichtenfels, zur Welt. Der Vater war Metzgermeister, die Familie besaß eine eigene Metzgerei. Im Dezember 1916, als Ilse Arndt vier Jahre alt war, starb die Mutter. Der Vater verheiratete sich erneut, und zwar mit Martha Scholem, die aus Hohensalza stammte und deren Verwandte in Berlin lebten. Arndt hatte auch den um ein Jahr jüngeren Bruder Helmut.

1.2 Jugend in Berlin[Bearbeiten]

1921 siedelte Ilse Arndt mit ihrer Familie nach Berlin-Prenzlauer Berg über, wo der Vater Ilse Arndts auf dem Zentralviehhof ein Rinder-Engros-Geschäft eröffnete.

Ilse besuchte dort die Grundschule und später die höhere Töchterschule bis zu ihrem 14. Lebensjahr, als ihre Stiefmutter erblindete und sie deshalb die Arbeiten im elterlichen Haushalt übernehmen musste. Mit 17 Jahren begann sie eine Ausbildung als Metzgerin, die sie erfolgreich absolvierte.

1933 wurde ihr die Arbeit in der Lebensmittelbranche per Erlass verboten. 1937 nahm sie im Café Engländer eine Stelle als Putzhilfe an, war aber bald zuständig für alle in der Küche und Konditorei anfallenden Arbeiten. In der Reichskristallnacht wurde das Café, das jüdischen Besitzern gehörte, von Nationalsozialisten zerstört.

1.3 Erste Verhaftung wegen Rassenschande[Bearbeiten]

1938, einen Tag vor ihrem 25. Geburtstag, wurde Ilse Arndt wegen „Rassenschande“ - weil sie mit einem Christen verlobt war - verhaftet und zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt und musste während dieser Zeit schwere körperliche Arbeiten durchführen. Auch der Verlobte erhielt eineinhalb Jahre Gefängnis.

Ilse Arndts Vater wurde aufgrund der Verhaftung und Inhaftierung seiner Tochter depressiv und in die Nervenheilanstalt Berlin-Buch eingeliefert, wo er noch am selben Tag verstarb (vermutlich getötet).

Ilse Arndt wurde kurz nach der Beerdigung des Vaters aus der Haft entlassen, traute sich aber nicht nach Hause, weil sie Vorwürfe ihrer Stiefmutter wegen ihrer Verlobung fürchtete und versteckte sich zunächst bei Bekannten.

Ilse Arndts Bruder wurde auch wegen der Verlobung mit einer Christin verhaftet, konnte aber später nach England entkommen, wo er weiterhin lebte und nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte.

1941 wurde Ilse Arndts Stiefmutter verhaftet und nach Riga deportiert, wo die ersten Massenerschießungen stattfanden. Ihre Spur verliert sich dort.

1.4 Zwangsarbeit und Deportation nach Auschwitz[Bearbeiten]

Im selben Jahr wurde Ilse Arndt zur Zwangsarbeit bei der Firma Siemens verpflichtet, wo sie bei der Wicklung von Motoren mitarbeitete, auch nachts. Ebenfalls 1941 heiratete sie Leopold Nussbaum, der in Berlin-Schöneberg ein Feinkostgeschäft besessen hatte und mittlerweile auch Zwangsarbeit verrichten musste.

Beide wurden am selben Tag, dem 7. Januar 1943, verhaftet und in der Folge in verschiedenen Gefängnissen unter katastrophalen Bedingungen inhaftiert. Leopold Nussbaum wurde bald darauf nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Nach ungefähr vier Wochen Inhaftierung im Sammellager der Großen Hamburger Straße wurde Ilse Arndt mit der Bahn ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Etwa 1.700 Leidensgenossen wurden in Viehwaggons gepfercht und in der Zeit von etwa dem 29. bis 30. Juni 1943 dorthin verbracht. Während der Fahrt gab es keinerlei Nahrung oder Getränk, die Notdurft wurde in Eimer verrichtet, es gab Streit um die Sitzplätze am Boden der überfüllten Waggons. Durch Schlitze in den Türen konnte man hinaussehen, auf den Bahnhöfen, die passiert wurden, gab es Menschen, die mit ihren Händen Würgegriffe andeuteten, was wohl ein Hinweis auf das bevorstehende Schicksal der in Waggons befindlichen Menschen sein sollte. Die Menschen in den Waggons wussten, dass der Zug nach Auschwitz fährt, Gerüchte gingen um, was dort passieren würde. Ilse Arndt selbst hatte bereits ein halbes Jahr vor ihrer Verhaftung davon erfahren, dass Juden in Auschwitz vergast würden, aber nicht daran geglaubt.

1.5 Ankunft und Überleben in Auschwitz[Bearbeiten]

In Auschwitz angekommen, wurden alle Menschen brutal herausgerufen und mussten sich in verschiedenen Gruppen aufstellen bzw. wurden in diese eingeteilt: a) junge und kräftige Frauen, b) übrige Frauen, c) Frauen mit Kindern und d) Männer.

Nicht als arbeitsfähig angesehene Frauen sowie zum Teil die Frauen und die Kinder wurden sogleich vergast.

Ilse Arndt kam zusammen mit ca. 100 weiteren Frauen in den berüchtigten Block 10 des Lagers, wo sie für „Menschenversuche“ vorgesehen waren. Alsbald mussten diese Frauen Lagerkleidung anziehen, und ihnen wurde eine „Häftlingsnummer“ in den linken Unterarm tätowiert. Der Kopf wurde ihnen kahl geschoren, die Monatsregel blieb schlagartig weg, vermutlich, weil man ihnen auch Brom ins Essen gab.

Wegen des besonderen „Verwendungszwecks“ durften Ilse Arndt und ihre Leidensgenossinnen weder geschlagen noch schikaniert werden - dennoch wurden sie von den brutalen Aufseherinnen geschlagen. Von Block 10 aus konnte Ilse Arndt die Exekutionen im Nachbarblock 11, dem Bunkerblock mit der schwarz gestrichenen Wand, vor der die Erschießungen stattfanden, gut beobachten. Auch wurde sie mit den anderen gezwungen, Erhängungen junger Frauen beizuwohnen, die versucht hatten, Munition zu schmuggeln, um damit die Krematorien zu sprengen.

Im Rahmen der barbarischen „Menschenversuche“ wurde Ilse Arndt von Prof. Clauberg zwangssterilisiert. Auch bei ihren Schicksalsgefährtinnen wurden entsprechende „Versuche“ durchgeführt. Nach Ilse Arndst Erleben und Einschätzung wurden die grausamsten Versuche zeitgleich von Josef Mengele an griechischen Jüdinnen durchgeführt. Die Sterberate im Block 10 war generell sehr hoch, die unter den griechischen Jüdinnen am höchsten.

1.6 Todesmarsch, weitere Lageraufenthalte[Bearbeiten]

Am 18. Januar 1945, als sich die Rote Armee Auschwitz näherte, musste Ilse Arndt in eisiger Kälte, ohne Winterkleidung, ohne festes Schuhwerk und unterernährt, das Lager verlassen und sich auf einen Todesmarsch mit unbekanntem Ziel begeben - in Sechserreihen und auf jeder Seite von SS-Männern bewacht. Es gab nichts zu essen und nichts zu trinken. Wer nicht weiterkonnte, wurde mit einem Genickschuss getötet. Sehr viele Menschen blieben als Leiche am Wegesrand zurück. Ilse Arndt erreichte mit weiteren Überlebenden Loslau, von wo sie mit offenen Waggons in der Eiseskälte zum KZ Ravensbrück gebracht wurden. Wer einschlief, starb. Unterwegs hielt der Zug mehrere Male an, und die Körper der Erfrorenen oder Verhungerten wurden achtlos vom Zug geworfen.

Nur kurze Zeit blieb Ilse Arndt in Ravensbrück und wurde dann in das Lager Neustadt-Glewe nach Mecklenburg verbracht. Dort erkrankte sie an Typhus, überstand aber die Krankheit, obwohl sie fast nichts zu essen erhielt.

1.7 Befreiung durch die russische Armee und Rückkehr nach Berlin[Bearbeiten]

Am 30. April 1945 wurden die Häftlinge in Neustadt-Glewe in den Baracken eingeschlossen, und das Bewachungspersonal floh. Am 2. Mai 1945 erreichte die Rote Armee das Lager und befreite die Insassen.

Ilse Arndt ging zur nächsten Bahnstation und fuhr auf einem offenen Zug nach Berlin und kehrte ins vollkommen zerstörte Charlottenburg zurück. Zu dieser Zeit wog Ilse Arndt noch 75 Pfund - vor ihrer Verhaftung hatte sie 115 Pfund gewogen.

Das restliche Leben Ilse Arndts verlief unspektakulär, sie verheiratete sich wieder, lebte wieder in Berlin und nach ihrer Scheidung 1955 lange Jahre in Köln, wo sie mit ihrer Leidensgefährtin Ruth, mit der sie verschiedene Lager durchlebt hatte, gemeinsam eine Gaststätte betrieb.

2 Quellen[Bearbeiten]

  • Schriftlicher Bericht, unterzeichnet von Frau Arndt am 24. April 1995, archiviert in Yad Vashem unter der Nummer 8780160
  • Interview der Shoah Foundation, durchgeführt am 26. Januar 1997 in 50931 Köln Lindenthal, Wüllnerstraße 98 (Interviewer: Michael Kühntopf-Gentz, Kameramann: Rudolf Runge, archiviert u. a. in Los Angeles, Interview code 26282)