Manfred Dott, Zeuge der Wendezeit

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1 Biografie

Manfred Dott wurde am 30. Oktober 1940 in Koblenz am Rhein geboren und katholisch erzogen.

10 Jahre Pfadfinder in der DPSG. Lehrberuf Klempner. Seit seines politischen Denkens, in der ersten Lebenshälfte, immer auf der Suche nach einer besseren Gesellschaftsordnung. (Nach heutigem Wissen, gibt es die Ideale Gesellschaftsordnung nicht, deshalb hatte sich Dott, nach bitterer DDR -und Sozialismuserfahrungen, endgültig für die Freiheit entschieden und für unsere freiheitliche Grundordnung, die M. Dotts Gesellschaftsbild am nächsten kommt.)

Damals: Teilnahme an illegalen Sitzungen der verbotenen KPD in Koblenz, ohne deren Mitglied zu sein. In den sechziger Jahren Sympathisant der APO (“Außerparlamentarische Opposition“) Zwei Jahre Mitglied der DKP. Studienreise in die DDR. Gesellschaftswissenschaftliches Studium an der Karl Marx Universität Leipzig Außenstelle Franz Mehring Institut Berlin Biesdorf. Während des Studiums lernte M. Dott seine spätere Frau Edith Görke, nach der Heirat Edith Dott in Ost-Berlin kennen.

1970 wollte Dott seine Freundin in den Westen mitnehmen. Darauf folgte ein Parteiauftrag zur Trennung dieses Verhältnisses. Seine Freundin stellte einen Ausreiseantrag. Damit begann bei ihr das übliche Szenario für Ausreiseantragsteller in der DDR. Repressionen im beruflichen und im privaten Umfeld.

Bei Manfred Dott begann nun ein Heilungsprozess und das Nachdenken über die Richtigkeit seiner politischen Auffassungen. Da er bei einer Aussprache mit Funktionären der Hochschule in Berlin erneut eine Trennung ablehnte, fuhr er mit dem Abschlussdiplom als Gesellschaftswissenschaftler nach Koblenz zurück. Wo er auf Weisung der SED aus der Rheinlanpfälzischen DKP ausgeschlossen wurde.

Danach erhielt Dott von seiner Freundin, Edith Görke, aus Ostberlin die Nachricht, dass es ihm frei stünde in die DDR ohne Visum einzureisen und dort zu heiraten. Das machte Dott auch. Erst kam er ein Jahr zur Beobachtung und Umerziehung in ein Aufnahmelager in Barby bei Magdeburg hinter Stacheldraht mit bewaffneter Bewachung. Dort hatte er noch ein Rückkehrrecht in die Bundesrepublik. In dem einen Jahr wurde nur einmal ein Besuch seiner Freundin erlaubt. In diesem Lagerjahr bei Magdeburg verhielt sich Dott sehr still und unauffällig, um nicht doch noch abgeschoben zu werden. Er arbeitete dort als Heizer und unter Bewachung im Traktorenwerk Schönebeck.

Nach diesem Lagerjahr konnte Dott endlich in die DDR einreisen. Er zog mit seiner Freundin in Halberstadt zusammen. Nach einer weiteren Übergangszeit immer noch ohne DDR Personalausweis mit einer Daueraufenthaltserlaubnis für die Stadt Halberstadt, ohne diese verlassen zu dürfen, arbeitete Dott als Installateur in einem Halberstädter Kreisbaubetrieb und seine Freundin im Krankenhaus Halberstadt als Krankenschwester.

Nach dieser erneuten Bewährung erhielt Dott bei einer Feierstunde im Rat des Kreises die DDR-Staatsbürgerschaft. Es wurde ihm eröffnet, dass er ab sofort alle Rechte eines DDR Staatsbürger hätte. Das bedeute konkret, dass in seinem Sonderfall eine Rückkehr und auch ein Besuch der Bundesrepublik für immer ausgeschlossen sei. Somit telefonierte er um so öfter mit seiner Familie in Koblenz.

Erst heirateten Dott und seine Freundin so schnell als möglich, um mit dem mittlerweile geborenen Kind als Familie nicht mehr getrennt werden zu können. Bis dahin hatte sich einiges aufgestaut und Familie Dott wollte nun endgültig in die Bundesrepublik. Familie Dott stellte 19 Ausreiseanträge, die fein säuberlich heute noch in der Stasiakte von Manfred und Edith Dott zu finden sind.

Dem nun einsetzenden Druck der DDR-Staatsorgane folgte eine öffentliche Demo des M. Dott mit Plakat aus dem Fenster der Wohnung zum ersten Mai, mit dem Text: “1. Mai Kampftag für Menschenrechte weltweit“. Daraufhin wurde Dott verhaftet und nach Verhör wieder freigelassen.

Nach dem 19. Ausreiseantrag wurde Frau und Herr Dott zum Rat des Kreises Innere Angelegenheiten in Halberstadt bestellt. Dort teilte man ihnen mit, dass sich der Staat nicht länger leisten will, dass eine solche Unruhe von einem ehemaligen Mitglied der so genannten “fortschrittlichen Kräfte in der BRD” ausgehe. Dott war sich in diesem Augenblick bewusst, dass sich seine Familie in erheblicher Gefahr befand. Ein Herr Steinbach vom Rat des Bezirkes Magdeburg, der zu diesem Gespräch nach Halberstadt gekommen war, teilte den Eheleuten Dott mit, wenn sie endlich Ruhe geben würden und ihre mittlerweile entstandenen Kontakte zu einer CDU-Bundestagsabgeordneten aus Koblenz einstellen würden und zukünftig keine Ausreiseanträge mehr stellen würden, dann könnten sie beruflich und Privat wieder ungestört und rehabilitiert leben. Weiterhin schlug Herr Steinbach Herrn Dott vor, dass er in einem fünfjährigen Studium an der Fachhochschule für Bauwesen Magdeburg, im Fach Hochbau, einen Ingenieurabschluss mit entsprechenden beruflichen Perspektiven machen könne.

Da Manfred und Edith Dott durch den dauernden Stress gesundheitlich angeschlagen waren, nahmen sie das Angebot an. Das sollte für Herrn Dott wohl so etwas wie eine Beschäftigungstherapie sein. Beim Studium der höheren Mathematik und des Faches Statik war eine Zeitlang kein weiterer Platz im Kopf des M. Dott. Es war also ruhig geworden um diese Familie.

Es ist ein Rätsel geblieben, wie der durchorganisierte und durchgespitzelte Apparat fast von einem Tag zum anderen die beruflich und auch private Rehabilitierung durchgesetzt hatte.

Nach Abschluss des Studiums des Manfred Dott als frisch gebackener Hochbau-Ing. in dem neuen Betrieb des Manfred Dott, dem Wohnungsbaukombinat Magdeburg, trug ihm ein Arbeitskollege, ebenfalls Bauingenieur, an, Mitglied der CDU, im Verband der Nationalen Front der DDR, zu werden. Was Dott diesem Kollegen sagte, war sicher nicht diplomatisch bzw. druckreif. Übrigens dieser Kollege ist immer noch Mitglied der CDU in Halberstadt. Danach wurde Dott von niemandem mehr auf irgend eine Mitgliedschaft angesprochen.

Die politische Tätigkeit des Manfred Dott beschränkte sich auf den kleinen Freiraum innerhalb der katholischen Kirche in Halberstadt. Unter dem Schutz und der umsichtigen Anleitung des Franziskanerpaters Konrad Kretschmer der die Biographie des Manfred Dott und der Familie genau kannte, wurde Dott so gelenkt und manchmal auch zurückgepfiffen, das er keiner Gefahr ausgesetzt war. Pater Konrad stellte auch erste Kontakte nach Magdeburg her. Schwerter zu Pflugscharen, das Neue Forum, Herr Tschiche sind Marksteine dieser Entwicklung. Dott war früh Mitglied im neuen Forum und unter Gleichgesinnten, die anfangs noch naiv dachten, die DDR reformieren zu können.

Bei den Rednern 1989 in der Halberstädter Martinikirche war Dott einer der schärfsten Kritiker der örtlichen und kreislichen Staatssicherheit. Dott wurde in Halberstadt als Delegierter zum Republikfrorum gewählt.

Bei der großen Trennungsaktion, bei der sich die Mitglieder des NF, die sich für eine Reformierung der DDR einsetzten, von denen, die zu diesem Zeitpunkt schon die Einheit Deutschlands wollten trennten, ist Dott mit den sächsichen Delegierten aus dem Forum ausgetreten, um im Heimatkreis neue Parteien zu bilden. Eine Verbindung mit Parteien der Nationalen Front kam für keinen dieser Enheitsforderer in Frage.

Der Franziskanerpater stellte für Dott, auch unter Mithilfe des bischöflichen Amtes eine Verbindung zur CSU her. Nach gemeinsamen Sitzungen in München gründete Dott mit einigen Leuten den Landesverband der DSU in Sachsen Anhalt und wurde dort deren Landesvorsitzender und Mitglied im Präsidium dieser Partei in der DDR. Der damalige Bundesentwicklungshilfeminister Spranger kam mehrmals in die DDR, um vor allem den Landesverband der DSU in Sachsen-Anhalt mit aufzubauen.

Nach dem Gründungsparteitag und in Vorbereitung der ersten freien DDR-Wahlen wurde Dott in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidat und danach in die DDR Volkskammer gewählt. Dort in Berlin wurde Dott von Lothar de Maizière als parlamentarischer Staatssekretär ins Verkehrsministerium berufen.

Als dann die Volkskammer nach Beschluss des Einigungsvertrages aufgelöst wurde, wollte Dott in Halberstadt trotz starker Blockparteibedenken in die CDU aufgenommen werden. Sein damaliger Aufnahmeantrag wurde vom Kreisvorsitzenden in Halberstadt mit den Worten abgelehnt, “damals in der DDR wolltest du kein CDU Mitglied werden und jetzt garantiere ich dir, wirst du es nie mehr. Das erzählte Dott seinem noch Chef Verkehrsminister Gibtner in Berlin, der das mit dem Wort Unsinn quittierte. Der Verkehrsminister bürgte für ihn und er wurde in Berlin in die CDU aufgenommen und als Parteimitglied in den Kreis Halberstadt / Wernigerode überstellt. Das ärgerte einige Funktionsträger, weil sie merkten, dass ihr Einfluss und ihre Blockseilschaft doch irgendwo begrenzt war. Ein eisiges Klima empfing Dott in der CDU im Kreisverband wegen des kürzliche Wirkens im Neuen Forum und gegen die Staatssicherheit. Das war für Dott ein mulmiges Gefühl, Parteimitglieder mit wieder oder immer noch hohen Funktionen in der CDU wieder zu sehen. Irgendwann hielt Dott sein Unvermögen, daran etwas ändern zu können, nicht mehr aus und ist wieder aus der CDU ausgetreten. Das war sicher nicht richtig, kann man an der Erneuerung der CDU im Bereich der damaligen DDR von außen noch weniger ändern als von innen.

2 Leben nach der Wende

Die Zeitzeugeneinladungen werden weniger. Man glaubt es kaum, wer heute nach und nach die damalige Wende herbeigeführt hat, aus der sicheren DDR-Nische heraus, ohne ein Jota an eigenem Risiko einzugehen.

Dott arbeitete nach der Wende in Ministerien der Landesregierung Magdeburg unter anderem und zuletzt vor der Pensionierung im Verkehrsministerium bei Dr. Daehre. Dort war Dott einige Jahre Personalratsvorsitzender.

Ein erneuter Antrag auf CDU-Mitgliedschaft wurde vom jetzigen Kreisvorstand abgelehnt. Dott meint, CDU Altmitglieder hätten Angst vor seiner erneuten Mitgliedschaft. In der DDR Antikommunist gewesen zu sein, Ausreiseanträge gestellt zu haben, die Mitgliedschaft in der DDR-Block-CDU abgelehnt zu haben, im Neuen Forum mit den Mahnwachen vor den Stasizentralen gestanden zu haben, während andere sich abwartend geduckt verhielten, in der Volkskammer für die CSU-nahe DSU gewesen zu sein, ist die denkbar schlechteste Empfehlung für eine CDU Mitgliedschaft im sachsen-anhaltischen Harzkreis. Dott meint, als unbeschriebenes Blatt, oder jung, oder damals in einer Blockpartei hätte er in der CDU im Harzkreis keine Aufnahmeprobleme.

Weitere biografische Einzelheiten, der abenteuerlichen linken Jugend im Rheinland, DDR-Verhörinhalten, Gefahrensituationen konspirative und offene Arbeit zur Vorbereitung der Wende, Bespitzelung beim Studium durch seinen besten Freund, werden in einem Buch zusammengefasst.

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