Kleinkastell Bezereos

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Kleinkastell Bezereos
Alternativname Vezerei
Limes Limes Tripolitanus
Datierung (Belegung) spätestens ab Commodus
bis Spätantike
Typ Kleinkastell
Einheit Vexillation der Legio III Augusta
Größe 50 m × 65 m (= 0,33 ha)
Bauweise Stein
Erhaltungszustand Steinbau mit rechteckigem Grundriss und abgerundeten Ecken
Ort Bir Rhezen
Geographische Lage 33° 30′ 13,3″ N, 9° 29′ 53″ O
Höhe 125 m
Vorhergehend Kleinkastell Ksar Chetaoua (südöstlich)
Anschließend Kleinkastell Ksar Tabria (westlich)
Rückwärtig Kleinkastell Henchir Krannfir (nordöstlich)
Das Kleinkastell Bezereos (links oben) im Verbund des Limes Tripolitanus

Das Kleinkastell Bezereos[1] (tunesisch: Bir Rhezen) ist ein ehemaliges römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Tripolitanus in der römischen Provinz Africa proconsularis zuständig war. Die kleine Befestigung befindet sich am nordöstlichen Rand des Östlichen Großen Erg, einem Abschnitt der Sahara in Südtunesien, Gouvernement Kebili. Nahebei liegt heute die Ortschaft Sidi Mohammed ben Aissa. Die Reste der Umfassungsmauer des Kleinkastells sind bis heute auf einem Hügel rund dreieinhalb Kilometer südöstlich der Wüstenstraße C104 zu besichtigen.

1 Lage[Bearbeiten]

Die auf einem kleinen Hügel mit guter Fernsicht errichtete Anlage gehört neben dem Kleinkastell Tisavar zu den frühesten Fortifikationen[2] an diesem Abschnitt des nordafrikanischen Limes und lag in einem deutlich ausgeformten Knick der römischen Reichsgrenze. Diese von Südosten nach Westen orientierte Grenzziehung ergab sich aus den römischen Überlegungen, die lebensfeindlichen Wüstenzonen auszusparen und die Militäranlagen lediglich in den Bereichen der Halbwüste zu errichten. Der nach Südosten verlaufende Grenzabschnitt folgte dem Wadi Hallouf. Dort lag – rund einen Kilometer von Bezereos entfernt – der Berg Mergueb ed Diab,[3] auf dem sich ein 5 × 5 Meter[4] großer römischer Wachturm befand, den der Archäologe David J. Mattingly als „Augen“ des Kleinkastells Bezereos bezeichnete.[5] Der Turm diente auch als Signalstation zu den südlicher gelegenen Grenzkastellen. Nur sieben Kilometer nordöstlich – zum Bergland des Dahar – lag auf der Südseite des Djebel Oum ech Chia[6] das Kleinkastell Henchir Krannfir,[7] das eine Passstraße am Nordhang des Dahar sicherte. Weiter westlich könnte der Ksar Tabria als Kleinkastell eine wichtige Straße sowie das Limeshinterland gesichert haben. Durch ein organisiertes Bewässerungssystem wurden dort Grundnahrungsmittel produziert, die den Truppen und der Zivilbevölkerung rund um das Kleinkastell Bezereos zugutekamen.[6] Das Itinerarium Antonini, ein römisches Reichsstraßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert, erwähnt Bezeros als fünfte Station an der Straße von Tacapae (Gabes) nach Leptis Magna.[8]

2 Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Im Jahr 1901 erwähnten topographische Brigaden des französischen Militärs[9] erstmals umfangreiche römische Überreste im Umfeld des Brunnens Bir Rhezen bei Sidi Mohammed ben Aissa. Zwischen 1909 und 1910 führte der französische Offizier Raymond Donau Ausgrabungen in der Befestigung durch,[10] nachdem er sie zunächst im Rahmen einer militärischen Arbeit kurz beschrieben hatte. Eine von ihm 1919 gefundene Inschrift[11] ermöglichte die namentliche Identifizierung des Ortes. Die dort Vezerei genannte Garnison korrespondiert mit dem Bezereos aus dem Itinerarium Antonini sowie der Notitia dignitatum, einem römischen Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts.[12] Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten fanden Grabungen, insbesondere im Bereich der römischen Siedlung statt.

3 Baugeschichte[Bearbeiten]

Die Fundzone am Kleinkastell Bezereos ist eine der rätselhaftesten dieses Abschnitts. Wie der Archäologe Pol Trousset berichtete, kann die nur 0,33 Hektar große Garnison bestenfalls als Kleinkastell bezeichnet werden. Aufgrund einer in Stein gemeißelten Mannschaftsliste aus den Jahren 209 bis 211 n. Chr.,[11] die Donau im Innenhof des Kastells fand,[10] müsste jedoch von einer rund 300 Mann starken Einheit ausgegangen werden, die als Vexillation (Abteilung) von der in Lambaesis stationierten Legio III Augusta gestellt wurde. Die Liste nennt außerdem acht Zenturionen, die sicherlich in den angrenzenden Kleinkastellen ein Kommando führten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit könnte sich bei Bezereos ein bisher unbekanntes, größeres Kastell unter dem Sand befinden,[13] da die bisher bekannte, rechteckige Anlage mit ihren geringen Ausmaßen von 50 × 65 Metern nicht mit der epigraphischen Bedeutung übereinstimmt.[14]

Es besteht aufgrund der erwähnten Inschrift jedoch auch die Möglichkeit, dass sich hier schon unter den Severern der Sitz eines Praepositus, eines Oberkommandeurs, befand, der mehrere Garnisonen unter sich hatte.[13] Bezeichnend für diese Möglichkeit könnte die Tatsache sein, dass die Notitia dignitatum in der Liste des Dux provinciae Tripolitanae (Kommandeur der Grenztruppen in der Provinz Tripolitana) tatsächlich einen Praepositus limitis Bizerentane für Bezereos nennt.[15] Der Limes Bizerentanus – mit Zentrum in Bezereos – bildete in der Spätantike einen Teilsektor zwischen dem Limes Tamallensis und dem Limes Talalatensis.[16]

Einige Jahre vor Erstellung der Mannschaftsliste wurde 201 n. Chr. – gleichfalls von einer Abteilung der Legio III Augusta – eine dem damals regierenden Kaiser Septimius Severus (193–211) und seinem Mitregenten Caracalla (211–217) gestiftete, konsulardatierte Restitutionsinschrift am Kastell angebracht:[17]

[Imp(erator) Caes(ar) L(ucius) Septimius Severus] Pius Pert(inax) Aug(ustus)
[et Imp(erator) Caes(ar) M(arcus) Aurelius Ant]oninus Aug(ustus)
[〚Brit(annicus) Part(hicus) max(imus) Germanicus〛titul]um quod di-
[vo Commodo fratre suo eras]um fu-
[erat restituerunt per vexi]lla[tionem 〚leg(ionis) III Aug(ustae)〛]
[p(iae) v(indicis) Q(uinto) An]ici[o Fausto l]eg(ato) Au[g(ustorum) pro]
[pr]aet[o]re c(larissimo) v(iro) c[o(n)s(ule) sub] cura C(ai) I[uli Saturnini]
|(centurionis) [leg(ionis)] eiusde[m] Muciano [et Fabiano co(n)s(ulibus)]

Übersetzung: „Der Imperator Caesar Lucius Septimius Severus Pertinax, der Frommen, der Augustus, und der Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus, der Augustus, Britanniersieger, größter Parthersieger, Germanensieger, haben die Inschrift, die seinem Bruder, dem vergöttlichten Commodus, eradiert worden war, wiederhergestellt durch eine Abteilung der 3. Legion ,Augusta‘, die Treue, die Beschützerin, unter Quintus Anicius Faustus, Statthalter der Augusti mit proprätorischen Befugnissen, Senator, Konsular, unter der Aufsicht des Gaius Iulius Saturninus, Zenturio dieser Legion, als (Marcus Nonius Arrius) Mucianus und (Lucius Annius) Fabianus Konsuln waren.“

Nach der Ermordung des von 180 bis 192 n. Chr. regierenden Kaisers Commodus wurde eine Damnatio memoriae (Verdammung des Andenkens) gegen ihn erlassen, die zur Eradierung seines Namens in den Inschriften führte. Nachdem Septimius Severus 197 n. Chr. diesen Schritt rückgängig machte, Commodus sogar „seinen Bruder“ nannte und ihn vergöttlichen ließ, waren Vexillationen der Legio III Augusta damit beschäftigt, den zuvor ausgemeißelten Namen des Verdammten in den Inschriften wieder einzusetzen. Die oben genannte Inschrift gibt einen Hinweis auf dieses Ereignis. Als die Legio III Augusta im Jahr 238 selbst der Damnatio memoriae anheimfiel, wurde ihr Name gleichfalls aus den Inschriften getilgt.[18]

Über die Besatzung des Kastells im späten dritten Jahrhundert sowie in der Spätantike ist nur sehr wenig bekannt.[19]

Die heute sichtbare Befestigung entstand spätestens während der Regierungszeit des Kaisers Commodus.[2] Darauf weist die Restitutionsinschrift hin. Leider ist die eigentliche, wiederhergestellte Inschrift verloren. Möglicherweise lag bereits unter Commodus eine Vexillation der Legio III Augusta an diesem Ort.[20] Eine am südlich gelegenen Kleinkastell Tisavar entdeckte Bauinschrift stammt aus den Jahren zwischen 184 und 191 n. Chr.[21] Das Kleinkastell Bezereos besitzt die für mittelkaiserzeitliche Kastelle typischen abgerundeten Ecken und besteht aus kleinem Bruchsteinmauerwerk. Das 0,85 Meter[22] breite und einzige Tor befindet sich an der nordöstlichen Schmalseite. Von einer möglichen Innenbebauung ist bis heute nichts bekannt. Konzeptionell ähnelt die Fortifikation jedoch dem erwähnten Kleinkastell Tisavar nahe der Oase Ksar Ghilane.[14]

4 Vicus[Bearbeiten]

Nahe der Garnison lag eine kleine römische Siedlung,[16] die auch den Vicus bildete, das für die meisten Grenzkastelle typische Lagerdorf. Der Archäologe Louis Poinssot (1879–1967) berichtete 1938 über eine Grabung in den Ruinen von Sidi Mohammed ben Aissa, bei der teilweise auch eine römische Siedlung aufgedeckt wurde. Die Ausgräber fanden ein zweigeschossiges Gebäude, wobei sie sich nicht im klaren waren, ob eines der Geschosse den ersten Stock oder den Keller bildete. Neben fünf Räumen wurde auch der Beginn einer Galerie festgestellt. Ein Raum war aufgrund der guterhaltenen Hohlziegel (Tubuli) mit einer Hypokaustheizung ausgestattet gewesen und wurde als Dampfbad gedeutet. Der anschließende Raum besaß ein heizbares Badebecken. Dort fanden sich die Reste von sehr großen Ziegeln, die teilweise eine grün-gräuliche Bemalung aufwiesen, darunter der Kopf eines Vogels, der Schwanz eines Fisches und Reste eines vierbeinigen Tieres.[23]

5 Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Dessau: Bezereos. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band III,1, Stuttgart 1897, Sp. 379.
  • Raymond Donau: Recherches archéologiques effectuées par MM. les officiers des territoires du Sud Tunisien en 1907. In: Bulletin archéologique du comité des travaux historiques et scientifiques 1909, S. 30–50 (hier: S. 35–38; online).
  • Alfred Merlin: Le fortin de Bezereos sur le limes tripolitain. In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1921, S. 236–248 (online).
  • Louis Poinssot: Sur une maison romaine de Bezereos. In: Bulletin archéologique du comité des travaux historiques et scientifiques. 1938–1940, S. 259.
  • Louis Poinssot: Les ruines de la station Bezereos. In: Bulletin archéologique du comité des travaux historiques et scientifiques. 1936-1937, S. 321–325.
  • Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 75–77 Abb. 15, 2; 26a.
  • Pol Trousset: Bezereos. In: Encyclopédie Berbère. Bd. 10, Édisud, Aix-en-Provence 1984, ISBN 2-85744-549-0, S. 1487–1488.
  • David J. Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 1995, ISBN 0-7134-5742-2, S. 84–85. 100 Abb. 5:8 (inhaltlich identisches E-Book: ISBN 0-203-48101-1; die Seitenzählung des E-Books ist aus technischen Gründen abweichend).
  • Werner Huß: Bezereos. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 615.

6 Weblinks[Bearbeiten]

7 Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 70–76.
  2. 2,0 2,1 David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 157.
  3. Der Gipfel des Mergueb ed Diab bei 33° 29′ 41,85″ N, 9° 30′ 23,91″ O7
  4. Guy Barrère in: Gabriel Camps (Hrsg.): Encyclopédie berbère. Bd. 5: Beni Isguen–Bouzeis. Édisud, Aix-en-Provence 1991, ISBN 2-85744-549-0, S. 1488.
  5. David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 130.
  6. 6,0 6,1 Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (= Etudes d'Antiquites africaines), Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 79.
  7. Kleinkastell Henchir Krannfir bei 33° 32′ 4,92″ N, 9° 33′ 54,6″ O7
  8. Itinerarium Antonini 74, 5.
  9. Michael Mackensen: Gasr Wames, eine burgusartige Kleinfestung des mittleren 3. Jahrhunderts am tripolitanischen limes Tentheianus (Libyen). In: Germania 87, 2009, S. 75–104; hier S. 276.
  10. 10,0 10,1 Alfred Merlin: Le fortin de Bezereos sur le limes tripolitain. In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1921, S. 236–248 (online; der Artikel von Merlin gibt in seiner Gesamtheit Mitteilungen von Donau wieder).
  11. 11,0 11,1 René Cagnat, Alfred Merlin, Louis Chatelain: Inscriptions latines d’Afrique. Paris 1923, Nr. 26; AE 1922, 54; Epigraphische Datenbank Heidelberg.
  12. Pol Trousset: Recherches sur le limes tripolitanus. Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2222015898, S. 75.
  13. 13,0 13,1 David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005. ISBN 0-203-48101-1, S. 135.
  14. 14,0 14,1 David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 160.
  15. Notitia Dignitatum Occ. XXXI, 20.
  16. 16,0 16,1 Pol Trousset: Bezereos. In: Encyclopédie Berbère. Bd. 10, Édisud, Aix-en-Provence 1984, ISBN 2-85744-549-0, S. 1487–1488; hier: S. 1487.
  17. René Cagnat, Alfred Merlin, Louis Chatelain: Inscriptions latines d’Afrique. Paris 1923, Nr. 27; AE 1928, 22; Epigraphische Datenbank Heidelberg.
  18. Thomas Pekáry: Das römische Kaiserbildnis in Staat, Kult und Gesellschaft. Mann, Berlin 1985, ISBN 3786113858, S. 138.
  19. David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 313.
  20. Robert Saxer: Untersuchungen zu den Vexillationen des römischen Kaiserheeres von Augustus bis Diokletian (= Epigraphische Studien 1. Beihefte der Bonner Jahrbücher 18). Böhlau, Köln 1967, S. 101.
  21. CIL 8, 11048. Die Lesung und Ergänzung der letzten beiden Zeilen ist sehr unsicher. Die Datierung erfolgt aufgrund der Titulatur des Commodus. Vergleiche: Gerhild Klose, Annette Nünnerich-Asmus (Hrsg.): Grenzen des römischen Imperiums, Zabern, Mainz 2006, ISBN 978-3-8053-3429-7, S. 65.
  22. Alfred Merlin: Le fortin de Bezereos sur le limes tripolitain. In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1921, S. 236–248; hier: S. 244.
  23. Louis Poinssot: Sur une maison romaine de Bezereos. In: Bulletin archéologique du comité des travaux historiques et scientifiques 1938–1940, S. 259.

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