Din Rodef

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Din Rodef ist ein von religiösen Autoritäten des Judentums aussprechbares Todesurteil über einen Juden. Es ist damit trotz Unterschieden im Detail das Analogon zur islamischen Fatwa. Din Rodef ist je nach Interpretation eine halachische Pflicht eines Juden, einen anderen Juden, der Leben oder Eigentum eines Juden gefährdet, zu töten. Sie leitet sich von der Mischna aus dem Traktat Sanhedrin ab. [1] Din Rodef ist der einzige Fall, in dem es einem Juden erlaubt ist, einen anderen Juden ohne vorhergehende Gerichtsverhandlung und Verurteilung zu töten. Ein Jude ist religiös verpflichtet und autorisiert die mit einer ausgesprochenen Din Rodef sozusagen wie im christlichen Mittelalter als vogelfrei erklärte Person soweit ihm möglich auch selber zu töten. [2] Mit Din Rodef in engem Zusammenhang steht die religiöse Vorschrift Din Moser.

1 Anwendung in der Vergangenheit[Bearbeiten]

Diese Pflicht wurde in der jüdischen Geschichte allerdings meist nur in theoretischem und historischem Zusammenhang diskutiert, und hatte sehr selten praktische Auswirkungen auf das jüdische Leben. So wurde z.B. im Mittelalter fast nur das Mittel der Exkommunikation und/oder die Weiterleitung eines Vergehens an die zuständigen weltlichen Behörden von den religiösen jüdischen Autoritäten angewandt. [3] Im Zeitalter der jüdischen Aufklärung (Haskala) geriet die Vorschrift Din Rodef noch stärker in den Hintergrund.

2 Revival von Din Rodef ab 1995[Bearbeiten]

Ab 1995 Zeit hat Din Rodef allerdings wieder Bedeutung erlangt, da orthodoxe Rabbiner darüber diskutieren, ob diese Vorschriften z.B. auf israelische Politiker anzuwenden seien, die aus ihrer Sicht jüdische Interessen an die palästinensische Welt verraten würden. Die Führung des Yesha Rabbinical Council formulierte damals eine Anfrage an 40 halachische Kapazitäten, ob Yitchak Rabin und Shimon Peres durch den Rückzug israelischer Soldaten aus Gaza und Jericho und andere friedensstiftende Maßnahmen jüdische Sicherheitsmaßnahmen gefährdet hätten und Din Rodef auf sie anzuwenden sei. Obwohl das Dokument offiziell nur als Anfrage formuliert war, erweckten es und die maßgeblich hinter der Anfrage stehenden Rabbis Dov Lior, Eliezer Melamed und Daniel Shilo schon vor der Anfrage mehr oder weniger den Eindruck dass Din Rodef und Din Moser in diesem Fall gegeben seien. [4] Der Mörder von Itzchak Rabin, Jigal Amir, berief sich in seiner Verhandlung dann u.a. auch auf Din Roder:

"Ich bin mit dem jüdischen Gesetz vertraut und Din Rosef bedeutet, dass wenn du alles andere versucht/ausprobiert hast und nichts funktioniert/geholfen hat du ihn zu töten hast bzw. ihn töten mußt." [5]

Amir soll bezüglich seiner Einstellung gegenüber Premierminister Rabin durch die Beratschlagung z.B. mit Raw Schlomo Aviner, seinem letzten rabbinischen Gesprächspartner, beeinflusst worden sein. Aviner hatte gegenüber Amir die Frage, ob auf Rabin Din Rodef und Moser anzuwenden sei, eindeutig bejaht. [6] Aviners einzige Einschränkung, unter Berücksichtigung seiner „bedeutenden Position als geistiger Vordenker der national-religiösen Erweckung”, als Oberrabbiner von Beth-El und Leiter der Jeschiwah zur Atheret Kohanim, war: „... aber ich kann dieses Urteil nicht vollstrecken”. [7]

Rabbi Yoel Bin-Nun erklärte die plötzliche Popularität von Din Rodef folgendermaßen:

"Hundreds of people heard the word rodef in connection with the late prime minister months before and around the time of the murder. The fact that these discussions leaked out and inspired heated public debate in the religious community turned the obsolete notions of rodef and moser into household words." [8]

Nach diesem Fall kamen dann auch andere Fälle des Aussprechens einer Din Rodef vor. Im Jahr 1999 sprach der sepharidische Oberrabbiner von Jerusalem, Shalom Masbash, ein Din Rodef gegen Benny Pour und Amnon Cohen-Schur wegen unangenehmer Fragen in Bezug auf dessen offizieller Zertifizierung gegenüber Rabbi Yosef Tarab aus. [9]

Im Jahr 2005 erklärte der Rabbiner Avogdor Neventzhal, dass es allgemein bekannt gemacht werden müsse, dass "jeder der jüdisches Land weggeben möchte als Rodef zu betrachten" sei. [10] Die Aussagen von Rabbi Neventzhal führten zu einer Debatte in der Knesset in der zwei Abgeordnete verschiedener Parteien den Attorney General Israels zu einer Aufnahme von strafrechtlichen Ermittlungen gegen Rabbi Nevenntzhal aufforderten. [11]

3 Traditionelle Deutung von Din Rodef[Bearbeiten]

In traditioneller Interpretation des aufgeklärten und liberalen Judentums ist Din Rodef allerdings nur in aktuellen Gefahrensituationen in denen keine ausreichende Zeit mehr vorhanden ist, den Schutz von staatlichen Autoritäten und Gesetzen in Anspruch zu nehmen, sozusagen als Ultima Ratio anzuwenden. Eine Anwendung wie im oben beschriebenen Fall als lang kalkuliertes Mittel in der politischen Auseinandersetzung wird überwiegend abgelehnt. [12] Haim Cohen von der Bar-Ilan-Universität interpretiert Din Rodef z.B. eher als religiös-gesetzliches Pendant zur Notwehr mit Todesfolge in aktuellen Bedrohungslagen die in den meist säkularen Strafrechtsverordnungen der meisten Länder auch erlaubt ist und nicht unter Strafe steht. [13] Sogar der Sanhedrin selber untersagt nach unorthodoxer Auslegung die Anwendung von Tötung nach Bin Rodef in Fällen in denen auch die Anwendung weniger einschneidender Maßnahmen als der einer Tötung die Ausführung des durch Bin Rodef zu belegenden Vorgangs bzw. Vergehens hätte verhindern können.

4 Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Die Seite haGalil.com zum Begriff Din Rodef und seiner Aktualität
  2. "Der religiöse Fachbegriff heißt "din rodef", das Gesetz vom Verfolger, das jemanden, der ein todeswürdiges Verbrechen begangen hat, für vogelfrei erklärt. Jeder, der ihn trifft, kann und soll ihn töten. Neventzal räumt ein, dass das Gesetz heute nicht durch ein Rabbinergericht ausgesprochen werden kann, deswegen erklärt er auch niemanden für vogelfrei, sondern wie für vogelfrei."; auf Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau
  3. Zev Garber und Bruce Zuckerman: Double takes - Thinking and rethinking issues of modern Judaism in ancient contexts, University of America Press, 2004, S. 84
  4. Sasson Sofer: Peacemaking in a divided society - Israel after Rabin, Frank Cass Publ., London, 2001, S. 81 ff.
  5. Eigene, freie Übersetzung nach dem Original: "I know jewish law and din rodef means that you`ve tried everything else and nothing works then you have to kill him."
  6. Weder vergessen - noch vergeben: Rabin Vermächtnis; auf Hagalil Online
  7. Weder vergessen - noch vergeben: Rabin Vermächtnis; auf Hagalil Online
  8. Allan C. Brownfeld: Growth of Religious Extremism in Israel Threatens The Peace Process; auf Washington Report on Middle East Affairs
  9. A Jewish 'Fatwa' - din rodef proclaimed against two Israelis for criticizing a rabbi
  10. Top rabbi - Din rodef on anyone ceding land; aus der israelischen Zeitung Haaretz vom 30.06.2004
  11. Knesset to debate rabbi's 'rodef' remarks; in der Haaretz vom 30.06.2004
  12. Zev Garber und Bruce Zuckerman: Double takes - Thinking and rethinking issues of modern Judaism in ancient contexts, University of America Press, 2004, S. 84
  13. Haim Cohen schreibt z.B.: "What does Din Rodef say? In Rambam’s formulation: ‘Whenever one pursues another to kill him, every Jew is commanded to save the attacked from the attacker, even at the cost of the attacker’s life’ (Mishne Torah, Murderers and Preserving Life, 1:1). In other words, if one sees a man about to kill another man, one must stop him, even at the cost of killing him. (In our Penal Code, this commandment has become an argument for the defense: killing a man to protect the person or property of another man is not a crime)."; auf [1]

5 Andere Lexika[Bearbeiten]

Wikipedia kennt dieses Lemma (Din Rodef) vermutlich nicht.