95 Thesen

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Martin Luther wollte keine neue Glaubensrichtung, sondern die bestehende Kirche reformieren.

Die 95 Thesen von Martin Luther sollen der Startschuss für die Entstehung der lutherischen (evangelischen) Kirche gewesen sein. Am 31. Oktober 1517 soll der Augustinermönch und Theologieprofessor Luther aus Verärgerung gegenüber der Institution Kirche und die in ihr wahrgenommenen Fehlentwicklungen über das Christentum veröffentlicht haben, die im Kern seine Vorstellungen über die seiner Meinung nach dringend notwendige Reform der Kirche enthielten.

Ob es sich hierbei um den, wie überliefert, Thesen-„Anschlag" an die Tür der Wittenberger Schloßkirche gehandelt hat, ist nicht belegt.[1].

Tatsache ist jedoch, dass er die Missstände in seiner Kirche beseitigen wollte.[2] Besonders der verwerfliche Handel mit Päpstlichen Ablaßbriefen, mit denen sich die Christen von ihren Sünden freikaufen konnten, missfiel ihm sehr.

Luther wollte eine „Reform“, er sah sich als „Reformator“ an. Eine Neugründung oder Spaltung der Kirche als Institution beabsichtigte er jedoch nicht. Dennoch kam es später zur Teilung der Kirche in einen katholischen (päpstlichen) und einen evangelischen (lutherischen bzw. protestantischen) Zweig. Es war nicht die erste Spaltung der christlichen Kirche. Bereits rund 1000 Jahre zuvor hatte es eine Trennung von den christlich-orthodoxen Kirchen gegeben.

Bis heute gilt der 31. Oktober als Reformationstag und ist somit der Gründungstag der evangelischen Kirche.

1 Die 95 Thesen im Wortlaut[3][Bearbeiten]

Wittenberg, 95 Thesen (rechte Seite)
Wittenberg, 95 Thesen (linke Seite)

„1.

Da unser Meister und Herr Jesus Christus spricht: Thut Buße, will er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete oder unaufhörliche Buße soll sein.

2.

Und kann und mag solch Wort nicht vom Sakrament der Buße, das ist von der Beicht und Gnugthuung, so durch der Priester Amt geübet wird, verstanden werden.

3.

Jedoch will er nicht allein verstanden haben die innerliche Buße; ja, die innerliche Buße ist nichtig und keine Buße, wo sie nicht äußerlich allerlei Tödtung des Fleisches wirket.

4.

Wahret derhalben Reu und Leid, das ist, wahre Buße, so lange einer Mißfallen an ihm selber hat, nemlich bis zum Eingang aus diesem in das ewige Leben.

5.

Der Pabst will noch kann nicht einige andere Pein erlassen, außerhalb der, die er seines Gefallens, oder laut der Canonum, das ist päbstlicher Satzungen, aufgelegt hat.

6.

Der Pabst kann keine Schuld vergeben, denn allein so fern, daß er erkläre und bestätige, was von Gott vergeben sei, oder aber, daß er es
ihm vorbehalten hat. Welche Fälle, so sie verachtet würden, bliebe die Schuld ganz und gar unaufgehoben oder verlassen.

7.

Gott vergiebt keinem die Schuld, den er nicht zugleich durchaus wohl gedemüthigt dem Priester, seinem Statthalter, unterwerfe.

8.

Canones poenitentiales, das ist, die Satzungen, wie man beichten und büßen soll, sind allein den Lebendigen aufgelegt, und sollen, nach Laut derselbigen Satzungen, den jetzt Sterbenden nicht auferlegt werden.ufft

9.

Daher thut uns der heilige Geist wohl am Pabst, daß der Pabst allewege in seinen Decreten oder Rechten ausnimmt den Artikel des Todes und die äußerste Noth.

10.

Die Priester handeln unverständig und übel, die den sterbenden Menschen Poenitentias Canonicas, das ist auferlegte Buße, ins Fegfeuer, daselbst denselben genug zu thun, sparen und behalten.

11.

Dieses Unkraut, das man die Buße oder Genugthuung, so durch die Canones oder Satzungen auferlegt ist, in des Fegfeuers Buße oder Pein sollte verwandeln, ist gesäet worden, da die Bischöfe geschlafen haben.

12.

Vorzeiten wurden Canonicae poenae, das ist Buße oder Genugthuung für begangene Sünden, nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, dabei zu prüfen, ob die Reue und Leid rechtschaffen wäre.

13.

Die Sterbenden thun für alles genug durch ihren Tod oder Absterben, und sind dem Recht der Canonum oder Satzungen abgestorben und also billig von derselben Auflage entbunden.

14.

Unvollkommene Frömmigkeit oder unvollkommene Liebe deß, der jetzt sterben soll, bringt nothwendig große Furcht mit sich, ja, wie viel die Liebe geringer ist, so viel ist die Furcht desto größer.

15.

Diese Furcht und Schrecken ist an ihr selbst und allein, daß ich ander Ding schweige, dazu genug, daß sie des Fegfeuers Pein und Qual anrichte, dieweil sie der Angst und Verzweiflung ganz nahe ist.

16.

Hölle, Fegfeuer und Himmel scheinen gleichermaßen unterschieden zu sein, wie die rechte Verzweiflung, unvollkommene oder nahe Verzweiflung und Sicherheit von einander unterschieden sind.

17.

Es scheinet, als müsse im Fegfeuer, gleichwie die Angst und Schrecken an den Seelen abnimmt, also auch die Liebe an ihnen wachsen und zunehmen.

18.

Es scheint auch unbewiesen zu sein, weder durch gute Ursachen, noch durch Schrift, daß die Seelen im Fegfeuer außer dem Stande des Verdienstes oder des Zunehmens an der Liebe sein.

19.

Es scheinet auch dies unerwiesen zu sein, daß die Seelen im Fegfeuer, zum wenigsten alle, ihrer Seligkeit gewiß und unbekümmert sein, ob wir schon deß ganz gewiß sind.

20.

Derhalben meinet noch verstehet der Pabst nicht durch diese Worte (vollkommene Vergebung aller Pein), daß insgemein allerlei Pein vergeben werde, sondern meinet die Pein allein, die er selbst hat aufgelegt.

21.

Daher irren die Ablaßprediger, die da sagen, daß durch des Pabstes Ablaß der Mensch von aller Pein los und ledig werde.

22.

Ja der Pabst erläßt keine Pein den Seelen im Fegfeuer, die sie hätten in diesem Leben, laut der Canonum, sollen büßen und bezahlen.

23.

Ja, so irgend eine Vergebung aller Pein jemand kann gegeben werden, ists gewiß, daß die allein den Vollkommensten, das ist den gar Wenigen, gegeben werde.

24,

Darum muß der größere Theil unter den Leuten betrogen werden durch die prächtige Verheißung, ohne alle Unterschiede, dem gemeinen Mann eingebildet, von bezahlter Pein.

25.

Gleiche Gewalt, wie der Pabst hat über das Fegfeuer durchaus und insgemein, so haben auch ein jeder Bischof und Seelsorger in seinem Bißthum und Pfarr insonderheit ooer bei den Seinen.

26.

Der Pabst thut sehr wohl daran, daß er nicht aus Gewalt des Schlüssels (den er nicht hat), sondern durch Hilfe oder fürbittweise den Seelen Vergebung schenket.

27.

Die predigen Menschentand, die da vorgehen, daß, sobald der Groschen in den Kasten geworfen klinget, von Stund an die Seele aus dem Fegfeuer fahre.

28.

Das ist gewiß, alsbald der Groschen im Kasten klinget, daß Gewinn und Geiz kommen, zunehmen und größer werden; die Hilfe aber oder die Fürbitte der Kirche stehet allein in Gottes Willen und Wohlgefallen.

29.

Wer weiß, ob auch alle Seelen im Fegfeuer wollen erlöset sein, wie man sagt, daß es mit S. Severino und Paschall sei zugegangen.

30.

Niemand ist deß gewiß, daß er wahre Reue und Leid genug habe, viel weniger kann er gewiß sein, ob er vollkommene Vergebung der Sünden bekommen habe.

31.

Wie selten einer ist, der wahrhaftige Reue und Leid habe, so selten ist auch der, der wahrhaftig Ablaß löset, das ist, es ist gar selten einer zu finden.

32.

Die werden sammt ihren Meistern zum Teufel fahren, die vermeinen, durch Ablaßbriefe ihrer Seligkeit gewiß zu sein.

33.

Vor denen soll man sich sehr wohl hüten und vorsehen, die da sagen: des Pabstes Ablaß sei die höchste und wertheste
Gottes Gnade oder Geschenk, dadurch der Mensch mit Gott versöhnet wird.

34.

Denn die Ablaß-Gnade stehet allein auf die Pein der Genugthuung, welche von Menschen aufgesetzt ist worden.

35.

Die lehren unchristlich, die vorgeben, daß die, so da Seelen aus dem Fegfeuer, oder Beichtbriefe wollen lösen, keiner Reue noch Leides bedürfen.

36.

Ein jeder Christ, so wahre Reue und Leid hat über seine Sünden, der hat völlige Vergebung von Pein und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe gehört.

37.

Ein jeder wahrhaftige Christ, er sei lebendig oder todt, ist theilhaftig aller Güter Christi und der Kirche, aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablaßbriefe.

38. Doch ist des Pabstes Vergebung und Austheilung mit nichten zu verachten; denn, wie ich gesagt habe, ist seine Vergebung eine Erklärung göttlicher Vergebung.

39.

Es ist aus der Maaßen schwer, auch den allergelehrtesten Theologen, zugleich den großen Reichthum des Ablasses und dagegen die wahre Reue und Leid vor dem Volke zu rühmen.

40.

Wahre Reue und Leid sucht und liebet die Strafe, aber die Mildigkeit des Ablasses entbindet von der Strafe und daß man ihr gram wird, zum wenigsten, wenn dazu Gelegenheit vorfallt.

41.

Vorsichtiglich soll man von dem päbstlichen Ablaß predigen, daß der gemeine Mann nicht fälschlich dafür halte, daß er den andern Werken der Liebe werde vorgezogen oder besser geachtet.

42.

Man soll die Christen lehren, daß es des Pabstes Gemüth und Meinung nicht sei, daß Ablaßlösen irgend einem Werk der Barmherzigkeit irgend sollte zu vergleichen sein.

43.

Man soll die Christen lehren, daß, der dem Armen giebt oder leihet dem Dürftigen, besser thut, denn daß er Ablaß löset.

44.

Denn durch das Werk der Liebe wachst die Liebe und der Mensch wird frömmer; durch den Ablaß aber wird er nicht besser, sondern allein sicherer und freier von der Pein oder Strafe.

45.

Man soll die Christen lehren, daß der, so seinen Nächsten siehet darben und deßunqeachtet Ablaß löset, der löset nicht des Pabstes Ablaß, sondern ladet auf sich Goites Ungnade.

46.

Man soll die Christen lehren, daß sie, wo sie nicht übrig reich sind, schuldig sind, was zur Nothdurft gehöret, für ihr Haus zu behalten und mit nichten für Ablaß zu verschwenden.

47.

Man soll die Christen lehren, daß das Ablaßlösen ein frei Ding sei und nicht geboten.

48.

Man soll die Christen lehren, daß der Pabst, wie mehr er eines andächtigen Gebets bedarf, also desselben mehr begehre, denn des Geldes, wenn er Ablaß austheilet.

49.

Man soll die Christen lehren, daß des Pabstes Ablaß gut sei, sofern man sein Vertrauen nicht darauf setzet; dagegen aber nichts Schädlicheres, denn so man dadurch Gottesfurcht verliert.

50.

Man soll die Christen lehren, daß der Pabst, so er wüßte der Ablaßprediger Schinderei, lieber wollte, daß S Peters Münster zu Pulver verbrannt würde, denn daß es sollte mit Haut, Fleisch und Bein seiner Schaft erbauet werden.

51.

Man soll die Christen lehren, daß der Pabst, wie er schuldig ist, also auch seines eigenen Geldes, wenn auch schon S. Peters Münster dazu sollte verkauft werden, den Leuten austheilen würde, welche doch etliche Ablaßprediger jetzund selbst ums Geld bringen.

52.

Durch Ablaßbriefe vertrauen selig zu werden, ist nichtig und erlogen Ding, obgleich der Commissarüis (oder Ablaßvogt), ja der Pabst selbst, seine Seele dafür wollte zu Pfande setzen.

53.

Das sind Feinde Christi und des Pabstes, die von wegen der Ablaßpredigt das Wort Gottes in andern Kirchen zu predigen ganz und gar verbieten.

54.

Es geschieht dem Worte Gottes unrecht, wenn man in einer Predigt gleich so viel oder mehr Zeit aufwendet, den Ablaß zu verkündigen, als auf das Wort Gottes.

55.

Des Pabstes Meinung kann nicht anders sein, denn so man den Ablaß (der das geringste ist) mit Einer Glocke, Einem Geprang und Ceremonien begehet, daß man dagegen, und viel mehr das Evangelium (welches das größte ist) mit hundert Glocken, hundert Gepräng und Ceremonien, ehren und preisen solle.

56.

Die Schätze der Kirche, davon der Papst den Ablaß austheilet, sind weder genugsam genannt, noch bekannt bei der Gemeine Ehristi.

57.

Denn daß es nicht leibliche, zeitliche Güter sind, ist daher offenbar, daß viel Prediger dieselben nicht so leichtlich hingeben, sondern allein aufsammeln.

58.

Es sind auch nicht die Verdienste Christi und der Heiligen; denn diese wirken allezeit, ohne Zuthun des Pabstes, Gnade des innerlichen Menschen und das Kreuz, Tod und Hölle des äußerlichen Menschen.

59.

S. Laurentius hat die Armen so der Kirche Glieder sind, genannt die Schätze der Kirche; aber er hat das Wörtlein genommen, wie es zu seiner Zeit im Brauch war.

60.

Wir sagen aus gutem Grunde, ohne Frevel oder Leichtfertigkeit, daß dieser Schatz sein die Schlüssel der Kirche, durch das Verdienst Christi der Kirche geschenkt.

61.

Denn es ist klar, daß zur Vergebung der Pein und vorbebaltener Fälle allein des Pabstes Gewalt genug ist.

62.

Der rechte, wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

63.

Dieser Schatz ist billig der allerfeindseligste und verhassetste. Denn er macht, daß die Ersten die Letzten werden.

64.

Aber der Ablaßschatz ist billig der allerangenehmste, denn er macht aus den Letzten die Ersten.

65.

Derhalben sind die Schätze des Evangelii Netze, da man vorzeiten die reichen wohlhabenden Leute mit gefischt hat.

66.

Die Schätze aber des Ablaß sind die Netze, damit man jetziger Zeit die Reichthümer der Menschen fischet.

67.

Der Ablaß, den die Prediger für die größeste Gnade ausrufen, ist freilich für große Gnade zu halten, denn er großen Gewinn und Genieß träget.

68.

Und ist doch solcher Ablaß wahrhaftig die allergeringste Gnade, wenn man ihn gegen die Gnade Gottes und des Kreuzes Gottseligkeit hält oder vergleichet.

69.

Es sind die Bischöfe und Seelsorger schuldig, des apostolischen Ablaß Commissarien mit aller Ehrerbietung zuzulassen.

70.

Aber viel mehr sind sie schuldig, mit Augen und Ohren aufzusehen, daß dieselben Commissarien nicht anstatt päbstlichen Befehls ihre eigenen Träume predigen.

71.

Wer wider die Wahrheit des päbstlichen Ablasses redet, der sei ein Fluch und vermaledeiet.

72.

Wer aber wider des Ablaßpredigers muthwillige und freche Worte Sorge trägt oder sich bekümmert, der sei gebenedeiet.

73.

Wie der Pabst diejenigen billig mit Ungnade und dem Bann schlägt, die zu Nachtheil dem Ablaß irgend auf einigem Weg handeln:

74.

So viel mehr trachtet er, auf die Leute Ungnade und Bann zu schütten, die unter dem Scheine des Ablasses zu Nachtheil der heiligen Liebe und Wahrheit handeln.

75.

Des Pabstes Ablaß so groß halten, daß er einen absolviren oder von Sünden los machen könne, wenn er gleich (unmöglicher Weise zu reden) die Mutter Gottes geschwächt hätte, ist rasend und unsinnig sein.

76.

Dagegen sagen wir, daß des Pabstes Ablaß nicht die allergeringste tagliche Sünde könne hinwegnehmen, so viel die Schuld derselben belanget.

77.

Daß man saget, St. Peter, wenn er jetzt Pabst wäre, vermöchte nicht größeren Ablaß zu geben, ist eine Lästerung wider St. Peter und den Pabst.

78.

Dawider sagen wir, daß auch dieser und ein jeder Pabst größern Ablaß hat, nemlich das Evangelium, Kräfte, Gaben, gesund zu machen u. s. w. 1. Cor. 12, 6. 9.

79.

Sagen, daß das Kreuz, mit des Pabstes Wappen berrlich aufgerichtet, vermöge so viel als das Kreuz Christi, ist eine Gotteslästerung.

80.

Die Bischöfe, Seelsorger und Theologen, die da gestatten, daß man solche Worte vor den Gemeinen reden darf, werden Rechenschaft dafür geben müssen.

81.

Solche freche und unverschämte Predigt und Ruhm vom Ablas macht, daß es auch den Gelehrten schwer wird, des Pabstes Ehre und Würde, zu vertheidigen vor derselben Verläumdung, oder ja vor den scharfen listigen des gemeinen Mannes Fragen.

82.

Als nemlich: Warum entledigt der Pabst nicht alle Seelen zugleich aus dem Fegfeuer um der allerheiligsten Liebe willen und von wegen der höchsten Noth der Seelen, als der allerbilligsten Ursachen, so er doch um des allervergänglichsten Geldes willen, zum Bau St. Peters Münster, unzählig viel Seelen erlöset, als von wegen der losesten Ursachen?

83.

Item: Warum bleiben die Begängnisse und Jahreszeiten der Verstorbenen stehen, und warum giebt er nicht wieder oder vergönnet, wieder zu nehmen die Beneficia oder Pfründen, die den Todten zu gut gestiftet sind, so es nunmehr' unrecht ist, für die Erlöseten zu beten?

84.

Item: Was ist das für eine, neue Heiligkeit Gottes und des Pabstes, daß sie dem Gottlosen und dem Feinde um des Geldes willen vergönnen, eine gottesfürchtige und von Gott geliebte Seele zu erlösen, und wollen doch nicht vielmehr, um der großen Noth derselben gottesfürchtigen und geliebten Seele willen, sie aus Liebe umsonst erlösen?

85.

Item: Warum die Canones poenitentiales, das ist, die Satzungen von der Buße, nun, längst in ihnen selbst mit der That, ob sie schon noch im Gebrauch sind, abgethan und todt, noch mit Geld gelöset werden, durch Gunst des Ablaß, als wären sie noch ganz kräftig und lebendig?

86.

Item: Warum bauet jetzt der Pabst nicht lieber St. Peters Münster von seinem eigenen Gelde, denn von der armen Christen Geld, weil doch sein Vermögen sich höher erstreckt, denn keines reichen Crassi Güter?

87.

Item: Was erlässet oder theilet der Pabst sein Ablaß denen mit, die schon durch vollkommene Reue einer vollkommenen Vergebung und Ablaß berechtigt sind?

88.

Item: Was könnte der Kirche mehr Gutes widerfahren, denn, wenn der Pabst, wie er es nur einmal thut, also hundertmal im Tage, jedem Gläubigen diese Vergebung und Ablaß schenkt?

89.

Weil auch der Pabst der Seelen Seligkeit mehr durch Ablaß, denn durchs Geld suchet, warum hebt er denn auf und macht zu nichte die Briefe und Ablaß, die er vormals gegeben hat, so sie doch gleich kräftig sind?

90.

Diese der Laien sehr spitzige Argumente allein mit Gewalt wollen dämpfen und nicht durch angezeigten Grund und Ursach auflösen, heißt die Kirche und den Pabst den Feinden zu verlachen darstellen und die Christen unselig machen.

91.

Derhalben, so der Ablaß nach des Pabstes Geist und Meinung gepredigt würde, wären diese Einreden leichtlich zu verantworten, ja, sie wären nie nicht vorgefallen.

92.

Mögen derhalben alle die Prediger hinfahren, die da sagen zu der Gemeinde Christi: Friede, Friede! und ist kein Friede. (Ezech. 13, 10. 16)

93.

Den Predigern aber müsse allein es wohl gehen, die da sagen zur Gemeinde Christi: Kreuz, Kreuz! und ist kein Kreuz.!

94.

Man soll die Christen vermahnen, daß sie ihrem Haupte Christo durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen, sich befleißigen;

95.
Und also mehr durch viel Trübsal ins Himmelreich zu gehen, Apstgsch.14,22, denn daß sie durch Vertröstung des Friedens sicher werden.

Allerheiligen Abend 1517.


: "Schriften Doctor Martin Luthers - Für das deutsche christliche Volk - Eisleben 1846 - Druck und Verlag von Georg Reichardt"; ebd.: S. 7 - 17

2 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK: Der Redakteur - MDR THÜRINGEN - das Radio - 30.10.2012: Hat Martin Luther wirklich die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen?"
    welt.de (Axel Springer AG): Religionsgeschichte - Luther hat seine 95 Thesen nicht angeschlagen
  2. Deutsche Welle: Die 95 Thesen Martin Luthers – 31. Oktober 1517
  3. Ursprünglich auf Latein formuliert, das Luther vorzüglich beherrschte. Hier wiedergegeben ist eine zeitgenössische Übersetzung. Andere Übersetzungen sind auf "SPIEGEL ONLINE GmbH - Projekt Gutenberg: 95 Thesen des Theologen Dr. Martin Luther" und "Evangeliumsnetz e.V.: Reformation heute" nachzulesen.

3 Weblinks[Bearbeiten]

4 Andere Lexika[Bearbeiten]