Luise H.

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Profil.png Profil: H., Luise
Beruf Kellnerin
Persönliche Daten
02.01.1914
Wiesdorf (heute Leverkusen)
12.02.1945
Hadamar


Luise H. [1] wurde am 02.01.1920 in Wiesdorf (heute Leverkusen) geboren.

1 Luise H.[Bearbeiten]

Sie besuchte die Volksschule und arbeitete anschließend als Kellnerin. Ab 1940 lebte sie in Lüdenscheid. Dort arbeitete sie in einem Cafe am Adolf Hitler Platz (heute Rathausplatz).

In der Nacht zum 10.04.1942 wurde sie orienterungslos von der Polizei aufgegriffen und in das städtische Krankenhaus gebracht. Der untersuchende Arzt schrieb:

„Keine Orientierung, stumpf, affektlos. "Sie sei verfolgt worden. Sie wollte bei den Schlangen schlafen. Heute Nacht seien die Toten aufgestanden."“

Der Chefarzt Dr. Hueck wies sie in die Landesheilanstalt Warstein ein. Das zuständige Erbgesundheitsgericht stellte am 03.10.1942 fest:

„In der Anstalt war sie zunächst ausgesprochen gehetzt und zeitweise zerfahren. Sie stand auch unter dem Eindruck von Beeinträchtigungsideen, die allerdings konkret nicht zu fassen waren, im übrigen aber ganz den zerfahrenen Gedankengängen entsprachen. Nach einer Elektrokrampfbehandlung besserte sich der Zustand zunächst so, dass bei dem Antrage auf Unfruchtbarmachung gesagt werden konnte, Bestellung eines Pflegers für das Verfahren sei nicht erforderlich. Im Termin vom 12.VI.42 stellte sich dann aber heraus, dass die Psychose doch noch nicht abgeklungen und die Betroffene nicht in der Lage war, ihre Belange im Verfahren selbst wahrzunehmen. Es wurde ihr deshalb ein Pfleger beigestellt. Im Termin vom 3.X. hat Luise H.[1] sich dem Erbgesundheitsgericht erneut vorgestellt. Sie war auch jetzt noch offensichtlich ausgesprochen geistig krank, redete z.T. völlig durcheinander und machte einen ängstlichen hilflos-ratlosen Eindruck. Es kann deshalb nach dem bisherigen Verlauf der Psychose an der Richtigkeit der im Antragsgutachten gestellten Diagnose "Schizophrenie" nicht gezweifelt werden. Da die Schizophrenie eine Erbkrankheit im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes ist, d.h. der davon betroffene den Zustand mit großer Wahrscheinlichkeit auf etwaige Nachkommen vererbt, war mit der Kostenfolge aus § 13 des Gesetzes wie geschehen zu entscheiden.“

Vom 13.03.1943 existiert ein Brief des Brudes Luises, des Bezirkoberwachtmeisters Karl H.[1] aus der Gemeinde Siersdorf. Er schreibt an die Heilanstalt Warstein:

„Meine Schwester Luise H., die bereits ein Jahr in der dortigen Anstalt untergebracht ist, wünscht ihre Entlassung. Anhand ihrer Briefe habe ich feststellen müssen, dass ihr Gesundheitszustand wohl als befriedigend anzusehen ist. Ich bitte diesbezüglich um Nachricht, ob von zuständiger Stelle die Entlassung vorgenommen werden kann.“

Mit Datum vom 29.03.1943 antwortet die Krankenhausverwaltung:

„Der Zustand ihrer Schwester war in den letzten Monaten noch stärkeren Schwankungen unterworfen; es wechselten bei ihr Zeiten, in denen sie geordnet war, mit solchen, in denen sie gehemmt und unzugänglich war. Eine Entlassung aus der Anstalt kann erst dann in Aussicht genommen werden, wenn das Verfahren bei dem Erbgesundheitsobergericht abgeschlossen ist.“

Das Amtsgericht Lüdenscheid bestellt zum 25.06.1943 die Fürsorgerin Anneliese R.[1] für die juristische Vertretung von Luise H. . Es geht um ein Verfahren zur Erlangung und Verwaltung einer Rente für Luise H.

In der Warsteiner Krankenakte ist weiterhin vermerkt:

„Patientin war als Kind gesund. In der Schule immer mitgekommen. Nach der Schulzeit immer in Stellung ...
Seit August 1940 in Lüdenscheid. Seit Mai im Kaffee ...
Über die Vorgänge, die zu ihrer Einlieferung ins Krankenhaus führten, ist nichts Rechtes zu erfahren ...
7.9.1942 Machte heute abend auf dem Wege von der Bügelstube zur Abteilung einen Fluchtversuch, wurde eingeholt. ...
20.1.1943 Wurde versuchsweise in einen Beamtenhaushalt geschickt. Es zeigte sich da, dass sie durchaus noch nicht in der Lage ist, irgendwie selbständig zu arbeiten. ...
10.4.1943 Termin von EGG in Hamm.“

Im Beschlußschreiben des Erbgesundheitsgerichtes Hamm vom 10.04.1943 heißt es:

„Bei Luise H. haben sich schon in den Jahren vor der am 14.4.1942 erfolgten Einlieferung zu einem akuten Krankheitsstadium, welches ausweislich der dem Senat vorliegenden Krankenblatte gekennzeichnet war durch Zerfahrenheit und Verwirrtheit, ausgesprochene Hemmungszustände, mitunter Ratlosigkeit und stark negativistisches Verhalten u.a. mehr. Die in der Anstalt durchgeführte Elektrokrampfbehandlung hat zu keinem nachhaltigen Erfolg geführt. ...
Daß in der Sippe gleichartige Erkrankungen nicht bekannt sind, beweist nichts gegen die Richtigkeit der Diagnose Schizophrenie, da sich diese Krankheit verdeckt vererbt, d.h. Generationen überspringen kann, um erst bei einem späteren Nachkommen wieder in die Erscheinung zu treten. Da die Diagnose gesichert und die Unfruchtbarmachung zu Recht angeordnet ist, war die Beschwerde zurückzuweisen.“

Die letzten Eintragungen der Krankenakte lauten:

„16.6.1943 Nachdem vom E.G.G. Hamm die Beschwerde gegen den Unfruchtbarmachungsbeschluss des E.G.G. Arnsberg zurückgewiesen ist nun der Beschluß rechtskräftig geworden ist, wird die H. heute zur Sterilisierung zur Landesfrauenklinik Paderborn gebracht.
2.7. Wird heute von der Landesfrauenklinik zur Anstalt zurück geholt. Zeigte ein geordnetes Verhalten.
15.7. Seit 3 Tagen wieder psychisch verändert, leichte psychomotorische Unruhe, scheues Wesen. Auf Fragen nach Gehörtäuschungen, verneint sie diese zuerst, sagt dann, sie höre immer in ihrem Bett "Telephon", das da angebracht sei; zu Hause im Garten habe sie das auch immer gehört.
26.7.43 in die H.A. Hadamar verlegt.“

"Mensch, achte den Menschen"
Gedenkstele auf dem Friedhof der NS-Euthanasieopfer bei der NS-Gedenkstätte Hadamar (bei Limburg/ Lahn)

Der letzte Eintrag in die Akte erfolgt in Hadamar:

„12.2.1945 Exitus an Grippe.“

Ob diese Diagnose der Wahrheit entspricht? Fest steht: In Hadamar wurde in dieser Zeit Morde durch Mangelernährung und eine Medikamentenüberdosis begangen.

2 Weitere Opfer[Bearbeiten]

Weitere 55 Lüdenscheider Opfer der Euthanasie der NS-Zeit sind in dem "Lüdenscheider Gedenkbuch für die Opfer von Verfolgung und Krieg der Nationalsozialisten 1933 - 1945" (s. u.) aufgeführt.

3 Literatur/ Quellennachweis[Bearbeiten]

4 Widmung[Bearbeiten]

Luise H. steht hier bei PlusPedia stellvertretend für die über 100.000 Menschen, die im Rahmen der NS-Euthanasie ("T4-Aktion") - auch nach August 1941 - von der NS-Diktatur zwangssterilisiert und ermordet wurden.
Viele Zwangssterilisierte Menschen sind dem Tod entronnen und mussten, teils bis heute, mit dem Makel leben, der ihnen angetan wurde. Auch für diese Menschen steht dieser Artikel. Einige Opfer sind, bis heute, namenlos geblieben.

5 Dank[Bearbeiten]

Grundlage der Orginalversion dieses PlusPedia-Artikels sind Notizen des Lüdenscheider Historikers Matthias Wagner [2], welche er anhand der Krankenakte im Archiv der Gedenkstätte Hadamar für die geplante Dauerausstellung "Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid" anfertigte. Herzlichen Dank vom Erstautor dieses PlusPedia-Artikels an H. Wagner.

6 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Der Familienname ist aus Gründen des Datenschutzes im folgenden abgekürzt. Der Name ist dem Hauptautor dieses PlusPedia-Artikels bekannt.
  2. http://www.luedenscheid.de/buerger/ehrungen/sp_auto_5612.php - Träger der Ehrennadel der Stadt Lüdenscheid für den Einsatz für die Lüdenscheider Stadtgeschichte, Auszeichnung im September 2005