Germanische Schöpfungsgeschichte

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Darstellung des nordischen Weltenbaumes in einer englischen Ausgabe der Edda aus dem 19. Jahrhundert

Die Germanische Schöpfungsgeschichte weist einige Parallelen zu den frühen Schöpfungsmythen anderer Kulturen auf (z. B. denen der Inder, der Griechen oder auch der alten Ägypter).

In der Prosa-Edda des Snorri Sturluson (v. a. in Gylfaginning) sowie im Codex Regius der Lieder-Edda (u. a. in der Völuspá und dem Vafþrúðnismál) sind die hier beschriebenen Mythen überliefert, wobei anzunehmen ist, dass es bereits zur Vermischung mit anderen Schöpfungsvorstellungen, z.B. aus dem Christentum gekommen ist. Inwieweit diese Überlieferungen als germanisch gelten, ist vor dem Hintergrund des unklaren Begriffs Germanen umstritten. Einige Kultur- und Religionswissenschaftler verwenden auch den Begriff Nordische Schöpfungsgeschichte.

Anfangs gab es nichts (ganz im philosophischen Sinne zu verstehen). Dieses Nichts nannte man Ginnungagap ("gähnende Kluft”). Man stellte es sich als eine tiefe Schlucht des Nichts und der Windstille vor. Im Süden dieser Schlucht entstand Muspelheim, ein Reich, in dem Feuer und Hitze herrschte. Später kam Niflheim ("Nebelheim", im Norden von Ginnungagap) hervor, ein Reich voller Nebel, Frost und Kälte. Im Zentrum von Niflheim ist der Brunnen Hvergelmir. Aus dieser Quelle entsprangen zwölf Flüsse, die zusammen Elivagar genannt wurden. Sie überfluteten ganz Niflheim, und es bildete sich eine Eisschicht über die andere, bis sie sich zur Schlucht Ginnungagap vorschlugen. Erst seit diesem Ereignis gab es in Niflheim Eis und Schnee. Die Feuerfunken von Muspelheim brachten das Eis am Rand zum Schmelzen.

Aus solch einem Tropfen entstanden der Urriese Ymir und die Urkuh Audhumbla, aus deren Euter stets Milch floss. Diese Milch diente Ymir zur Nahrung. Eines Tages fiel der Riese in einen tiefen Schlaf und aus dem Schweiß der linken Achselhöhle kamen ein männliches und ein weibliches Riesenwesen hervor. Weiter paarten sich die beiden Füße Ymirs, und es entstand Wafthrudnir, dessen sechsköpfiger Sohn der Stammvater des Geschlechtes der Hrimthursar (die Reif- und Frostriesen) wurde. Audhumbla ernährte sich, indem sie das salzige Eis schleckte, doch eines Tages kam ein langes Menschenhaar zum Vorschein. Am nächsten Tag wurde ein Kopf und am dritten Tag ein ganzer Körper aufgedeckt.

Dies war Buri, der Urriese und Stammvater der Götter. Er paarte sich mit sich selbst und gebar den Riesen Bör. Bör zeugte mit der Riesin Bestla drei Söhne: Odin, Vili und (die ersten Asen). Bestla ist die Tochter des Hrimthursen Bölthorn, also war sie eine Reifriesin (Ymirs Nachkommen), trotzdem war sie friedliebend (die Hrimthursen galten als böse und kriegerisch).

Alle lebten friedlich und waren glücklich, bis die drei Asen den Riesen Ymir erschlugen. Aus seinem Blut entwickelte sich eine Flutwelle, in der alle Reifriesen ertranken außer Bergelmir und seiner Gattin, die auf einem Kasten aus Holz Zuflucht fanden. Aus ihnen ging das neue Reifriesengeschlecht hervor. Die Asen legten Ymirs Leichnam in die Schlucht Ginnungagap. Sie formten aus folgenden Körperteilen die Welt:

Blut = Weltmeer
Körper = Erde
Knochen = Berge
Haare = Bäume und Gras
Zähne und Schädelsplitter = Stein und Felsen
Maden des Körpers = Zwerge*
Schädel = Himmelsgewölbe
Gehirn = Wolken

Eine andere Geschichte besagt, die Zwerge seien aus Brimirs Blut und Blains Gliedern entstanden.

Am Himmelsgewölbe waren Hörner an den vier Ecken. Die Asen hoben Ymir abermals hoch und setzten an jedes Horn einen Zwerg, der das Gewölbe halten sollte. Sie hießen: Austri (im Osten), Vestri (im Westen), Norðri (im Norden) und Suðri (im Süden). Zuletzt nahmen die Götter Funken aus Muspelheim und setzen sie an den Himmel (Sterne).

Um Tag und Nacht festzulegen, erhielten Dag und seine Mutter, die Riesin Nott, jeweils einen mit einem Pferd bespannten Wagen von den Göttern. Das Pferd von Dag hieß Skinfaxi (Scheinmähne) und die Nott fuhr mit Hrimfaxi (Reifmähne). Mit diesen fahren sie im Abstand von einem Tag um die ganze Welt, die sich die Germanen als flache, runde Scheibe vorstellten. Der Riese Mundilfari wagte es, seine Tochter Sol und seinen Sohn Mani mit den Göttern gleichzusetzen, deshalb setzte Odin beide in den Himmel, wo seitdem Sol den Sonnenwagen und Mani den Mondwagen über das Gewölbe lenkt. Die Wagen schufen die Asen aus zwei großen Brocken aus Muspelheim. Mani wird vom Wolf Hati verfolgt. Immer wenn er zu nah am Mondwagen vorbeikommt, entsteht eine Mondfinsternis. Das gleiche gilt für Sol, deren Wolf Sköll genannt wird (statt Mond- eben Sonnenfinsternis).

Im Osten der Scheibe ist Jötunheim, das Reich der Riesen. Zum Schutz gegen den Thursen bauten die Götter einen Wall aus den Augenbrauen von Ymir um Midgard. Midgard ist das Reich der Menschen und Mitte aller Welten. Die drei Asen nahmen zuletzt das Gehirn von Ymir und warfen es in den Himmel. Die ersten Menschen wurden von Odin, Hönir (anderer Name für Vili) und Lodur (anderer Name für Ve) aus einer Esche und einer Ulme oder Schlingpflanze, die vom Meer an Land gespült wurden, geschnitzt. Aus der Esche schufen sie einen Mann, aus der Ulme eine Frau. Ask und Embla wurden die Stammeltern des Menschengeschlechts. Odin gab ihnen als Luftgott Atem, Leben und Geist; Hönir gab ihnen klaren Verstand und Gefühl; Lodur gab ihnen das warme Blut, das blühende Aussehen, die Sprache und das Gehör. Ab sofort lebten in Midgard die Menschen, in Asgard die Asen, die Riesen und Trolle im westlichen Utgard und die Zwerge lebten in Schwarzalbenheim. Die Elfen wohnen in Lichtelfenheim.

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