Des Deutschen Vaterland

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Die Dichter der Freiheitskriege: Joseph von Eichendorff, Max von Schenkendorf, Theodor Körner, Friedrich Rueckert, Heinrich von Kleist und Ernst Moritz Arndt (ganz unten) umrahmt von Eichenlaub und um eine Germania mit Schwert und Lyra gruppiert.
Des Deutschen Vaterland ist ein 1813 von Ernst Moritz Arndt im Kontext der gegen das napoleonische Frankreich geführten Befreiungskriege verfasstes Lied. Es stellt die immer noch aktuelle Frage nach der deutschen Identität. Es wurde von Johannes Cotta im Jahr 1815 und von Gustav Reichardt im Jahr 1825 vertont und genoß bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts große Popularität.

1 Entstehung[Bearbeiten]

Für Arndt stellte der gemeinsame Kampf der deutschen Länder gegen die napoleonische Fremdherrschaft in den Jahren 1812 bis 1815 eine zentrale Aufgabe dar, die er durch seine Dichtung und politischen Schriften unterstützte. Mit seinen drei Gedichtsammlungen Lieder für Deutschland, Kriegslieder der Deutschen und Deutsche Wehrlieder wollte er mit der Kraft der Muttersprache nationale Erziehungsarbeit leisten und Werkzeuge gegen die französische Fremdherrschaft zur Verfügung stellen. [1] Den Text von Des Deutschen Vaterland schrieb er im Jahr 1813 noch vor der Völkerschlacht bei Leipzig. Es wurde mit einer Vorrede von Ludwig Jahn erstmalig in Deutsche Wehrlieder für das Königl. Preuß. Frei-Corps, 1. Sammlung im Frühjahr 1813 gedruckt. Noch im selben Jahr erschien es dann in Arndts Lieder für Teutsche. [2]

Der Jenaer Student Johannes Cotta (1794-1868), der später am Wartburgfest teilnahm und dann Pfarrer wurde, komponierte im Jahr 1815 die Melodie zu dem Lied. Franz Magnus Böhme schrieb zur Entstehung der Melodie im Jahr 1895 in seinem Buch Volkstümliche Lieder der Deutschen:

Dieses Vaterlandslied wurde zuerst komponiert von dem musikgeübten Jenenser Studenten Johannes Cotta. Als am 12. Juni 1815 im Gasthof zur Tanne bei Jena die Burschenschaft gegründet wurde, die landsmannschaftlichen Fahnen zum Zeichen der Auflösung der Landsmannschaften sich senkten und alle sich brüderlich umarmten, erscholl zum erstenmal in Deutschland dieses Lied mit Cotta´s Melodie, das seitdem zugleich ein Vaterlands- und ein Burschenlied wurde.

Eine weitere Vertonung des Musikpädagogen und Komponisten Gustav Reichardt (1797-1884) aus dem Jahr 1825 erreichte anfänglich nicht die selbe Popularität wie Cottas Melodie. Reichardt war die Melodie eingefallen, als er mit vier Freunden die Schneekoppe bestiegen hatte. Reichardt veröffentlichte sie 1826 in einer Sammlung von Männerquartetten. Später setzte sich dann allerdings mehrheitlich die Melodie von Reichardt durch. Im Allgemeinen Deutschen Commersbuch von 1855 wird beispielsweise zu Des Deutschen Vaterland unter Nr. 75 des ersten Teils die Melodie von Reichardt angegeben.

2 Textlicher Inhalt[Bearbeiten]

Studenten beim Aufsteig zur Wartburg anlässlich des Wartburgfestes am 18.10.1817
Ernst Moritz Arndt fragt in dem Lied nach der Identität der Deutschen, den Merkmalen die Deutschland definieren könnten, und seinen daraus folgenden möglichen geographischen Grenzen. Diese Frage war zur Entstehungszeit des Liedes mit der Verteilung deutscher Gebiete auf Österreich-Ungarn, Preußen und unzählige größere und kleinere Staatswesen noch nicht einmal annähernd einem Konsens zugeführt. Auch 1848 und vor der Reichsgründung 1870 war die Frage welche Gebiete der erstrebte deutsche Einheitsstaat umfassen sollte z.B. in der Frage nach einer klein- oder großdeutschen Lösung umstritten. Auch später wurden und werden die im Lied aufgeworfenen Fragen wegen der Gebietsverluste nach den verlorenen Kriegen von 1918 und 1945, in Bezug auf die immer noch umstrittene Anerkennung der Oder-Neiße Grenze durch die sozialliberale Koalition im Jahr 1970, und bis zu den aktuellen Einwanderungsdebatten in Bezug auf die Frage nach Deutschlands geographischen Grenzen und seiner kulturellen Identität immer wieder neu diskutiert.

3 Musik[Bearbeiten]

Strophe 1-6 des Liedes Des Deutschen Vaterland in der Version Johannes Cottas aus dem Jahr 1815
Die Versionen von Cotta und Reichardt weisen einige Unterschiede in Bezug auf Harmonik, Melodik und Rhythmik auf. Neben den einstimmigen Versionen wurden im Laufe der Zeit auch verschiedene ausharmonisierte Fassungen erstellt. Ein Beispiel dafür ist die vierstimmige Chorversion aus dem Allgemeinen Deutschen Commersbuch von 1855.

3.1 Vergleich der Harmonik[Bearbeiten]

Aufgrund der ursprünglich einstimmigen und erst nachträglich ausharmonisierten Fassungen der Versionen sind rein theoretisch auch andere als die nachfolgenden harmonischen Deutungen denkbar.

3.1.1 Die Version von Cotta[Bearbeiten]

Die Version von Cotta ist im Vergleich zur Version von Reichardt harmonisch konventioneller gestaltet. Sie beschränkt sich auf die in einfachen Liedern häufig üblichen Hauptfunktionen von Tonika, Subdominante, Dominante und Tonikaparallele. In Strophe 1-6 wird der Dominantseptakkord G7 eingesetzt und in Strophe 7-9 mit C7 zusätzlich der Septakkord der Grundstufe, sowie im vorletzten Takt die Subdominantparallele (in G-Dur hier a-Moll).

3.1.2 Die Version von Reichardt[Bearbeiten]

Die Version von Reichardt ist harmonisch "gewagter". Sie setzt zusätzlich zu den genannten Grundfunktionen in Takt 6 die tonleiterfremde Funktionen der Doppeldominante (in G-Dur hier A-Dur), und in Takt 8 die auch tonleiterfremde terzverwandten Mediante (in G-Dur hier H-Dur) sowie die tonleitereigene Tonikaparallele e-Moll ein. Die Subdominante wird in in den Strophen des ersten Teils (1-6) im Gegensatz zu Cottas Version nicht eingesetzt. Im Refrain vollzieht sich dann mit der Verwendung des Septakkords der Tonika (in G-Dur hier G7) und dem erstmaligen Auftauchen der Subdominante (in G-Dur hier C-Dur) eine "Annäherung" an den subdominantischen Bereich der Tonart. In den Strophen 7-9 setzt Reichardt im Rahmen des Volksliedes harmonisch "sehr gewagte harmonische" Mittel ein. In Takt vier stehen die Dur- und Mollakkorde einer Tonstufe in Form der Subdominantparallele (in G-Dur hier a-Moll) und des Septakkords der Doppeldominante (in G-Dur hier A7) innerhalb eines Taktes unmittelbar nebeneinander. Im Refrain wird ab Takt sechs kurz die mediantisch kleinterzverwandte Tonart B-Dur erreicht, welche dann über einen chromatischen Aufsteig über Es-Dur, den übermäßigen Dreiklang Eb+, c-Moll und Eb7 über vier Halbtöne wieder zu G-Dur in Takt 10 zurückführt.

3.2 Vergleich der Melodik und Rhythmik[Bearbeiten]

Strophe 7-9 des Liedes Des Deutschen Vaterland in der Version Johannes Cottas aus dem Jahr 1815
In beiden Versionen besteht das Lied aus zwei Teilen. Der erste Teil umfasst die Strophen eins bis sechs. Ab Strophe sieben ("Was ist des deutschen Vaterland? So nenne endlich mir das Land!") wird eine rhythmisch und in ihrer Intervallstruktur veränderte Melodie verwandt. In beiden Versionen wird ein tonleiterfremder Ton eingeführt.

3.2.1 Die Version von Cotta[Bearbeiten]

Die Version von Cotta in den Strophen 1-6 steigt in Takt 1 in Sekundschritten von der Quinte zum Grundton in der Oktave auf, und in Takt 2 und 3 mittels eines abwärts gerichteten Quartsprungs und Sekundgangs in punktierter Form zur Terz ab. Dies rhythmische Modell aus punktierten Vierteln/Achteln und danach auftretenden Achtel/Sechszehnteln bleibt bis zum Refrain erhalten. In Takt 4 folgt ein abwärts gerichteter Terzsprung der im darauffolgenden Takt zu einem Quartsprung erweitert wird. Bis zum Ende des Refrains bewegt sich die Melodie dann in den kleinen Intervallen von Sekunde und Terz langsam bis zum Spitzenton e aufwärts. Der Text ist musikalisch durch Pausen in Phrasen von 8-8-4-4-8 Silben gegliedert.

Der Refrain steht mit der Strophe in rhythmischer Hinsicht in starkem Kontrast. Während der unsichere Fragecharakter der Strophe musikalisch durch die punktierte Form charakterisiert ist, wird der selbstgewisse Antwortcharakter des Refrains durch gleichmäßigen Achtel und zwei langausgehaltene Halbe hervorgehoben. Der erstmalige Widerspruch gegen die Fragen/Behauptungen der Strophe wird durch einen energischen Sextsprung nach oben vom g zum e in Takt 9-10 deutlich. Das Verlangen nach einem erweiterten Vaterlandsbegriff ("Sein Vaterland muss größer sein!") wird durch die bewegte und anfänglich in Dreiklangsbrechung nach oben gerichtete und an Kolloratur erinnernde Figur in Takt 12 ausgedrückt. Die Strophen 7-9 sind von Takt 1-9 rhythmisch ähnlich gebaut wie die Strophen 1-6. Allerdings ist der Abschnitt von der Textgliederung und Setzung der musikalischen Pausen anders gegliedert. Während die Strophen 1-6 dem Fragecharakter angemessen relativ kleingliedrig ab Takt 3 mittels Viertelpausen in 4-4-8-8 Silben gliedern, wird die textliche Gewissheit der Strophen 7-9 durch die einfachere Zweiteilung in 8 und 12 Silben verwirklicht .Neu gegenüber den Strophen 1-6 ist auch die in Takt 2 und 3 erstmalig auftretende kleine Sept b, und der in Takt 8 über dem Akkord G7 aufsteigende, und gegenüber dem e aus Strophe 1-6 erhöhte Spitzenton f auf dem Wort "Himmel". Die letzten vier Takte sind ganz anders gestaltet als in den Strophen 1-6. Dem großen Tonambitus und rhythmisch bewegten und punktierten Gestus der textlichen Verneinung der gestellten Fragen in den Strophen 1-6 steht hier die Bejahung der im Text gestellten Antworten ("Das soll es sein, das soll es sein ...") mittels gleichmäßiger Achtelnotenbewegung und langer Halben in Sequenzierung und einer das Lied abschließenden Viertelbewegung gegenüber.

3.2.2 Die Version von Reichardt[Bearbeiten]

Strophe 1-6 des Liedes Des Deutschen Vaterland in der Version Gustav Reichardts aus dem Jahr 1825
Reichhardt Version der Strophen 1-6 ist rhythmisch und melodisch nah verwandt mit der Version von Cotta. Prinzipielle Unterschiede sind meist nur in den verschieden gerichteten Tonbewegungen zu erkennen. Während Cotta in Takt 2 und 3 vom c auf der Silbe "Deut" zum e auf der Silbe "land" kontinuierlich um eine Sexte absteigt, hat Reichhardt hier eine mehrmalige Pendelbewegung vom g abwärts zum d, folgend aufwärts zum h und dann in Sekundschritten zum g wieder absteigend komponiert. Auch in Takt 5 und 6 ("It`s`wo am Rhein die Rebe blüht ...") kehrt Reichardt ebenso wie in Takt 8 und 9 ("wo am Belt die Möwe zieht ...) die aufwärts gerichtete melodische Bewegung von Cotta um.

4 Rezeption[Bearbeiten]

Nach seiner Entstehung wurde das Lied von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung zunehmend neben dem ab 1841 aufkommenden Deutschlandlied als eine Art von zweitem Nationallied der nationalen Einigungsbewegung gesungen. Es wurde unter anderem in den Büchern Deutsche Studentenlieder von 1856, Allgemeines Deutsches Commersbuch von 1858 Feuerwehrliederbuch um ca. 1880, Feuerwerker-Liederbuch von 1883, im Deutschen Armee Liederbuch und dem Deutsch-Österreichischen Studentenliederbuch aus dem Jahr 1888, im Neuen Liederbuch für Artilleristen von 1893, im Buch Volkstümliche Lieder der Deutschen von 1895, in der Weltkriegs-Liedersammlung von 1926 und im Schlesier-Liederbuch aus dem Jahr 1936 aufgenommen. Ab 1870 wurde es allerdings zunehmend durch das Lied Die Wacht am Rhein in den Hintergrund gedrängt. Die nationalweite und auch patreienübergreifende Aktzeptanz des Liedes auch nach 1870 wird auch durch die Tatsache der Publizierung des Liedes in sozialdemokratischen Liederbüchern wie z.B. dem Der Lassalleaner - Sammlung sozialdemokratischer Lieder und Gedichte von 1870 belegt. Auch die Instrumentalisierung und zeitweilige Korrumpierung des Liedes durch die Zeit des Nationalsozialismus konnte den Charakter des Liedes als historisches Dokument nationaler Vereinigungsbestrebungen des 19. Jahrhunderts und als fortbestehende Aufforderung zur Selbstvergegenwärtigung deutscher Kultur, Identität und zu erstrebender nationaler Einheit nicht dauerhaft beschädigen.

5 Text[Bearbeiten]

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Preußenland? Ist’s Schwabenland?

Ist’s wo am Rhein die Rebe blüht?

Ist’s wo am Belt die Möwe zieht?

O nein, nein, nein!

|: Sein Vaterland muss größer sein! :|

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Bayerland? Ist’s Steierland?

Ist’s, wo des Marsen Rind sich streckt?

Ist’s, wo der Märker Eisen reckt?

O nein, nein, nein!

|: Sein Vaterland muss größer sein! :|

Auszug der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813

|Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Pommerland? Westfalenland?

Ist’s, wo der Sand der Dünen weht?

Ist’s, wo die Donau brausend geht?

O nein, nein, nein!

|: Sein Vaterland muss größer sein! :|


Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land!

Ist’s Land der Schweizer? Ist’s Tirol?

Das Land und Volk gefiel mir wohl.

Doch nein, nein, nein!

|: Sein Vaterland muss größer sein! :|


Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land!

Gewiss, es ist das Österreich,

An Ehren und an Siegen reich?

O nein, nein, nein!

|: Sein Vaterland muss größer sein! :|


Die folgende Strophe fehlt in vielen Ausgaben, ist aber in den Flugschriften von 1814 enthalten:


Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land!

Ist’s, was der Fürsten Trug zerklaubt?

Vom Kaiser und vom Reich geraubt?

O nein! nein! nein!

|: Das Vaterland muss größer sein. :|


Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne endlich mir das Land!

So weit die deutsche Zunge klingt

und Gott im Himmel Lieder singt:

Das soll es sein! Das soll es sein!

|: Das wackrer Deutscher, nenne dein! :|


Das ist des Deutschen Vaterland,

wo Eide schwört der Druck der Hand,

wo Treue hell vom Auge blitzt

und Liebe warm im Herzen sitzt.

Das soll es sein! Das soll es sein!

|: Das wackrer Deutscher, nenne dein! :|


Das ist des Deutschen Vaterland,

wo Zorn vertilgt den welschen Tand,

wo jeder Franzmann heißet Feind,

wo jeder Deutsche heißet Freund.

|: Das soll es sein! das soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein! :|


Das ganze Deutschland soll es sein!

O Gott vom Himmel, sieh darein

und gib uns rechten deutschen Mut,

dass wir es lieben treu und gut!

|: Das soll es sein! Das soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein! :|

6 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft
  2. im Volksliederarchiv

7 Weblinks[Bearbeiten]

8 Andere Lexika[Bearbeiten]