Rathenau-Prozess: Die Anfänge der Weimarer Republik

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Der Rathenau-Prozess von 1922 liefert ein Zeitbild zu den Anfängen der Weimarer Republik. Der Industrielle und damalige Reichs-Aussenminister Walther Rathenau war von Rechts-Nationalisten auf offener Strasse ermordet worden. Der Mordprozess fand in Leipzig vor dem Reichsgericht statt. Der bekannte Schriftsteller und damalige Journalist Joseph Roth schilderte einige Szenen des Prozesses:

  • Der Gerichtssaal war - trotz neuer Republik - "noch und noch mit Kaiser-Bildern tapeziert." Roth: "Der gemalte Purpur und die zerfetzten Kleiderstücke Rathenaus - ein Kontrast und Zusammenhang zugleich."
  • Vom Drahtzieher des Mordes mit Namen Techow vernimmt man die Motive: Rathenau gehöre als Jude zu den "300 Weisen von Zion" (eine damalige falsche Weltverschwörungs-Unterstellung gegenüber den Juden) und begünstige den "schleichenden Bolschewismus". Roth: "Diese Leute lieben das Nationale und meinen das Schiessgewehr."
  • Das spätere Nazi-Symbol Hakenkreuz existierte auch bereits 1922, hier im Knopfloch eines Zuhörers am Prozess. Roth ironisch: "Offenbar aus völkischer Hochachtung vor dem Reichsgerichtshof."
  • Der Oberreichsanwalt (heute Bundesanwalt) sprach vom "Mord an einem der besten deutschen Männer" und beantragte gegen den Drahtzieher und Fahrer des Mordwagens, Techow, die Todesstrafe, die in der Weimarer Republik noch existierte. Die beiden andren Tatbeteiligten, ein Maschinenpistolen-Schütze und ein Handgranaten-Werfer, waren bei der Tätersuche von der Polizei erschossen worden.
  • Das Gericht verurteilte Techow letztlich zu einer Zuchthaus-Strafe von 15 Jahren.

Quelle

K. Westermann: Joseph Roth - Berliner Saisonbericht (Journalistische Arbeiten 1920 bis 1939)