STALAG VIA Hemer

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Ausschnitt aus dem Lagermodell im Gedenkraum im ehemaligen Block 3
(heute Gelände der NRW-Landesgartenschau 2010)
Foto: Funker

In der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnete die Wehrmacht ihre Kriegsgefangenenlager als "Stalag".
"Stalag" ist eine Abkürzung für "Kriegsgefangenen-MannschaftStammlager".
Die nachfolgende römische Ziffer bezeichnet die Ziffer des Wehrkreises.
Der Buchstabe wurde nach der Reihenfolge der Errichtung des Lagers vergeben.

1 Entstehung[Bearbeiten]

Gedenkstätte vor dem Tor der ehemaligen Hauptwache
(heute NRW-Landesgartenschau 2010)
Foto: Funker

Zunächst als Wehrmachtskaserne geplant und bereits im Rohbau fertiggestellt, wurde das am Jüberg gelegene Gelände bereits im ersten Kriegsmonat (September 1939) als Kriegsgefangenenlager umgewidmet.

2 Lagerleitung/ Oberkommando[Bearbeiten]

Bis zum November 1944 waren die Stalags dem Oberkommando der Wehrmacht unterstellt, danach direkt der SS.

3 Inhaftierte[Bearbeiten]

Inhaftiert wurden gefangengenommene Soldaten der gegnerischen Armeen. Überwiegend waren es Soldaten der Sowjetunion. Auch polnische, belgische und französische Soldaten wurden dort gefangengehalten. Später waren auch italienische Soldaten unter den Gefangenen.

4 Bewachung und Verwaltung[Bearbeiten]

Vom insgesamt 500 für das Lager arbeitende Personen waren ca. 150 als Bewacher abgestellt.

5 Krankheit und Tod[Bearbeiten]

Insbesondere die sowjetischen Gefangenen litten oft an Tuberkolose und anderen Mangelerscheinugen. Hervorgerufen wurde dieses durch die geringen Lebensmittelzuteilungen. Insgesamt gesehen war die Sterberate in dem damals vermutlich größten Kriegsgefangenenlager des Deutschen Reiches relativ groß. Der Leichenkeller, so berichteten später Zeitzeugen, war ständig voll. Täglich wurden Massengräber ausgehoben.

6 Unterkünfte und Verpflegung[Bearbeiten]

Mussten die Gefangenen in den ersten Kriegsmonaten, weil die Gebäude noch nicht endgültig fertiggestellt waren, auf dem Betonboden schlafen, so waren später wenigstens zwei- bzw. dreistöckige Betten aufgebaut worden.
Es gab jedoch keine Heizung, wodurch es im Winter in den schlecht isolierten und dadurch zugigen Räumen sehr kalt wurde.

Ungeziefer war an der Tagesordnung.
Die Verpflegung bestand hauptsächlich aus Ersatzkaffee und einer Steckrübensuppe mit ungeschälten Kartoffeln. Manchmal gab es ein wenig Brot dazu. Den Gefangenen aus Belgien, Frankreich und Polen war erlaubt, sich aus ihrer Heimat Lebensmittelpakete schicken zu lassen. Russischen Gefangenen wurde nach Berichte besonders wenig Nahrung zugeteilt. Fast täglich wurden sie von der Wachmanschaft verprügelt, wenn sie sich eine zweite Essensportion holen wollten.

7 Vernichtung durch Arbeit?[Bearbeiten]

Ausschnitt aus der Fotowand im Gedenkraum im ehemaligen Block 3
(heute Gelände der NRW-Landesgartenschau 2010)
Foto: Funker

Aufgrund des 1929 festgelegten Genfer Abkommens über die Behandlung von Kriegsgefangenen durften diese zu Arbeiten herangezogen werden. In Rüstungsbetrieben durften sie jedoch nicht beschäftigt werden.

Die Gefangenen des Stalag VIA arbeiteten hauptsächlich in der Landwirtschaft sowie in den umliegenden Fabriken.
Trotz des Verbotes des Genfer Abkommens auch bei der Herstellung von Munition und Kriegswaffen.

Ab Herbst 1944 arbeiteten hauptsächlich die sowjetischen Kriegsgefangenen im Bergbau des nahegelegenen Ruhrgebietes.

8 Befreiung des Stalag durch die amerikanische Armee[Bearbeiten]

Anfang April 1945 schloss die amerikanische Armee das Ruhrgebiet ein.
Im Raum Iserlohn/ Hemer befanden sich in der zweiten Aprilwoche ca. 30.000 amerikanische Soldaten, welche sich dem Hemeraner Stadteil Deilighofen näherten.

Der damalige Lagerkommandant Generalleutnat Bayerlein sowie Hauptmann Weller verhinderten durch freiwillige Kapitulation und Übergabe des Stalag an die einmarschierenden Truppen die Beschießung des Lagers.
Dieses wurde am 14. April 1945 mit über 23.000 Gefangenen übergeben.
Da diese in schlechter Allgemeinverfassung waren, wurden sie sofort von amerikanischen Ärzten und Krankenpflegern betreut.
Die zunächst immer noch hohe Sterberate konnte durch gute Verpflegung massiv verbessert werden.
Bei einer Besichtigung fanden die Amerikaner in den Leichenkellern über 250 Tote, welche sofort in Massengräbern neben dem Lagergelände am Haseloh beigesetzt wurden.

9 Aus Stalag VIA wird "Camp Roosevelt"[Bearbeiten]

Teilpanoramaansicht der Kriegsgräberstätte "Auf dem Duloh", Hemer
Foto: Funker

Die Amerikaner benannten das Lager um in "Camp Roosevelt".
Von Mai bis August 1945 war es eines der größten Rückführungslager für die ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter.

10 Die Opfer[Bearbeiten]

Die ersten Toten des Stalag wurden im Jahre 1939 auf einem gesonderten Gräberfeld des kommunalen Waldfriedhofes beigesetzt.
Etwas später ein "Russenfriedhof" mit Massengräbern am Höcklingser Weg angelegt. Dort sind ca. 3.400 Tote beerdigt.
Ein weiterer Friedhof wurde innerhalb des Lagergeländes angelegt.
Insgesamt sind während der NS-Herrschaft im Stalag VI Hemer mindestens 8.000 Gefangene, überwiegend mit sowjetischer Staatsbürgerschaft gestorben.

11 Erstes Gedenken[Bearbeiten]

Gedenkstein auf der Kriegsgräberstätte "Höcklingser Weg", Hemer
Foto: Funker

Bei den Massengräbern auf dem Friedhof am Höcklingser Weg wurde im Jahre 1967 anstelle eines von ehemaligen sowjetischen Gefangenen aus Beton gefertigten Mahnmales ein neues Mahnmal errichtet.
Auf dem ehemaligen Lagergelände befindet sich ebenfalls ein im Oktober 1945 errichtetes Mahnmal.

12 Nutzung durch die Bundeswehr[Bearbeiten]

1956 übernahm die im Mai 1955 gegründete Bundeswehr die Kaserne.
Dies war, seit Auflösung des "Camp Roosevelt" unter belgischer Besatzung.
1964 wurde die Kaserne in "Blücher-Kaserne" umbenannt.
Diese wurde 2007 aufgelöst.

13 Späteres Gedenken[Bearbeiten]

Im November 1992 wurde, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung sowie der Bundeswehr, direkt neben der Kasernenwache ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer eingeweiht.
Seit 1995 wurde von der Bundeswehr ein Gedenkraum eingerichtet, welcher für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen ist.

1993 konstituierte sich der "Geschichtliche Arbeitskreis Stalag VIA".
Dieser wurde 2005 in den "Verein für Hemeraner Zeitgeschichte e.V." integriert.
Zielsetzung des Vereins ist die Betreuung und Weiterentwicklung des Gedenkens an das Kriegsgefangenenlager.

14 Aktuelle und zukünftige Nutzung[Bearbeiten]

Am 17. April 2010 wurde auf dem umgestalteten Gelände der ehemaligen Kaserne die "Landesgartenschau Hemer 2010" eröffnet.

Im Rahmen des Aufbaus des Landesgartenschaugeländes wurde auch eine neue Informations- und Gedenkstätte "Stalag VIA" eingerichtet.

Hans-Hermann Stopsack, Vorsitzender des Vereins für Hemeraner Zeitgeschichte, äußerte sich in einem Zeitungsbericht der "Lüdenscheider Nachrichten" (Ausgabe 17.04.2010, Sonderseite Landesgartenschau), bezugnehmend auf den Slogan der Landesgartenschau ("Zauber der Verwandlung") wie folgt:
"Es handelt sich wirklich um den "Zauber der Verwandlung", da aus dem größten Kriegsgefangenenlager Deutschlands ein so schöner Ort geworden ist."

Nach der Landesgartenschau 2010 ist das Gelände als Naherholungsgebiet "Sauerlandpark" umbenannt worden.

15 Quellennachweis/ weiterführende Links[Bearbeiten]

Karte

Bemerkung zur Karte
Das ehemalige Lager ist heute das Naherholungsgebiet "Sauerlandpark" (s.o.).