Identitätsbehauptung

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Bei der Identitätsbehauptung handelt es sich nach dem deutschen Soziologen Uwe Schimank um einen Handlungsantrieb. Schimank widmet sich in seinem Werk Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie (2007)[1] soziologischen Handlungstypen, beschreibt dazu neben dem Homo Sociologicus und dem Homo Oeconomicus zur ausbauenden Darstellung der Handlungswahlen auch den Emotional man und den Identitätsbehaupter. Beim Identitätsbehaupter handelt es sich demzufolge nicht um ein fertiges soziologisches Akteurmodell, sondern um eine Ergänzung anderer Handlungstypen. In diesem Zusammenhang wird er insbesondere in Verbindung mit dem Modell des Homo Sociologicus diskutiert. Wesentliche Beiträge für den Ansatz können bei Erving Goffman, beispielsweise in seinen Darstellungen zu Totalen Institutionen oder seinem Werk Interaktionsrituale (1986), gefunden werden.

1 Einleitung

Bei der Betrachtung von Handlungsmodellen und –antrieben muss unweigerlich auch die Frage gestellt werden, welche Rolle die Identität eines/einer Akteurs/Akteurin spielt. Als Identität versteht man „ (…) allg. die Übereinstimmung einer Person (…) mit dem, was sie bzw. es tatsächlich ist, also mit sich selbst“[2]. Diese Identität ist auch für die Bewältigung von sozialen Rollen wesentlich. Dazu gehören etwa Berufsrollen, Familie sowie Rollen, die eine Person in der Freizeit innehat. Für die Identität ist darüber hinaus auch die Beziehung zu anderen Personen sowie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie etwa Schüchternheit und Treue, relevant. Bei der Beschreibung von Identitäten können zusammenfassend „drei Modi von Äußerungen benutzt werden: evaluative und normative Selbstansprüche sowie kognitive Selbsteinschätzungen“[3]. Evaluative Selbstansprüche sind dem Individuum selbst immanent und geben an, wie und was es ist. Das Gewissen wird durch die normativen Selbstansprüche gebildet, die auf soziale Normen zurückgreifen können. In diesem Sinne dienen sie einer Regulierung der evaluativen Selbstansprüche. Die Möglichkeiten und Eignungen des Individuums werden schließlich anhand der kognitiven Selbstdarstellung gezeichnet. Allgemein dient die Identität nach Talcott Parsons als Selbststeuerungsmechanismus des/der Akteurs/Akteurin. Mit der Thematik der Identität haben sich bereits zahlreiche Autor_innen beschäftigt. Zu nennen sind im konkreten Zusammenhang und für weiterführende Betrachtungen auszugsweise die Soziologen George Herbert Mead, Heinz Abels und Lothar Krappmann, der Psychologe Hans D. Mummendey sowie der Sozialpsychologe Henri Tajfel.

2 Identität und Bestätigung

Die Identität eines/einer Akteurs/Akteurin muss Bestätigung durch seine/ihre soziale Umwelt erhalten. Dazu ist es zunächst aber notwendig, dass der/die Akteur_in die Identität nach außen trägt. Aufgrund der Bestätigung der Identität durch soziale Interaktionen wird sie produziert und reproduziert. Dadurch wird die Identitätsbehauptung zu einem nicht endenden Akt. Dieser kann jedoch immer nur im sozialen Austausch stattfinden. Erst durch die Resonanz anderer Personen ist es einem/einer Akteur_in möglich, ein Bild von sich selbst zu erhalten. Dieses Bild wird durch weitere Rückmeldungen in sozialen Interaktionen wiederum abgeglichen. Andere Akteur_innen können im sozialen Austausch das Selbstbild bestätigen oder in Frage stellen. Wenn die Infragestellung des Selbstbildes wiederholt wird, kann es zu einer Identitätsbedrohung kommen. Erfährt ein Bestandteil der Identität jedoch vielfach positive Bestätigung, so wird er verfestigt und internalisiert.

3 Soziale Erwartungen und Interaktionsstörungen

Erving Goffman beschäftigt sich in Interaktionsrituale (1986) unter anderem mit „Verlegenheit und Organisation“. Er betrachtet eingehend, wie Verlegenheitssituationen Ursachen in der Identität von Akteur_innen und sozialen Organisationen haben können. Demnach muss der reproduzierende Mechanismus der Identitätsbildung den Akteur_innen in einer sozialen Interaktion nicht bewusst sein. Ebenso müssen auch die anderen Teilnehmer_innen der Interpretation dieser Selbstdarstellung nicht vergegenwärtigen. Dennoch ist für eine störungsfreie Interaktion die Anerkennung der Identität der anderen Akteur_innen notwendig. Wenn durch ein Ereignis ein Zweifel, im positiven oder negativen Sinn, am Bild eines/einer Akteurs/Akteurin entsteht, gerät die Interaktion in Schieflage. Ein Zweifel an der Identität kann beispielsweise aufgrund falscher Ansprüche oder Anmaßung einer fremden Rolle entstehen und wird sich schließlich in Merkmalen wie Verlegenheit, Verwirrung und Unbehagen äußern.

4 Verlegenheit, Verwirrung, Unbehagen

In einer Interaktion kann es aufgrund unterschiedlicher Ursachen zu Unbehagen und Unsicherheiten bei den Akteur_innen kommen. Eine Störung, die die Identität der Akteur_innen prüft oder durch eine Identitätsinfragestellung ausgelöst wird, kann beispielsweise eine Verlegenheitssituation hervorbringen. Dabei handelt es sich um ein abrupt einsetzendes Ereignis, das sich in einem Höhepunkt der Verlegenheit zuspitzt und sodann wieder langsam abflaut. Anhaltendes Unbehagen hingegen führt selten zu einer offensichtlichen Verwirrung der Akteur_innen. Es droht in einer solchen Situation der Verlust der Selbstkontrolle, der mit deutlichem körperlichem Merkmal wie Schwitzen einhergehen kann. Um eine Wiederherstellung der Interaktion herbeizuführen, können die anderen Akteur_innen über den Zustand hinwegsehen oder positiv und ermutigend einwirken. Auch der Zustand der freudigen Verwirrung kann verzeichnet werden, ausgelöst etwa durch Beifall oder Komplimente. Generell gilt der Ausdruck der Verwirrtheit in der modernen Gesellschaft jedoch als nicht wünschenswertes Verhalten und wird daher beispielsweise durch nervöses Lächeln und fahrige Hände unterdrückt. Die betroffenen Akteur_innen sind bemüht, die Fassung wieder zu erlangen, sich somit wieder in die Interaktion einbringen zu können. Dennoch kann es zu einem kritischen Punkt kommen, an dem die Deckung fallen gelassen und die Verwirrung offen zur Schau gestellt wird. Dies kann sich etwa in einem Wutanfall äußern. Die anderen Akteur_innen haben unterdes die Möglichkeit durch gütiges Verhalten und Wohlwollen ihre Identität ins positive und gesellschaftlich angesehene Licht zu rücken. Schimank weist in seiner Ausführung zum Handlungsantrieb des Identitätsbehauptens darauf hin, dass es sich um eine ergänzende Erklärung anderer Handlungsmodelle handelt und nicht als eigenständiges Modell angesehen werden kann. Er merkt weiter an, dass der Identitätsbehaupter bislang hauptsächlich mit dem Modell des Homo Sociologicus in Beziehung gesetzt wurde und eine nähere Behandlung in Bezug auf andere Handlungsmodelle noch ausständig ist.

5 Literatur

  • Goffman, Erving (1986): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hillmann, Karl-Heinz (2007): Wörterbuch der Soziologie. 5., vollständig und erweiterte Auflage. S 355
  • Junge, Matthias (2010): „Die Persönlichkeitstheorie von Talcott Parsons“. In: Jörissen, Benjamin/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Schlüsselwerke der Identitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Schimank, Uwe (2007): Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie. 3. Auflage. Weinheim und München: Juventa Verlag.

6 Einzelnachweise

  1. Schimank, Uwe (2007): Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie. 3. Auflage. Weinheim und München: Juventa Verlag.
  2. Hillmann 2007: 355
  3. Schimank 2007: 123

7 Init-Quelle

Entnommen aus der:

Erster Autor: Scaria angelegt am 03.06.2012 um 12:50,
Alle Autoren: , Stillhart, Hyperdieter, Pico31, Scaria


8 Andere Lexika

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