Süßkind von Trimberg

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(Bild 1)
Süßkind von Trimberg (erkennbar am spitzen Judenhut) in einer Abbildung des Codex Manesse
Süßkind von Trimberg (Sŭſskint d’ Jude von Trimperg) war ein deutscher Spruchdichter und Minnesänger in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Unter seinem Namen sind im Codex Manesse zwölf Sangsprüche in sechs Tönen überliefert. Obwohl über ihn historisch kaum etwas sicher ausgesagt werden kann, wurde von der Forschung und der Populärwissenschaft in den letzten 150 Jahren viel über ihn und besonders über seine eventuell jüdische Herkunft spekuliert.

1 Die dünne Quellenlage

Biographische Daten von ihm sind nicht erhalten. Ein urkundlicher Nachweis für seine Existenz ist nicht gefunden worden. Wie umstritten die Forschungslage ist, zeigen folgende exemplarische Beispiele:

  • Nach dem Historiker Friedrich Lotter und Bertha Badt-Strauß existierte Süßkind und war Jude. [1]
  • Der Germanist und Spezialist für das deutsche Mittelalter Brian Murdoch nimmt, ebenso wie Helmut de Boor und Raphael Strauss, zwar seine Existenz an, meint aber dass er kein Jude gewesen sei. [2]
  • Nach dem Slawisten Ulrich Gerhard könne man über Süßkind von Trimberg fast gar nichts gesichert aussagen und er existierte eventuell sogar überhaupt nicht. [3]
  • Der Literaturwissenschaftler Martin Przybilski legt sich in der Frage ob Süßkind Jude war nicht genau fest.

Neben den Texten und der Bildminiatur gibt es keine historisch überlieferten Lebenszeugnisse des Sängers. Sein Leben kann also nur hypothetisch aus dem Werk, den unter seinem Namen im Codex Manesse überlieferten Sangsprüchen, erschlossen werden. [4] Burghardt Wachinger datiert die Texte Süßkinds auf das dritte bzw. frühestens zweite Drittel des 13. Jahrhunderts. [5] Dietrich Gerhardt hält eine genaue Datierung des Werkes aufgrund des Quellenmaterials für nicht durchführbar.

2 War Süßkind ein Jude?

(Bild 2)
Anfang der Sprüche Süßkinds im Codex Manesse
Die Vermutung dass er Jude gewesen sei, kann nicht endgültig verifiziert oder falsifiziert werden. [6] Im Codex Manesse wird er ausdrücklich als Jude benannt (siehe Bild 2) und mit einem gelben Judenhut dargestellt. In Ton V besingt er seine Absage an die höfische Dichtung und kündigt an, fortan mit langem Bart und Mantel nach alter jüdischer Sitte leben zu wollen: [7]
...
und wil mir einen langen bart
lân wachsen grîser hâre:
ich wil in alter juden leben
mich hinnân fürwert ziehen.
mîn mantel der sol wesen lanc,
tief under einem huote,
dêmüeteclich sol sîn mîn ganc
und selten mê ich singe in hovelîchen sanc,
sîd mich die herren scheiden von ir guote.

Süßkind von Trimberg könnte damit der erste nachweisbare jüdische Dichter der deutschen Literaturgeschichte gewesen sein. [8] Als Argumente für die jüdische Identität Süßkinds werden die Miniatur und die Bezeichnung Süßkinds als Jude im Codex Manesse, der für einen Nichtjuden eher ungewöhnliche Name Süßkind, sowie sein oben zitierter fünfter Liedspruch angeführt. Dem ist entgegengehalten worden, dass der fünfte Spruch nicht zwingend biographisch, sondern auch metaphorisch als Anspielung eines Nichtjuden verstanden werden könne und der Redaktor der Liedersammlung sich in der Bezeichnung Süßkinds als Jude geirrt haben könne bzw. auch nur gemeint sein könne dass Süßkind mit Juden engen Kontakt gehabt habe. Albrecht Hausmann vertritt die Ansicht, dass die Miniatur des Codex nicht Süßkind, den Verfasser der nachstehenden sechs Lieder abbilde, da es einen reich gekleideten Juden und keinen mittellosen und fahrenden Sänger zeige. [9] Ferner wurde inzwischen mittels genauer Bestimmung von Fahne und Gestik die Lokalität der Miniatur auf das mindestens 250 Kilometer Luftlinie von Oberfranken entfernte Köln bestimmt. [10] [11] Der Literaturwissenschaftler Martin Przybilski gibt zu bedenken dass in Süßkinds Fall vieles darauf hindeute, dass "das Bild vom jüdischen Spruchdichter eine Machination (Anm.: ) aus dem Rollenspiel des historischen Dichters und den verschiedenen Rezeptionshaltungen des 14. Jahrhunderts darstellt, die sich in Form des Dichterbildes in der Manessischen Liederhandschrift auch illustratorisch niedergeschlagen hat." [12] Manche Stellen in Süßkinds Liedsprüchen wurden auch als Hinweise auf eine jüdische Identität und gar als "Anklänge an biblisch-rabbinische Literatur" gedeutet. [13] [14] So meinte Bertha Badt-Strauß, dass bei ihm die zeittypische Marienverehrung und der Glaube an ein Leben nach dem Tode [15] fehle. Auch erinnerten sie manche Passagen wie z.B. die Bezeichnung einer Ehefrau als "ihres Gatten Krone" an das Buch Salomon und jüdische Gebetsworte. [16] Auch der Verzicht auf die zeittypische Klage über den angeblichen "jüdischen Wucherzins" in Süßkinds Liedsprüchen wird als Hinweis auf eine jüdische Herkunft Süßkinds interpretiert. [17] So meinte Gustav Roethe in der Parabel des klagenden Wolfes in Ton VI eine Parallele zum Dilemma manches mittelalterlichem Juden zu erkennen, der aufgrund der damaligen Berufsbeschränkungen für Juden oft auf die naturgemäß in der Bevölkerung nie beliebte Tätigkeit des Geldverleihs eingeschränkt war. [18] Es wurde auch argumentiert, dass in Spruch I über die fünf Tugenden das Lied Salomo und das jüdische Ritual beim Pessachfest durchscheine. Im alleinigen Lob Gottes ohne jeglichen Bezug auf Jesus Christus oder die Jungfrau Maria in Spruch III wurde ferner ein Bezug auf den Psalm 104 vermutet. Im Memento-Mori-Motiv von Spruch I, 3 wurde eine auffallende Nähe zum 33. Selichot, Psalm 88 und den Sprüchen der Väter aus dem babylonischen Talmud verortet. [19] Diese Deutungen wurden allerdings durch Dietrich Gerhard zum Teil in Detailanalyse widerlegt. Der deutsche Mediävist Gustav Rothe war sich in seiner Schrift von 1894 sicher dass Süßkind Jude war. [20] Der deutsch-jüdische Historiker Raphael Straus dagegen verwarf eine jüdische Identität Süßkinds. Nach seinen Worten läge in der Zuordnung von Süßkind zum Judentum ein Fall von "ästhetischem Interesse ohne historische Genauigkeit" vor. Die Zuschreibung Süßkinds zum Judentum sei gedankenlos und willkürlich vorgenommen worden. [21] Auch Helmut de Boor sieht Süßkind nicht als Jude und benennt ihn als "Wanderdichter aus der Gegend von Bamberg" der "wohl fälschlich als Jude bezeichnet wurde." In zeitgenössischen jüdischen Quellen wird Süßkind nie erwähnt. [22]

3 Weitere Vermutungen zu Süßkinds Leben

Aus einem seiner Sprüche ergibt sich die Vermutung dass er ein armer Fahrender (Ich var ûf der tôren vart mit mîner künste zwâre, daz mir die herren nicht went geben.) gewesen sein könnte. Seine unterfränkische Herkunft lässt der Zusatz von Trimberg (wohl bei Bad Kissingen) und die sprachliche Gestaltung mancher Reime von ihm vermuten. Auch ein Aufenthalt Süßkinds am Hofe des Bischofs von Würzburg ist angenommen worden. [23] Die These dass Süßkind in Würzburg gelebt habe geht auf Friedrich von Hagen zurück, der eine Urkunde und einen Rechtsstreit aus dem Jahr 1218 ins Spiel brachte in denen ein judaeo sŭzkint als Käufer eines Hauses in Würzburg auftritt. [24] Die These von Hagens wurde allerdings später von Dietrich Gerhardt überzeugend widerlegt. Auch sind Spekulationen über Süßkinds Geburtsort angestellt worden. So soll er z.B angeblich auf Burg Trimberg bei Hammelburg oder in dem ebenfalls bis zum Ende des 14. Jahrhunderts urkundlich belegten Herren von Trimberg gehörendem Elfershausen im heutigen Unterfranken geboren sein. [25] [26] Auch ist - unter Berufung auf Spruch V, 1 (der ist mir vil gevære des weinent dicke mîniu kint) - spekuliert worden, dass Süßkind Frau und zwei Kinder gehabt habe mit denen er in damals absolut unüblicher Weise fahrend von Hof zu Hof gezogen sei. [27] [28] Siegfried Obermeier meint z.B. dass Süßkind ab 1218 als Arzt am Spital St. Egid in Würzburg wirkte und dieses wegen einem Streit mit der Spitalsleitung in dem er aus Hygienegründen die Anlage eines unterirdischen Wasserkanals forderte 1226 verlassen musste. Außerdem habe er wahrscheinlich auch den berühmten Minnesänger Walther von der Vogelweide gekannt. [29] Diese Theorie wurde schon vor Siegfried Obermeier von anderen Autoren aufgestellt und beruht auf einer Urkunde aus dem Jahr 1218 in dem ein jüdischer Arzt mit Namen Süßkind in Würzburg genannt wird. Von der modernen Forschung wird dies nicht als zwingender Beweis eines Aufenthalts von Süßkind von Trimberg gewertet. [30] Die angebliche Bekanntschaft Süßkinds mit Walther von der Voegelweide ist rein spekulativ.

4 Süßkinds dichterisches Werk

(Bild 3) Burg Trimberg bei Elfershausen - Einer der diskutierten Geburtsorte Süßkind von Trimbergs
Die dem Dichter und Sänger gewidmete Aufmerksamkeit der Forschung ist eher dem seltenen Fall eines eventuell jüdischen Minnesängers zu verdanken als seinen Sangsprüchen selber. Diese bewegen sich inhaltlich und formal völlig im Rahmen des damaligen Repertoires und der gattungstypischen Themenkreise und zeichnen sich kaum durch besondere Originalität aus. [31]

  • In Ton I,1 werden die Vor- und Nachteile von Geburts- und "Seelenadel" kritisch (swâ sich gemischet vil untugende zuo dem adel) gegeneinander abgewogen. Wirklicher Adel eines Menschen resultiert dabei für Süßkind eher aus dem in moderner Formulierung "konkreten ethischen Handeln" als aus einer rein geburtsmäßigen Abstammung (Swer adellîchen tuot, den wil ich hân für edel,).
  • I,2 ist ein Lobpreis auf die Ehre, die als Mischung aus fünf Bestandteilen (mit fünf bîmenten rein sol sî gemenget sîn) dargestellt wird. Die fünf Bestandteile sind nach Süßkind zuht = Anstand und Wohlerzogenheit nach gesellschaftlichen Normen, triuwe = Treue und Aufrichtigkeit, stæte = Beständigkeit und Verlässlichkeit, milte = Milde und/oder Nachgiebigkeit bzw. Toleranz, sowie manheit = Mannhaftigkeit bzw. Mut und Tapferkeit.
  • In I,3 wird das Memento-Mori-Thema (d.h. Sei eingedenk, dass du sterben musst) z.B mit den Worten "und ist daz niht ein jâmer siuftebernder nôt daz ich von tage ze tage fürchten muoz den tôt, wie er mich bringe in der unreinen würme gesinde?" variiert.

  • Ton II plädiert für die Gedankenfreiheit (Gedenke nieman kan erwern den tôren noch den wîsen; dar umbe sint gedenke frî ûf aller hande sache). Forderungen nach Gedankenfreiheit sind allerdings schon schon im Mittelalter auch in der Dichtung häufig anzutreffen. So formulierte bsp. der Vagant Freidank (Vrîdanc) zu Süßkinds Zeiten "diu bant mac nieman vinden, / diu mîne gedanke binden. / man vâhet wîp unde man, / gedanke niemen gevâhen kan"

  • In Ton III,1 wird ein Preislied auf Gott und seine Schöpfung (Küng herre, hôchgelopter got, waz dû vermacht!) angestimmt. Zur Frage der Aussparung des zeittypischen Motivs der Christus- bzw. Marienverehrung siehe Kapitel 2 dieses Artikels.
  • Ton III,2 besingt die Vorteile der keuschen Ehefrau (Ir mannes krône ist daz vil reine kiusche wîp). Auch das Bild der keuschen Frau/Ehefrau ist ein weitverbreitetes Topoi mitteralterlichen Minnesangs.

  • Ton IV und V behandeln den Themenkomplex von Armut und Reichtum. [32] Süßkind verwendet hier mit Esel, Schaf, Wolf und Krokodil auch Bilder aus dem Tierreich.

  • Ton IV, 1 gibt zu bedenken dass Reiche und Arme vor dem Tod gleich dastehen. Weder Reichtum, hohe Geburt und Weißheit (... rîchtuom, gebulr von hôher art, wîsheit ...) noch religiöse Propheten oder Meister der schwarzen Künste (kein meister in nigromanzî wart nie sô wîser ræte daz er ie wurde des tôdes frî, noch heilig wîs prophête.) könnten den Menschen vor diesem Schicksal bewahren.
  • Ton IV, 2 behandelt die Bescheidenheit die der Reiche meist nur durch Furcht vor Strafe erlerne (Vil manger muoz bescheiden wesen dur die nôt der unbescheiden wære). In heutigem Deutsch schreibt Süßkind hier dem Sinn nach:
"Gar mancher wird nur sittsam durch den Zwang, / Und nur vor den Gesetzen ist ihm bang. / Aus Angst lässt er die bösen Pläne ruhn. (...) Der Esel, wenn er Hörner hätte, / Er spießte einen jeden auf. / Das Krokodil im schlammigen Bette, / Es fräße Menschen wohl zuhauf." [33]
  • Ton IV, 3 plädiert dafür auch arme Menschen zu achten, da sie im sozialen, ständischen Gefüge eine gleichermaßen wichtige Funktion erfüllen (swie man den esel hât unwert, doch was er ie gereite swâ sô man sînes dienstes gert, daz er in nie verseite (...) het nieman zarmuote pflicht, der rîchtuom wære ein wicht: wer solt dann dienen, ob der arme wære nicht?). In Übersetzung in das heutige Deutsch schreibt Süßkind ungefähr:
"Der Esel hat nur wenig Wert / In seinem grauen Felle, / Doch wenn man seinen Dienst begehrt, / Dann ist er stets zur Stelle. / Der Reichtum fiel den Reichen schwer, / Gäb´s plötzlich keine Armen mehr. / Die lassen sich das Dienen nicht verdrießen. / Man braucht den Bast, die Säcke zu verschließen."
  • In Ton V, 1 und 2 schildert Süßkind die sozialen Härten von Hunger und Obdachlosigkeit (Wâhebûf und Nichtenvint tuot mir vil dicke leide: her Bîgenôt von Darbîân der ist mir vil gevære. des weinent dicke mîniu kint, bœs ist ir snabelweide. si hât si selten sat getân.) eines in V, 2 als fahrend beschriebenen Sängers und seiner Familie. Die Forschung scheidet sich an der Frage ob Süßkind hier eigenes, persönliches Schicksal oder nur unbeteiligt allgemeine und zeittypische Verarmungserscheinungen schildert. In moderner Transkription schreibt er in V, 1 und 2 sinngemäß ungefähr:
"Kein Weinen hilft, muss nah und fern / An harte Türen klopfen, / Möcht meinen Kindern gar so gern / Die Hungerschnäbel stopfen. (...) Da bin ich als ein rechter Tor / Mit meiner Kunst durchs Land gezogen, / Und niemand rettet mich davor, / Dass mir die Herren nicht gewogen."
  • In Ton VI bringt Süßkind dann die in populärwissenschaftlichen Büchern und in oberflächlichen Artikeln von Internetenzyklopädien wie Wikipedia oder Jewiki gern zitierte und als angeblich besonders berühmt herausgestellte Parabel vom Wolf, der darüber klagt dass er seinen Nahrungserwerb nur mittels gesellschaftlich als unredlich eingestuften Handelns bestreiten kann und sich dafür mit seiner artgemäßen Natur (Darzuo sô bin ich geborn,/ diu schult, diun ist nicht mîn) gegen den Vorwurf eines sündigen Broterwerbs (den man siht valscheit trîben / unt guot gewinnen offenbâr / mit sündeclîher trâhte) verteidigt. Auf die Frage des nach Gustav Roethes Deutung von Ton VI hier eventuell behandelten Problems des mittelalterlichen Zinserwerbs durch Juden wurde in Kapitel 2 des Artikels eingegangen.

5 Rezeption und Deutung

Der Schweizer Philologe Johann Jacob Bodmer hat im Jahr 1758 Süßkinds lange vollkommen in Vergessenheit geratene Liedsprüche erstmalig veröffentlicht. Später legte Friedrich von Hagen im Jahr 1838 eine Veröffentlichung der Liedsprüche vor. [34]

Der Minnesänger und sein Werk wurde oft als Beleg einer angeblichen mittelalterlichen kreativen Verbindung zwischen Juden und Christen bzw. Deutschen, für gelungene Assimilation oder auch als Beispiel für eine Ausgrenzung der Juden und mittelalterlichen Antijudaismus interpretiert.

Gustav Roethe meinte im Jahr 1894 in einem Beitrag der Allgemeinen Deutschen Biographie mit nicht zu überhörendem zeitgemäßen antisemitischen Unterton, dass er Süßkinds jüdische Identität an der "nivellierenden sozialen Tendenz" seiner Lieder die den "emancipationslustigen Juden verraten" erkennen könne. Außerdem bemerkte er in der Miniatur des Codex deutlich eine angeblich "ausgeprägt jüdische Physiognomie". [35]

Der deutsch-jüdische Historiker Heinrich Graetz feiert Süßkind in seiner 1853-1875 erschienenen Publikation Geschichte der Juden - Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart überschwenglich als großen Dichter und diskriminierten Juden und flicht auch einige unhaltbare und lyrische Darstellungen zu Süßkinds angeblichem Geburtsort und Lebenswandel ein:

"Es klingt kaum glaublich, daß das gegen Juden nicht sehr liebevolle Deutschland in dieser Zeit einen jüdischen Dichter in der Landessprache, einen jüdischen Minnesänger erzeugt hat, der in schönen Weisen zu singen, Reim, Versmaß und Strophenbau zu behandeln verstand und so viel Anerkennung fand, daß er in den Dichterkreis ebenbürtig aufgenommen wurde. (...) Auf der Burg seiner Heimat, auf dem Vorsprung eines rebenbepflanzten Berges, der sich in den Schlangenwindungen der Saale spiegelt, wo die Herren von Trimberg hausten, oder auf der nahen Burg Bodenlaube hat er wohl im Kreise edler Ritter und schöner Frauen beim schäumenden Becher, die Laute in der Hand, seine kunstgerechten Verse vorgetragen und von Geschenken sein Leben gefristet. (...) Einst scheinen es ihm die Edelleute, deren Brot er aß, bitter empfinden gelassen zu haben, daß er als Jude nicht zu ihrem auserwählten Kreise gehörte." [36]

Der Verband Nationaldeutscher Juden pries Süßkind im Jahr 1929 als "national-deutschen Jude des frühen Mittelalters" und als frühes Vorbild für gelungene Integration.

Der deutsch-jüdische und zionistische Schriftsteller und Historiker Josef Kastein deutete in seinem Essay Süsskind von Trimberg oder Die Träödie der Heimatlosigleit von 1934 Süßkind zur Chiffre für die "Heimatlosigkeit der Juden in einer christlichen Welt" und zum Symbol des "tausendjährigen und niemals ausgeglichenen Widerspruchs zwischen dem Juden und dem Deutschen".

Yehiel Ilsar bezeichnet in der Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung Süßkind, obwohl über dessen Leben historisch gar nichts bekannt ist, beispielsweise als "tragische Figur" [37] und die Internetseite www.minnesang.com folgert trotz der mangelnden Quellenlage sogar, dass sich in Süßkinds Werk "die Tradition der moralischen und gesellschaftspolitischen Dichtung, wie sie Walther von der Vogelweide zur vollen Blüte gebracht hat, auf einzigartige Weise mit Motiven aus der jüdischen Tradition" verbinde, und dass sich in seinem Werk "Schilderungen einer kargen Existenz am Rande der Gesellschaft finden" die in einem "Eingeständnis des eigenen Scheiterns beim Versuch, als Jude bei Hofe Fuß zu fassen kulminieren". [38] Auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum wird Süßkind von Trimberg gar zum Rabbi Isaak alias Süßkind von Trimberg (R. Isaak hamachuna Süßkind me Trimberg) erhoben, von dem man meint sogar die genauen Lebensdaten zu wissen. [39]

Ein weiteres Beispiel für diese sehr freien Interpretationen ist folgende Deutung des Altgermanisten Peter Wapnewski:

"Die Interpretation dieses kleinen Spruchdichters aus dem fränkisch-mitteldeutschen Lande, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt hat, ist ein Kapitel aus der großen und dunklen, endlich furchtbaren Geschichte der Beziehungen zwischen den Deutschen und den Juden." [40]

Diese Interpretationsschienen bleiben allerdings letzlich alle rein spekulativ da die historische Forschung zu Süßkind von Trimberg kein Material für diese Deutungen hergibt. Ulrich Gerhard schrieb zum historischen Erkenntnisstand über Süßkind folgende Worte:

""Aus solchen Mutmaßungen ist aber nichts an historischer Wahrheit zu holen; ein dichter Schleier liegt über dem Antlitz des Trimbergers und bedeckt diese merkwürdige Gestalt eines Juden im XIII. Jahrhundert mit geheimnisvoller Ferne. Er ist im Laufe der jüdischen Geschichte vorübergeglitten und hat kaum eine schwache Spur hinterlassen. Jüdische Quellen haben keine Notiz von ihm genommen." [41]

Dennoch gibt Martin Przybilski unabhängig nach der Frage nach Süßkinds Zugehörigkeit zum Judentum zu bedenken:

"Mit Süßkind von Trimberg gab es in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entweder den ersten jüdischen Dichter deutscher Sprache, oder ein nichtjüdischer Spruchdichter konnte in seinen Werken zu dieser Zeit sich selbst als jüdisches Ich stilisieren, was in beiden Fällen in Bedeutung und Tragweite enorm ist." [42]

6 Künstlerische Verarbeitung von Süßkinds Leben

Süßkind von Trimbergs Leben hat einige Schriftsteller und Musiker dazu inspiriert sein Leben in ihren Werken fiktiv auszugestalten. Dabei liegt der Schwerpunkt meist auf einer Darstellung seines Lebens im Spannungsfeld zwischen den Polen von jüdischen Assimilationsanstrengungen und der Bewahrung der eigenen jüdischen Kultur und Identität sowie im Spektrum von teilweiser Aktzeptanz einerseits sowie Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung durch die christliche Mehrheitsgesellschaft im Kontext des mittelalterlichen Antijudaismus andererseits.

  • Im Jahr 1865 veröffentlichte Livius Fürst in Hillbergs Illustrierten Monatsheften für die gesamten Interessen des Judenthums ein dichterisches Werk über Süßkind in dem dieser als human-sozialer Rebell erscheint der wegen seinem jüdischen Glauben verhasst ist und letztendlich in Resignation und Tod getrieben wird.
  • Der russisch-jüdische Komponist Michail Gnesin komponierte im Jahr 1917 ein Kammermusikwerk für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Harfe mit dem Titel Lied des fahrenden Ritters (Dem Andenken des Minnesängers Süsskind von Trimberg) op. 28. [43]
  • Der Schweizer Schriftsteller Max Geilinger veröffentlichte 1939 den Dreiakter Süßkind vom Trimberg, ein Minnesänger in dem dieser als "utopischer Lichtbote der Toleranz" gezeichnet wird. [44]
  • 1972 verfasste der österreichisch-tschechoslowakische Schriftsteller Friedrich Torberg den fiktiven Roman Süsskind von Trimberg, dem der Spruchdichter erst einen guten Teil seiner Bekanntheit außerhalb der Historikerzunft verdankt. [45] Darin kolportierte er die "Legende vom feinfühligen jüdischen Dichter, der am Versuch einer deutsch-jüdischen Symbiose zugrunde geht". Der Roman wurde auch deshalb ein Erfolg weil er nach Gerhard Armanski "sowohl personale Identifikation wie zugleich Ableitung der Schuldfrage auf fernes historisches Gelände" ermöglichte. [46] Vom deutsch-jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wurde der Roman dagegen als vollkommen misslungen und ein Werk in dem der rein literarische Wert gegenüber autobiographischen und sozialhistorischen Details (der Roman ersticke am "Rhapsodisch-Gewichtigen") und gutgemeinten, aufklärerischen Motiven fast gänzlich zurücktrete verrissen. [47] [48]
  • Der Roman Der Sänger mit dem hohen Hut – Memoiren eines alten Toren von Carl Heinz Kurz aus dem Jahr 1982 folgte weitgehend dem Modell von Friedrich Torberg.

Die im Artikel dargestellten historischen Interpretationen und fiktiven Darstellungen zu Süßkind von Trimbergs Leben und Werk spiegeln häufig eher die Gedankenwelt ihrer jeweiligen Erforscher bzw. Interpreten als die historische Figur Süßkinds selber - die oft zu einer Projektionsfläche des vorherrschenden Zeitgeistes degradiert erscheint - wieder.

7 Literatur

  • Dietrich Gerhardt: Süsskind von Trimberg. Berichtigungen zu einer Erinnerung. Lang, Bern u.a. 1997, ISBN 3-906757-01-3
  • Josef Kastein: Süsskind von Trimberg oder Die Tragödie der Heimatlosigkeit, Jerusalem, Palestine Publishing Company, 1934.
  • Rudolf Kilian Weigand: Süßkind von Trimberg. Ein Jude als Spruchdichter im deutschen Mittelalter? In: „Jenseits der Grenzen“ - Die Auseinandersetzung mit der Fremde in der deutschsprachigen Kultur, Hg. von Margaret Stone und Gundula Sharman, Frankfurt/Main, New York, 2000, S. 13–30.
  • Gustav Roethe: Süßkind von Trimberg; in Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Band 37, Duncker & Humblot, Leipzig, 1894
  • Burghart Wachinger: Süßkind von Trimberg in Verfasserlexikon, Bd. 9 (1995), Sp. 548–552.

8 Weblinks

9 Einzelnachweise

  1. Friedrich Lotter: Süßkind von Trimberg; in Julius H. Schoeps (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums, München, 1998, S. 788
  2. Brian Murdoch in Yale Companion to Jewish Writing and Thought in German Culture 1096-1996, London, 1997, S. 21-26
  3. Ulrich Gerhardt: Süßkind von Trimberg - Berichtigung zu einer Erinnerung, Verlag Lang, Frankfurt a. M., 1997
  4. "Neben den Texten und der Miniatur gibt es keine historisch überlieferten Lebenszeugnisse des Sängers. Man muss also sein Leben aus dem Werk erschließen, was notgedrungen hypothetisch bleibt, was aber im Minnesang fast schon die Regel ist."; nach Minnesang.com: SÜSSKIND, JUDE VON TRIMBERG
  5. Burghart Wachinger: Artikel Süßkind von Trimberg; in Wolfgang Stammler, Karl Langosch und Kurt Ruh: Die deutsche Literatur des Mittelalters - Verfasserlexikon, Band IX, 1995, Sp. 550
  6. Mordechai Breuer: Prolog, in Mordechai Breuer und Michael Graetz: Deutsch-jüdische Geschichte der Neuzeit, Band I 1600-1780, C.H. Beck, 1. Aufl., München, 2000, Seite 41
  7. Trimbergs Lied zitiert nach Ludwig Rosenthal: Süßkind von Trimberg - Der jüdische Spruchdichter aus der Gruppe der deutschen Minnesänger des Mittelalters (13. Jahrhundert); in Hanauer Geschichtsblätter 24, 1969, Seite 6
  8. Shao-Ji Yao: Der Exempelgebrauch in der Sangspruchdichtung vom späten 12. Jahrhundert bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts, Königshausen & Neumann, Würzburg, 2006, S. 51
  9. Albrecht Hausmann: Das Bild zu Süßkind von Trimberg in der Manessischen Liederhandschrift; in Arthur Groos und Hans-Jochen Schiewer (Hrsg.): Kulturen des Manuskriptzeitalters, V&R unipress GmbH, Göttingen, 2004, S. 109; Hier online nachzulesen
  10. [1]
  11. Anm. des Pluspedia-Autors: Wenn man der These der obigen Referenz der Darstellung einer Gerichtsverhandlung zwischen einem Juden und Christen in Köln folgt, stellt sich die Frage, warum ein vermutlich im 250 Kilometer entfernten oberfränkischen Gebiet geborener Jude dort in Köln in einen Prozess verwickelt gewesen sein sollte.
  12. Martin Przybilski: Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters, de Gruyter, Berlin, 2010, S. 267
  13. Nachum Tim Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik, S. 49
  14. Der deutsche Kultur- und Religionswissenschaftler, Publizist, Sach- und Fachbuchautor zum Thema Jüdische Geschichte, Michael Kühntopf, spricht in seinem Buch "Juden, Juden, Juden", Band I - Jüdische Chronik auf Seite 224ff. von "biblisch-rabbinischen Anklängen" in Süßkinds Liedsprüchen.
  15. Anm.: Z.B. in der Textzeile "daz nieman weiz nu wa din sele kumet hin"
  16. Nach Martina Steer: Bertha Badt-Strauss (1885-1970) - Eine jüdische Publizistin, Campus Verlag, Frankfurt a. M., 2005, S. 134 und 135; Online nachzulesen
  17. Gerhard Armanski: Weisheit und Tugendarznei - Der mittelalterliche Spruchdichter Süßkind von Trimberg besang jüdische Ethik und das Leiden der Außenseiter
  18. [2]
  19. [3]
  20. ADB:Süßkind von Trimberg auf Wikisource
  21. Nach Gerhard Armanski: Weisheit und Tugendarznei - Der mittelalterliche Spruchdichter Süßkind von Trimberg besang jüdische Ethik und das Leiden der Außenseiter, S. 76
  22. Nach Ulrich Gerhard, zitiert nach "Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon: SÜSSKIND VON TRIMBERG"
  23. Carl Kraus: Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, 2. Aufl., Tübingen, 1978, S. 513–516
  24. [4]
  25. Wilhelm Heinrich von Riehl: Bavaria / Landes- und Volkskunde des königreichs Bayern, Band IV, J. W. Cotta, München, 1866, S. 474 und 475
  26. Dr. Lehmann: Der Israelit - Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum, Mainz, 1864, S. 640; Online hier nachzulesen
  27. Leo Sievers: Juden in Deutschland - Geschichte einer 2000jährigen Tragödie, München, 1979, S. 31
  28. Ludwig Rosenthal: Süßkind von Trimberg - Der jüdische Spruchdichter des Mittelalters; in den Hanauer Geschichtsblättern 24, 1973, S. 85
  29. Siegfried Obermeier: Walther von der Vogelweide, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1992, S. 189 und 190
  30. Roland Flade und Ursula Gehring-Münzel: Die Würzburger Juden - Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Verlag Stürtz, 1987, S. 11
  31. Edith Wenzel: Süßkind von Trimberg, ein deutsch-jüdischer Autor im europäischen Kontext; in Hartmut Kugler (Hrsg.): Interregionalität der deutschen Literatur im europäischen Mittelalter, de Gruyter, Berlin, 1995, S. 143 ff.
  32. Edith Wenzel: Süßkind von Trimberg, ein deutsch-jüdischer Autor im europäischen Kontext; in Hartmut Kugler (Hrsg.): Interregionalität der deutschen Literatur im europäischen Mittelalter, de Gruyter, Berlin, 1995, S. 143 ff.
  33. Diese und die folgende Übersetzungen in heutiges Deutsch nach der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden e.V. (ZWST) unter dem Unterpunkt 30. Kapitel: Jüdische Persönlichkeiten IX: Die Sprüche Süßkinds II
  34. Ulrich Gerhardt: Süßkind von Trimberg - Berichtigung zu einer Erinnerung, Verlag Lang, Frankfurt a. M., 1997, S. 225 und 226
  35. [5]
  36. Heinrich Graetz: Geschichte der Juden - Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Kapitel IX; Online auf www.zeno.org
  37. Freiburger Rundbrief - Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung
  38. [6]
  39. [7]
  40. Peter Wapnewski: Der fünfte Ton des Juden Süsskind von Trimberg; in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 2/1989, S. 270
  41. Nach dem "Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon: SÜSSKIND VON TRIMBERG"
  42. Martin Przybilski: Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters, de Gruyter, Berlin, 2010, S. 267
  43. Jascha Nemtsov: Enzyklopädisches Findbuch zum Archiv der "Neuen Jüdischen Schule", Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 2008, S. 233
  44. Gerhard Armanski: Weisheit und Tugendarznei - Der mittelalterliche Spruchdichter Süßkind von Trimberg besang jüdische Ethik und das Leiden der Außenseiter
  45. [8]
  46. Gerhard Armanski: Weisheit und Tugendarznei - Der mittelalterliche Spruchdichter Süßkind von Trimberg besang jüdische Ethik und das Leiden der Außenseiter, S. 90
  47. Peter Wapnewski über Friedrich Torberg: Süßkind von Trimberg im Spiegel 29/1972
  48. Reich-Ranicki: Über Ruhestörer - Juden in der deutschen Literatur, Frankfurt a. M., 1973, S. 76-78

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