Opfermythos: Unterschied zwischen den Versionen

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Als '''Opfermythos''' werden Erzählungen (gängige Sichtweisen auf historische oder aktuelle Tatsachen) bezeichnet, die von einem Kollektiv zu seiner Selbstdarstellung als Opfer herangezogen werden, wobei die Verwendung des Begriffs ''Mythos'' darauf abzielt, den Gegenstand, als nicht unbedingt in historischer Wahrheit gründend, bloßzustellen. Das Selbstverständnis vieler Kollektive, Völker, sozialer Gruppen, Religionsgemeinschaften usw. wird durch die - tatsächliche oder eingebildete - eigene Rolle als Opfer in der Geschichte geprägt. Dieses kollektive Gefühl, Opfer von anderen Mächten oder dem Lauf der Geschichte zu sein, erleichtert den Umgang mit Verlusten, führt aber auch zu einer Abwehrhaltung, die es den Mitgliedern dieser Gruppen erschwert, sich unbefangen mit der eigenen Rolle in der Geschichte und der Gegenwart auseinanderzusetzen. Opfermythen sind beliebt bei Personen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur. Aus einer Art von „schlechter Gewohnheit“ heraus überlässt man die Verantwortung für das eigene Schicksal anderen. Das belegt unter anderem die starke Affinität rechter Theoriebildung zu Opfermythen jeder Art. Ein solcher, sehr weit verbreiteter Opfermythos, ist der der „Überfremdung“. Grundsätzlich kommt dem Opfermythos eine zentrale Bedeutung in der Schuldabwehr (Psychologie) zu.<ref>Vortrag auf der 10. Arbeitstagung der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Landau 2009:
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Als '''Opfermythos''' werden Erzählungen (gängige Sichtweisen auf historische oder aktuelle Tatsachen) bezeichnet, die von einem Kollektiv ([[Volk]], soziale Gruppen, Religionsgemeinschaft usw.) zu seiner Selbstdarstellung als ''Opfer'' verwendet werden. Dabei soll der Begriff ''[[Mythos]]'' die Erzählung häufig bloßzustellen, weil sie nicht der historischen Wahrheit entspreche. Mythos kann hier aber auch neutral im Sinne der [[Mythologie]] verstanden werden.  
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== Psychologische Deutung ==
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Das Selbstverständnis vieler Kollektive wird durch die - tatsächliche oder eingebildete - eigene Rolle als Opfer in der Geschichte geprägt. Dieses kollektive Gefühl, Opfer von anderen Mächten im Verlauf der Geschichte gewesen zu sein, kann den Umgang mit Niederlagen und Verlusten erleichtern. Es kann aber auch zu einer Abwehrhaltung führen, die es den Mitgliedern dieser Gruppen erschwert, sich unbefangen mit der eigenen Rolle in der Geschichte und der Gegenwart auseinanderzusetzen. Opfermythen sind beliebt bei Personen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur. Aus einer Art von „schlechter Gewohnheit“ heraus überlässt man die [[Verantwortung]] für das eigene Schicksal anderen. Das belegt unter anderem die starke Affinität poltischer [[Theorie]]bildung zu Opfermythen jeder Art. Ein Opfermythos ist die „Gefahr der Überfremdung“ oder auch die Niederlage in einem Krieg. Grundsätzlich kommt dem Opfermythos eine zentrale Bedeutung in der Schuldabwehr zu.<ref>Vortrag auf der 10. Arbeitstagung der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Landau 2009:
 
[http://www.unibw.de/hum/dfp/psy/poster_roessler-nance-schuster-gerlach-maes_dppd09 Schuldneigungen: Voraussetzungen und Folgen]</ref>
 
[http://www.unibw.de/hum/dfp/psy/poster_roessler-nance-schuster-gerlach-maes_dppd09 Schuldneigungen: Voraussetzungen und Folgen]</ref>
  
 
== Deutschland ==
 
== Deutschland ==
In Deutschland spielten und spielen Opfermythen immer wieder eine zentrale Rolle in der Geschichtsbetrachtung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam hier dem [[Antisemitismus]]<ref>http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus</ref> eine große Bedeutung zu: Von wirtschaftlicher Not bis hin zu politischer Instabilität wurde alles, was nicht so recht funktionieren wollte, einer „Weltverschwörung“ zugeschrieben.<ref>Beispiel [http://www.belltower.news/lexikon/verschw%C3%B6rungsideologien Verschwörungsideologien] auf www.belltower.news</ref> Kapitalismus und Kommunismus wurden so „entlarvt“ als vermeintliche Produkte jüdischer „Zersetzungsarbeit“. Einen weiteren großen Opfermythos jener Zeit bildete die sogenannte Dolchstoßlegende<ref>https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/dolchstosslegende.htm</ref> im Zusammenhang mit der Novemberrevolution 1918, wobei die hier ausgemachten Täter als Kommunisten der zuvor beschriebenen umfassenden jüdischen „Weltverschwörung“ zugerechnet wurden. Nach 1945 ging die Produktion der Opfermythen weiter, viele Deutsche stellten sich als Verführte, als Opfer der Nazis dar. Weitere beliebte Opfermythen, die in den Letzten Jahren auch immer wieder für Diskussion sorgten, sind der Bombenkrieg der Alliierten, die Vertreibung und der Winter 1946.  
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In Deutschland spielten und spielen Opfermythen immer wieder eine zentrale Rolle in der Geschichtsbetrachtung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam hier dem [[Antisemitismus]]<ref>http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus</ref> eine große Bedeutung zu: Von wirtschaftlicher Not bis hin zu politischer Instabilität wurde alles, was nicht so recht funktionieren wollte, einer „Weltverschwörung“ zugeschrieben.<ref>Beispiel [http://www.belltower.news/lexikon/verschw%C3%B6rungsideologien Verschwörungsideologien] auf www.belltower.news</ref> Kapitalismus und Kommunismus wurden so „entlarvt“ als vermeintliche Produkte jüdischer „Zersetzungsarbeit“. Einen weiteren großen Opfermythos jener Zeit bildete die sogenannte Dolchstoßlegende<ref>https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/dolchstosslegende.htm</ref> im Zusammenhang mit der Novemberrevolution 1918, wobei die hier ausgemachten Täter als Kommunisten der zuvor beschriebenen umfassenden jüdischen „Weltverschwörung“ zugerechnet wurden. Nach 1945 ging die Produktion der Opfermythen weiter, viele Deutsche stellten sich als Verführte, als Opfer der Nazis dar. Vor allem in den östlichen Bundesländern ist der Mythos beliebt, wonach der im Kern vorgeblich gerechte [[Sozialismus]] und die angeblich vorbildichen volkseigenen Betriebe nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 vom [[Kapitalismus]] und dem „bösen Westen“ systematisch kaputt gemacht worden wären. Weitere beliebte Opfermythen, die in den letzten Jahren auch immer wieder für Diskussion sorgten, sind der Bombenkrieg der Alliierten, die Vertreibung und der Winter 1946.  
  
Sich als Opfer der aus dem Holocaust erwachesenen Schuld gegenüber den Opfern, insbesondere Juden zu sehen, ist einer der aktuelleren deutschen Opfermythen. Im Umkehrschluss unterstellt man den [[Juden]], den [[Holocaust]] als ihren Opfermythos zu instrumentalisieren. Ein Beispiel für solche Mythenbildung ist der von [[Martin Walser]] lancierte Begriff der „Auschwitz-Keule“. Um diese Vorstellungen zu belegen, wird auch gerne die Politik [[Israel]]s im Nahostkonflikt herangezogen, mit Verweis auf die, vermeintlich so offensichtliche, reine Opferrolle der Palästinenser darin. Die wohl bizarrste Ausprägung in dieser Richtung bildet die [[Holocaustleugnung]]. Immer wieder versuchen nationalistisch motivierte Autoren, mit dem Verweis auf deutsche Opfer die Täterschaft der Deutschen im [[Nationalsozialismus]] zu relativieren, um so das Bild von Deutschland geradezurücken. Meist geben sich die Vertreter solcher Richtungen als unverstandene Aufklärer, abseits stehende Opfer von Zensur. Klassischer Einleitungssatz eines Opfermythos ist: „Aber man muss doch sagen dürfen…“. Mit solcher Selbststilisierung wird ein privater Opfermythos entworfen, der als Beleg für die vertretenen Thesen herangezogen wird. Um dieses Selbstbild lückenlos konstruieren zu können, ignorieren die Vertreter solcher Richtungen oft völlig, dass ihnen nicht einmal widersprochen wird, wenn sie von tatsächlich unschuldigen Opfern sprechen.
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Sich als Opfer der aus dem [[Holocaust]] erwachsenen Schuld zu sehen, ist einer der aktuelleren deutschen Opfermythen. Ein Beispiel für solche Mythenbildung ist der von [[Martin Walser]] lancierte Begriff der „Auschwitz-Keule“. Um diese Vorstellungen zu belegen, wird auch gerne die Politik [[Israel]]s im Nahostkonflikt herangezogen. Die wohl bizarrste Ausprägung in dieser Richtung bildet die [[Leugnung und Relativierung des Holocausts|Holocaustleugnung]]. Immer wieder versuchen nationalistisch motivierte Autoren, mit dem Verweis auf deutsche Opfer die Täterschaft der Deutschen im [[Nationalsozialismus]] zu relativieren, um so das Bild von Deutschland geradezurücken. Meist geben sich die Vertreter solcher Richtungen als unverstandene Aufklärer und abseits stehende Opfer von Zensur. Mit solcher Selbststilisierung wird ein privater Opfermythos entworfen, zusätzlich als Beleg für die vertretenen Thesen herangezogen wird.
  
 
== Österreich ==
 
== Österreich ==
Österreichs traditionelles Verständnis als erstes Opfer Nazideutschlands seit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 kann man in diesem Zusammenhang auch als einen solchen Opfermythos sehen, mit der die Betroffenen jahrelang die Aufarbeitung der eigenen Mitverantwortung für den Nationalsozialismus abwehrten. Zumindest von offizieller Seite hat man sich davon in den letzten Jahren mehrheitlich abgesagt.
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Österreichs traditionelles Verständnis als erstes Opfer des Nationalsozialismus seit dem Anschluss an Deutschland 1938 kann man in diesem Zusammenhang auch als einen solchen Opfermythos sehen, mit der die Betroffenen jahrelang die Aufarbeitung der eigenen Mitverantwortung abwehrten. Zumindest von offizieller Seite hat man sich davon in den letzten Jahren mehrheitlich abgesagt.
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== Muslimische Welt ==
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Viele [[Muslim]]e stilisieren sich als permanente Opfer der westlich-christlichen Gesellschaft und sehen sich und ihren muslimischen Glauben überall von Rassisten, Imperialisten, [[Zionismus|Zionisten]], den USA oder christlichen [[Kreuzzug|Kreuzritter]]n angegriffen, anstatt die Gründe für persönliches oder gesamtgesellschaftliches Scheitern in der Rückschrittlichkeit des [[islam]]ischen Glaubens und der arabischen Kultur, der Gewaltaffinität der arabischen Gesellschaften sowie der Korruption ihrer Eliten zu suchen.
  
== Psychologische Bewertung ==
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== Afrika ==
Die gereifte Persönlichkeit versteht das Zusammenspiel von Opfer und Täter und kann somit beide Positionen einnehmen. Einseitige Betrachtungsweisen, in denen jemand nur Täter oder nur Opfer ist, weisen auf eine mangelnde psychische Integration hin. Der Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle (und umgekehrt) ist im Rahmen des auf gesellschaftlicher Ebene aufgeführten Psychodramas häufig zu beobachten: Wer sich nachweislich in einer Opferrolle befindet, wird z.B. von staatlicher Seite unterstützt; wer hingegen nachweislich Täter ist, wird geächtet. Gesellschaftlich unterstützte Opfer gelangen somit wieder in eine Machtposition, die sie durch wiederholten Hinweis auf ihre Opferrolle erhalten, während Täter durch mangelnde gesellschaftliche Unterstützung zu Opfern werden und darin eine Legitimation für ihre Taten finden. Dieser Kreislauf kann nur mittels einer Integration beider Teile durchbrochen werden, d.h. jeder Mensch muss sich sowohl als Täter als auch als Opfer wahrnehmen können. Damit verbunden ist eine notwendige Verarbeitung eigener Schuldgefühle, für die sowohl in der Opferrolle als auch in der Täterrolle (jeweils durch Projektion auf andere Menschen bzw. Gruppen) kein Platz war.
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Ein weiterer, auch in Europa gepflegter Opfermythos ist die Behauptung, die wirtschaftliche und politische Misere der Länder [[Afrika]]s sei auf die Herrschaft der europäischen [[Kolonialismus|Kolonialmächte]] im 19. Jahrhundert sowie vorgebliche aktuelle Ausbeutung durch die westliche Welt zurückzuführen und nicht auf das Versagen der afrikanischen Gesellschaften und ihrer Eliten.
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== Israel ==
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Die Generation von [[Juden]], die nach 1945 nach [[Israel]] einwanderte, hat den Holocaust teilweise als ihren Opfermythos instrumentalisiert. Seit der Staatsgründung Israels haben die [[Sabre]]s das immer wieder kritisiert.<ref>http://www.zeit.de/1995/21/Wie_in_der_Hitlerjugend/seite-2</ref> Andere Ereignisse aus der Geschichte des Judentums, zum Beispiel die [[Babylonisches Exil|Babylonische Gefangenschaft]], gelten traditionell bis heute als Opfermythen und sind weniger umstritten. Im Nahostkonflikt wird die Opferrolle der [[Palästina|Palästinenser]] dagegen oft von arabischen Ländern genutzt, um eine Politik gegen Israel zu rechtfertigen.
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== Sozialpsychologische Bewertung ==
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Die gereifte Persönlichkeit versteht das Zusammenspiel von Opfer und Täter und kann somit beide Positionen einnehmen. Einseitige Betrachtungsweisen, in denen jemand immer nur Täter oder nur Opfer ist, weisen auf eine mangelnde psychische Integration hin. Der Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle und umgekehrt ist häufig zu beobachten: Wer sich nachweislich in einer Opferrolle befindet, wird z.B. von staatlicher Seite unterstützt; wer hingegen nachweislich Täter ist, wird geächtet. Gesellschaftlich unterstützte Opfer gelangen somit wieder in eine Machtposition, die sie durch wiederholten Hinweis auf ihre Opferrolle erhalten, während Täter durch mangelnde gesellschaftliche Unterstützung zu Opfern werden. Jeder Mensch muss sich sowohl als Täter als auch als Opfer wahrnehmen können. Damit verbunden ist eine notwendige Verarbeitung eigener Schuldgefühle.
  
 
== Siehe auch ==
 
== Siehe auch ==
* [[Frankfurter Schule]] 
 
 
* [[Dramadreieck]]
 
* [[Dramadreieck]]
* {{Siehe auch extern|WikiMANNia|Opferkultur}}
 
  
 
== Quellen ==
 
== Quellen ==
 
 
* Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: ''Dialektik der Aufklärung''. Fischer, Frankfurt am Main
 
* Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: ''Dialektik der Aufklärung''. Fischer, Frankfurt am Main
 
* Detlev Claussen: ''Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus''. Frankfurt 1987
 
* Detlev Claussen: ''Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus''. Frankfurt 1987
 
* Wolfgang Benz: ''Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus''. München 2001
 
* Wolfgang Benz: ''Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus''. München 2001
  
== Init-Quelle ==
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== Einzelnachweise ==
Entnommen aus der:
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<references/>
* [http://de.wikipedia.org/wiki/Opfermythos Wikipedia]
 
* [http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:L%C3%B6schkandidaten/23._Juli_2009#Opfermythos_.28gel.C3.B6scht.29 Löschdiskussion bei Wikipedia]
 
 
 
Erster Autor: [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Jakob stevo Jakob stevo]
 
, Alle Autoren: [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Kriddl Kriddl], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Zaphiro Zaphiro], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Qwertzbot Qwertzbot], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:ParaDox ParaDox], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Karl Gruber Karl Gruber], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:ChristianBier ChristianBier], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Aka Aka], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Textor  Textor ], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Zenit Zenit], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Amurtiger Amurtiger], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Wtfl  Wtfl ], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:€pa €pa], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Zwobot Zwobot], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Frank Schulenburg Frank Schulenburg], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Cecil Cecil], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:-enzyklop- -enzyklop-], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Zornfrucht Zornfrucht], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Apis Apis], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Langec Langec], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Lueggu Lueggu], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Xarax Xarax], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Southpark Southpark], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Jakob stevo Jakob stevo], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Cnmuc Cnmuc], [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Joerch Joerch]
 
  
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[[Kategorie:Sozialpsychologie]]
 
[[Kategorie:Sozialpsychologie]]

Aktuelle Version vom 16. Februar 2018, 00:41 Uhr

Als Opfermythos werden Erzählungen (gängige Sichtweisen auf historische oder aktuelle Tatsachen) bezeichnet, die von einem Kollektiv (Volk, soziale Gruppen, Religionsgemeinschaft usw.) zu seiner Selbstdarstellung als Opfer verwendet werden. Dabei soll der Begriff Mythos die Erzählung häufig bloßzustellen, weil sie nicht der historischen Wahrheit entspreche. Mythos kann hier aber auch neutral im Sinne der Mythologie verstanden werden.

1 Psychologische Deutung

Das Selbstverständnis vieler Kollektive wird durch die - tatsächliche oder eingebildete - eigene Rolle als Opfer in der Geschichte geprägt. Dieses kollektive Gefühl, Opfer von anderen Mächten im Verlauf der Geschichte gewesen zu sein, kann den Umgang mit Niederlagen und Verlusten erleichtern. Es kann aber auch zu einer Abwehrhaltung führen, die es den Mitgliedern dieser Gruppen erschwert, sich unbefangen mit der eigenen Rolle in der Geschichte und der Gegenwart auseinanderzusetzen. Opfermythen sind beliebt bei Personen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur. Aus einer Art von „schlechter Gewohnheit“ heraus überlässt man die Verantwortung für das eigene Schicksal anderen. Das belegt unter anderem die starke Affinität poltischer Theoriebildung zu Opfermythen jeder Art. Ein Opfermythos ist die „Gefahr der Überfremdung“ oder auch die Niederlage in einem Krieg. Grundsätzlich kommt dem Opfermythos eine zentrale Bedeutung in der Schuldabwehr zu.[1]

2 Deutschland

In Deutschland spielten und spielen Opfermythen immer wieder eine zentrale Rolle in der Geschichtsbetrachtung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam hier dem Antisemitismus[2] eine große Bedeutung zu: Von wirtschaftlicher Not bis hin zu politischer Instabilität wurde alles, was nicht so recht funktionieren wollte, einer „Weltverschwörung“ zugeschrieben.[3] Kapitalismus und Kommunismus wurden so „entlarvt“ als vermeintliche Produkte jüdischer „Zersetzungsarbeit“. Einen weiteren großen Opfermythos jener Zeit bildete die sogenannte Dolchstoßlegende[4] im Zusammenhang mit der Novemberrevolution 1918, wobei die hier ausgemachten Täter als Kommunisten der zuvor beschriebenen umfassenden jüdischen „Weltverschwörung“ zugerechnet wurden. Nach 1945 ging die Produktion der Opfermythen weiter, viele Deutsche stellten sich als Verführte, als Opfer der Nazis dar. Vor allem in den östlichen Bundesländern ist der Mythos beliebt, wonach der im Kern vorgeblich gerechte Sozialismus und die angeblich vorbildichen volkseigenen Betriebe nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 vom Kapitalismus und dem „bösen Westen“ systematisch kaputt gemacht worden wären. Weitere beliebte Opfermythen, die in den letzten Jahren auch immer wieder für Diskussion sorgten, sind der Bombenkrieg der Alliierten, die Vertreibung und der Winter 1946.

Sich als Opfer der aus dem Holocaust erwachsenen Schuld zu sehen, ist einer der aktuelleren deutschen Opfermythen. Ein Beispiel für solche Mythenbildung ist der von Martin Walser lancierte Begriff der „Auschwitz-Keule“. Um diese Vorstellungen zu belegen, wird auch gerne die Politik Israels im Nahostkonflikt herangezogen. Die wohl bizarrste Ausprägung in dieser Richtung bildet die Holocaustleugnung. Immer wieder versuchen nationalistisch motivierte Autoren, mit dem Verweis auf deutsche Opfer die Täterschaft der Deutschen im Nationalsozialismus zu relativieren, um so das Bild von Deutschland geradezurücken. Meist geben sich die Vertreter solcher Richtungen als unverstandene Aufklärer und abseits stehende Opfer von Zensur. Mit solcher Selbststilisierung wird ein privater Opfermythos entworfen, zusätzlich als Beleg für die vertretenen Thesen herangezogen wird.

3 Österreich

Österreichs traditionelles Verständnis als erstes Opfer des Nationalsozialismus seit dem Anschluss an Deutschland 1938 kann man in diesem Zusammenhang auch als einen solchen Opfermythos sehen, mit der die Betroffenen jahrelang die Aufarbeitung der eigenen Mitverantwortung abwehrten. Zumindest von offizieller Seite hat man sich davon in den letzten Jahren mehrheitlich abgesagt.

4 Muslimische Welt

Viele Muslime stilisieren sich als permanente Opfer der westlich-christlichen Gesellschaft und sehen sich und ihren muslimischen Glauben überall von Rassisten, Imperialisten, Zionisten, den USA oder christlichen Kreuzrittern angegriffen, anstatt die Gründe für persönliches oder gesamtgesellschaftliches Scheitern in der Rückschrittlichkeit des islamischen Glaubens und der arabischen Kultur, der Gewaltaffinität der arabischen Gesellschaften sowie der Korruption ihrer Eliten zu suchen.

5 Afrika

Ein weiterer, auch in Europa gepflegter Opfermythos ist die Behauptung, die wirtschaftliche und politische Misere der Länder Afrikas sei auf die Herrschaft der europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert sowie vorgebliche aktuelle Ausbeutung durch die westliche Welt zurückzuführen und nicht auf das Versagen der afrikanischen Gesellschaften und ihrer Eliten.

6 Israel

Die Generation von Juden, die nach 1945 nach Israel einwanderte, hat den Holocaust teilweise als ihren Opfermythos instrumentalisiert. Seit der Staatsgründung Israels haben die Sabres das immer wieder kritisiert.[5] Andere Ereignisse aus der Geschichte des Judentums, zum Beispiel die Babylonische Gefangenschaft, gelten traditionell bis heute als Opfermythen und sind weniger umstritten. Im Nahostkonflikt wird die Opferrolle der Palästinenser dagegen oft von arabischen Ländern genutzt, um eine Politik gegen Israel zu rechtfertigen.

7 Sozialpsychologische Bewertung

Die gereifte Persönlichkeit versteht das Zusammenspiel von Opfer und Täter und kann somit beide Positionen einnehmen. Einseitige Betrachtungsweisen, in denen jemand immer nur Täter oder nur Opfer ist, weisen auf eine mangelnde psychische Integration hin. Der Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle und umgekehrt ist häufig zu beobachten: Wer sich nachweislich in einer Opferrolle befindet, wird z.B. von staatlicher Seite unterstützt; wer hingegen nachweislich Täter ist, wird geächtet. Gesellschaftlich unterstützte Opfer gelangen somit wieder in eine Machtposition, die sie durch wiederholten Hinweis auf ihre Opferrolle erhalten, während Täter durch mangelnde gesellschaftliche Unterstützung zu Opfern werden. Jeder Mensch muss sich sowohl als Täter als auch als Opfer wahrnehmen können. Damit verbunden ist eine notwendige Verarbeitung eigener Schuldgefühle.

8 Siehe auch

9 Quellen

  • Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer, Frankfurt am Main
  • Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt 1987
  • Wolfgang Benz: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus. München 2001

10 Einzelnachweise

  1. Vortrag auf der 10. Arbeitstagung der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Landau 2009: Schuldneigungen: Voraussetzungen und Folgen
  2. http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus
  3. Beispiel Verschwörungsideologien auf www.belltower.news
  4. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/dolchstosslegende.htm
  5. http://www.zeit.de/1995/21/Wie_in_der_Hitlerjugend/seite-2