Maier Kohn

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Profil.png Profil: Kohn, Maier
Beruf Kantor
Persönliche Daten
9. April 1802
Schwabach
9. Oktober 1875
München


Maier Kohn (* 9. April 1802 in Schwabach; gest. 9. Oktober 1875 in München) war ein jüdischer Pädagoge, Kantor sowie Sammler und Herausgeber jüdischer Synagogalmelodien.

1 Vita

Innenraum der Münchner Synagoge in der Westenriederstraße
  • 1825 kam der einer strenggläubigen jüdischen Familie entstammende Maier Kohn (mitunter auch Meyer Kohn oder Meir Kohn geschrieben) nach München und gründete zusammen mit seiner Ehefrau in München eine Schule für jüdische Mädchen. [1] [2] Einige wenige musikalische Unterweisungen erhielt er vom Münchner Hoforganisten Kaspar Ett.
  • In der 1826 neu erbauten Synagoge an der Westenriederstraße der erst 1815 gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde von München wollte man auch im musikalischen Bereich einige Modernisierungen im Gottesdienst einführen. Da der Kantor Löw Sänger aber noch dem alten Kantorialstil des 18. Jahrhunderts verpflichtet war, rief man 1832 ein Musikkommitee ins Leben, das einen Chor organisieren und den Synagogalgesang innovativer gestalten sollte. Die Leitung des Chores erhielt im selben Jahr Maier Kohn. Vorausgegangen war der Gründung des Chores ein erbitterter Streit zwischen Traditionalisten und Modernisierern über die Frage, ob Chormusik im Gottesdienst angebracht sei. Die Gegner des Chorgesangs, die u.a. vorbrachten, dass die Synagoge dadurch "ein Gegenstand der Unterhaltung für Musikfreunde, aber kein Tempel der Gottesandacht" mehr sei, wandten sich an die Kreisregierung und schließlich sogar den König. Dieser Streit konnte erst durch ein vom Innenminsterium geforderten Kompromiss bezüglich der Zahl der vom Chor zu rezitierenden Gebete geschlichtet werden. [3]
  • Die Gemeinde war auch um die Erstllung geeigneter Melodien für den Gottesdienst bemüht. Dabei sollte "alles was die Synagoge an Melodien sowohl, als auch an recitierendem Vortrage Eigentümliches und aus früheren Zeiten stammend besitzt" beibehalten werden, "dasselbe jedoch von den durch die Länge der Zeit, sowie durch den verdorbenen Geschmack unkundiger Sänger entstandenen Überladungen" gereinigt werden. [4] Ergebniss dieses Zieles war die 1839 von Maier Kohn in drei Bänden veröffentlichte Sammlung Vollständiger Jahrgang von Terzett- und Chorgesängen der Synagoge in München beinhaltet drei- und vierstimmig gesetzte jüdischer Synagogalmusik und war eine der ersten modernen Sammlungen synagogale Melodien und traditioneller jüdischer Lieder. Die Lieder der Sammlung wurden aber nicht von Maier Kohn eigenhändig komponiert bzw. selber nach alten Melodien gesetzt. Dafür engagierte Maier Kohn einige nichtjüdische Musiker aus München, welche die Lieder ausharmonisierten und neue Melodien komponierten. [5] Zu den an der Sammlung beteiligten Musikern gehörten u.a. der Hofkapellmeister Joseph Hartmann Stuntz, Caspar Ett sowie Franz Lachner. [6] Die Allgemeine Zeitung des Judenthums schrieb im Jahr 1846 über Maier Kohns Sammlung:
"Dieses Werk hat bereits seine Verbreitung in die weitesten Kreise des In- und Auslandes gefunden. Es bietet nicht nur eine reiche Auswahl gediegener und erhebender Gesangstücke für alle Sabbat- und festtägigen Gottesdienste dar, sondern dient angehenden Kantoren auch zum Leitfaden, die Gebete in den üblichen Synagogalmelodien und Gesangsweisen einfach und würdevoll votzutragen, ein Vorzug, den dieses Werk allein besitzt." [7]
  • Nach Aaron Ackermann ist die Sammlung welche besonders in Süddeutschland weite Verbreitung fand "das erste moderne liturgische Werk, das den alten traditionellen Melodien eine moderne Form gab und sie nach den Gesetzen der musikalischen Kunst behandelte." [8]
  • Abraham Zevi Idelsohns Urteil über die musikalischen und kompositorischen Fähigkeiten von Maier Kohn und den Wert seiner 1839 publizierten Musiksammlung fällt dagegen deutlich negativer aus. Idelsohn schreibt dazu u.a.:
    Deckblatt von Maier Kohns Sammlung Vollständiger Jahrgang von Terzett- und Chorgesängen der Synagoge in München
"In Wahrheit tendierten seine musikalischen Kenntnisse gegen Null, und bestanden nur aus der Fähigkeit, eine einfache Melodie mit Hilfe einer Violine zu lesen. Ihm fehlte es selbst an der einfachsten Grundlagen der Musik. Er hatte aber immerhin großen Ehrgeiz zum Wohl der Synagoge zu arbeiten. (...) Maier Kohn, der sich bewusst wurde, dass er ohne nichtjüdische Hilfe bei der Zusammenstellung seiner Melodiensammlung nicht zurecht kommen würde, engagierte einige deutsche Musiker aus München, die jüdische Stücke ausharmonisierten und eigene Kompositionen beisteuerten. (...) Im Vergleich mit dem musikalischen Wert von Salomon Sulzers ein Jahr später publizierten Sammlung Shir Zion ist die Musik von Maier Kohns Sammlung sehr schlecht. Aber mit den Stücken nur für Chasan enthält sie sehr wichtiges Material aus dem traditionellen Melodienschatz der Juden des süddeutschen Raumes." [9]
  • Diese negative Einschätzung von Maier Kohns musikalischen Fähigkeiten durch Idelsohn steht allerdings in Widerspruch zu anderen Quellen. Nach der deutschsprachigen Wikipedia sei Maier Kohn durch den Münchner Hoforganisten Kaspar Ett gründlichst musikalisch ausgebildet worden. [11], und nach anderer Quelle habe er bei Kaspar Ett in München Musik studiert. [12] Nach der Deutschen Biografischen Enzyklopädie sei der später in Paris aktive Kantor Samuel Naumbourg in seiner Zeit als Chorsänger in München durch Maier Kohn "in der synagogalen weitergebildet" worden. [13]
  • Im Jahr 1843 wurde Maier Kohn - weil er über keine geeignete Gesangsstimme verfügte - 2. Kantor der Synagoge. [14]
  • 1885 veröffentlichte Maier Kohn festtägliche Gebete für die drei Hauptfeste (Masor te-Schalosch Regalim), [15] und 1870 vollendete er eine weitere handschriftliche Sammlung synagogaler Melodien. In ihr machte er es sich nach eigenen Worten zur Aufgabe, "alle alten Weisen - Chasanuth" niederzuschreiben und dabei "in ihrer ursprünglichen Form, nicht wie in den meisten Werken unserer Zeit, wo solche infolge einer besseren musiklaischen Geschmaksrichtung zu veredeln gesucht und modernisiert werden" zu bewahren. Tiele dieser handschriftliche Sammlung, die viele bereits in seiner Sammlung von 1839 enthaltene Melodien enthält, wurden 1899 unter dem Titel Avaudas Jisroel veröffentlicht. [16]

2 Literatur

  • Salomon Wininger: Große Jüdische National-Biographie, Band III (Harischon – Lazarus), 1928, Seite 493
  • Abraham Zebi Idelsohn: Jewish Music in its historical development, Henry Holt & Company, 1929; wiederaufgelegt unter Abraham Zebi Idelsohn: Jewish Music and its development, Arbie Orenstein, 1992, S. 261 ff.
  • Philip Vilas Bohlman: Jüdische Volksmusik- Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte, Böhlau Verlag, Wien, 2005, Seite 283
  • Marsha Bryan Edelman: Discovering Jewish Music, Jewish Publication Society, 2007

3 Weblinks

4 Andere Wikis

5 Einzelnachweise

  1. Encyclopaedia Judaica, Band XXII (Kat-Lie), 2. Aufl., Keter Publishing House Ltd., 2007, S. 263
  2. Karl-Josef Kutsch und Leo Riemens: Großes Sängerlexikon, Band IV, K.G. Saur, 4. Aufl., München, 2003, S. 2446
  3. Richard Bauer und Michael Brenner: Jüdisches München - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, C.H. Beck, München, 2006, S. 74 und 75
  4. Joseph Perles: Israelitische Gebetsordnung der Israelitischen Gemeinde München, 1876
  5. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 262
  6. 1826 - 1926 / Ein Jahrhundert Münchner Synagogalmusik - Die Quellen der Bayerischen Staatsbibliothek
  7. Allgemeine Zeitung des Judenthums, X. Jahrgang, No. 1, Leipzig den 1. Januar 1846, S. 16
  8. Aaron Ackermann: Der synagogale Gesang in seiner historischen Entwicklung - Mit Rücksicht auf die Bedeutung des Judenthums für die musikalische Kunst, M. Poppelauer, 1894, S. 49
  9. Eigene Übersetzung aus dem Englischen nach Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 261 und 262
  10. Marsha Bryan Edelman: Discovering Jewish Music, Jewish Publication Society, 2007, S. 293
  11. Artikel über Maier Kohn in der deutschsprachigen Wikipedia
  12. Anton Löffelmeier: Wege in die bürgerliche Gesellschaft (1799-1848); in Richard Bauer und Michael Brenner (Hrsg.): Jüdisches München - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, C. H. Beck, München, 2006, S. 74
  13. Rudolf Vierhaus: Deutsche Biografische Enzyklopädie (DBE), Band VII (Menghin-Pötel), K. G. Saur, 2. Ausgabe, München, 2007, S. 368
  14. Abraham Zevi Idelsohn: Jewish Music - Its Historical Development, Henry Holt and Company, New York, 1929, S. 260 und 261
  15. Karl-Josef Kutsch und Leo Riemens: Großes Sängerlexikon, Band IV, K.G. Saur, 4. Aufl., München, 2003, S. 2446
  16. Philip Vilas Bohlman: Jüdische Volksmusik - Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte, Böhlau Verlag, Wien, 2005, S. 283