Kaddish (Musikalbum von Towering Inferno)

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Dieser Artikel wurde exklusiv für das Fernbacher Jewish Music Research Center geschrieben und darf ausdrücklich und unter Strafandrohung nicht in anderen Projekten/Wikis verwandt werden.


Cover des Albums Kaddish von Towering Inferno
Kaddish ist ein 1993 erschienenes Konzeptalbum und Multimediaprojekt des britischen Experimetal-Duos Towering Inferno. Mittels in Art einer Collage montierten Ausschnitten aus osteuropäischer Volksmusik, jüdischem Kantorialgesang, klassischen Orchesterklängen, Kirchengesang, Elementen des Klezmer, düsterem Metalsound, Ambient-Musik, jazzigen Saxophoneinwürfen, Synthesizersounds des Genres Industrial, Patterns der minimalistischen Musik, afrikanischer Percussion sowie gesampelten Alltagsgeräuschen und Stimmen wird dabei die in der fast vollständigen Auslöschung des europäischen Judentums im Holocaust endende, sich über Jahrhunderte hinziehende Geschichte des europäischen Antijudaismus und Antisemitismus thematisiert. Der Albumtitel bezieht sich auf das gleichnamige, häufig dem Gedenken an die Verstorbenen dienenden jüdischen Gebet Kaddisch. Die Texte des Albums sind in Englisch, Hebräisch, Aramäisch, Ungarisch, Italienisch und Deutsch gehalten und verweisen damit auch auf die Vielfalt des sich einst in fast ganz Europa abspielenden jüdischen Lebens. Towering Inferno selber beschrieb die Musik des Albums als "a dream history of Europe in the wake of the Holocaust". [1]

1 Hintergrund und Entstehung

Der 1955 im in den englischen West Midlands gelegenen Solihull in eine jüdisch-orthodoxe Familie geborene Wolfsohn betätigte sich als Musiker, Performancekünstler, Kameramann und Journalist. 1972 lernte er den ebenfalls jüdischen Gitarristen Andy Saunders kennen, der damals Heavy Metal spielte. Die beiden gründeten die Band Missing Morris. Nachdem Wolfsohn in New York Musik und Theaterwissenschaften studiert hatte, kehrte er nach London zurück und gründete 1982 mit Saunders das Art Hammer Duo, welches Jazz mit südafrikanischer Musik verband.
Auf dem Transport in das Konzentrationslager Dachau verhungerte Opfer des Holocaust

Drei Jahre später riefen Wolfsohn und Saunders dann das Duo Towering Inferno ins Leben. Damit wollte man das konventionelle Konzept einer Rockband mit im Mittelpunkt der Show stehenden Musikern auf den Kopf stellen. Das Ego der Musiker sollte dagegen hinter einer vielfältigen Multimediainszenierung aus Lichtprojektionen und elektronischen Klängen zurücktreten. Das Duo tourte durch Europa und traf 1986 in Italien auf den ungarischen Performance-Dichter Endre Szkárosi. Von dessen Aktivitäten war das Duo so beeindruckt, dass es die nächsten fünf Jahre auf Tour und Reisen das Konzept des Projektes Kaddish entwickelte. 1991 begann Towering Inferno dann mit der Aufnahme des Albums Kaddish. Andy Saunders meinte zu den musikalischen Einflüssen des Albums und den Motiven zur Einspielung:

"Viel auf dem Album Kaddish wurde von Klängen beeinflusst, die wir als Kinder in der Synagoge gehört haben. Šōfār, Kaddisch, Chöre. Erstaunliche, kraftvolle Sounds und Musik. Uns fiel auf, dass viele jüdische Musiker - Bob Dylan, Lou Reed, Leonard Cohen, Györgi Ligeti - nie über ihr Judentum sprechen. Wir fanden es extrem verstörend, dass dieses schreckliche Ereignis sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts ereignete, und während schwarze Afrikaner Musik über die von ihnen erlebte Unterdrückung machten, schienen Juden diese einfach zu leugnen." [2]

Die Aufnahmen begannen in den Londoner Diorama and Camden Lock & Porcupine Studios. Die Einspielungen der ungarischen Volkslieder mit Szkárosi und Sebestyén machte man in den 3M Studios in Budapest. Ebenfalls in Budapest fanden die Aufnahmen mit Rabbiner Tamas Raj statt. Die Endabmischung wurde in den Lavender Hill Studios in London vorgenommen.

2 Musik

Die ungarische Volksliedsängerin Márta Sebestyén
Auf Kaddish kommen unterschiedlichste Instrumente und Sänger zum Einsatz: E-Gitarren, Bassgitarre, Mandoline, Keyboards, Schlagzeug, Sopran-, Alt- und Baritonsaxophon, Violine und Viola, Trompete, Klavier, Cello, Kontrabass, diverse Percussioninstrumente, das jüdische Naturhorn Šōfār, Samples, Sprecher, die ungarische Volksliedsängerin Márta Sebestyén, die Sopranistin Anya Kubrick, der nigerianische Percussionist Gaspar Lawal, das Electra String Quartet, der Kantor Malcolm Miller und der ungarische Rabbiner Raj Tamás sowie der 100-köpfige London Welsh Chorale.

Neben Wolfson und Saunders selber, sowie vielen eher unbekannteren Musikern wirken u.a. John Stanley Marshall (u.a. ehemaliger Schlagzeuger der Jazzrock-Band Soft Machine), der Fusion-Saxophonist Elton Dean, der Percussionist Chris Cutler und Tim Hodgkinson von der Avatngarde-Rockformation Henry Cow oder der englische Violinist Aleksander Kolkowski auf Kaddish mit.

Da die Musik auf Kaddish eher eine Soundcollage bzw. Montage unterschiedlichster Klänge ist, und kaum den herkömmlichen Gestaltungsmitteln klassischer oder populärer Musik mit Themenverarbeitung, Akkordfolgen, Gliederung in Strophe und Refrain usw. folgt, ist sie mit den üblichen musikwissenschaftlichen Werkzeugen auch kaum analysierbar. Deshalb wird in diesem Artikel ein eher deskriptiver Ansatz der Darstellung der Musik gewählt.

Das Album gliedert sich in 21, zum Teil auch ohne Pause inneinander übergehende Einzeltitel, die wiederum zu vier größeren Teilen (Part I - Part IV) zusammengefasst sind.

2.1 Part I

2.1.1 The Rose

Grafik des kabbalistischen Lebensbaumes (Etz Chaijm) aus dem Booklet der CD Kaddish von Towering Inferno
Der vierminütige Titel The Rose eröffnet mit von an Panflöte erinnernden, rhythmischen Klangblöcken begleitetem jüdischem Synagogalgesang das Album. Der Kantor Malcolm Miller rezitiert dabei auf Hebräisch aus Psalm 33, der traditionellerweise neben weiteren Psalmen im aschkenasischen wie auch sephardischen Morgengebet des Sabbat und des Feiertages zum Einsatz kommt. Nach einer Minute Spielzeit wird folgender englischer Text gesprochen:
this round world as it collapses on me (2 x) / the wind blows through me (2 x) / and the old and the new / and here and far away / familiar and unknown / and you and everything / love of the universe / this sky will cover you when you fall down (2 x)

Nach zwei Minuten Spielzeit singt Márta Sebestyén eine traditionelle ungarischen Volksmelodie. Später erklingt im Hintergrund eine von einer männlichen Person gesprochener Text einer ungarischen Trauerrede aus dem 13. Jahrhundert.

Der Titel The Rose bezieht sich vermutlich auf die symbolische Bedeutung der Rose in der Kabbala, worauf auf das im CD-Booklet dem Part I vorangestellte Bild des Baums der Sephiroth deutet. So vergleicht das kabbalistische Buch Zohar in seiner Einleitung die Shechina (in der jüdischen Religion die „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ Gottes in Israel, die als Inbegriff der Gegenwart Gottes bei seinem Volk verstanden werden kann) mit einer zweifarbigen Rose mit dreizehn Blütenblättern und fünf Kelchblättern, die sie vor den Dornen schützen. [3]

2.1.2 Prayer

Das knapp dreiminütige Prayer beginnt mit metallischen Klängen, die an eine Produktionshalle erinnern. Diesen "Industriegeräuschen" ist ein breites, rauschendes und meist dunkles "Klangband" unterlegt. Später treten zwei sich abwechselnde E-Pianoakkorde sowie Geräusche und Effekte hinzu.

2.1.3 Dachau

Der nach dem gleichnamigen Konzentrationslager benannte Titel Dachau wird von einem klassischen Streichquartett getragen. Dabei kommt es allerdings (wie der Einsatz eines Streichquartetts vermuten lassen könnte) zu keiner herkömmlichen musikalischen Entwicklung, sondern es wechseln sich in dem getragenen Stück meist nur zwei Harmonien/Akkorde ab. Nach anderhalb Minuten tritt eine Linie des Sopransaxophons hinzu.
Englisches Manuskript aus dem 13. Jahrhundert, das zeigt wie drei Juden geschlagen werden

2.1.4 4 by 2

4 by 2 wird von einem repetitiven, Minimalismus (Musik) minimalistisch wirkenden Klavierpattern mit darüber gelegtem Keyboardklang geprägt. Das Pattern springt durch verschiedene tonartliche Bereiche. Nach circa einer Minuten geht das Klavier zu perlenden Klavierarpeggien über, welche mit nun dichteren Streicherklänge komniniert werden. Gegen Ende des Titels folgen einige dissonante Klavierakkorde.

2.1.5 Edvárd Király

Im in ungarisch gehaltenen Text des Titels Edvárd Király geht es um den englischen König Eduard I., der 1287 die jüdische Bevölkerung aus der Gascogne vertrieben hatte und noch im selben Jahr alle Juden in England für verhaftet erklärte, und am am 18. Juli 1290 die Vertreibung aller Juden aus England anordnete. Der von Szkárosi geschriebene Text bezieht sich auch auf das Gedicht A walesi bárdok von János Arany (1817-1882), welches als Allegorie auf den Widerstand der Ungarn gegen die Herrschaft der Habsburger nach der gescheiterte ungarische Revolution von 1848 zu verstehen ist. [4] Ebenso wie Arany greift Endre Szkárosi in seinem Text dabei die Erzählung von den 500 walisischen Barden auf, die nach Eduards Sieg über die Waliser im Jahr 1277 gezwungen wurden ihm bei einem Bankett in Montgomery Castle in Liedern zu huldigen, und dadurch dass sie stumm blieben passiven Widerstand leisteten. Zu hektischen Schlagzeugbeats über einem gleichbleibenden Basston erklingen im Titel Edvárd Király Schreie, der rezitierte Text und Geräusche. Trommelwirbel auf der Snare Drum lassen den Hörer den Bereich Militär assoziieren.

2.1.6 Memory

Fotos aus dem Booklet der CD Kaddish von Towering Inferno
Das Stück Memory besteht aus leisen, statischen Klangflächen und einem regelmäßig wiederkehrendem hohen Beep-Geräusch. Dazu treten im Verlauf des Titels teils verfremdete Stimmen und unterschiedlichste Geräusche. Das Stimmungsbild wird dabei zunehmend bedrohlicher. Der Text von Memory lautet in deutscher Übersetzung:
Sie werden deine Handschuhe nicht mehr suchen. Denk daran wenn du durch den Wald gehst und Falken in den Himmel steigen lässt. Auch wenn du dich weigerst ihren Boden zu betreten. Du kannst diese Stadt nicht verlassen. Ich wusste nichts. Ich bin noch nicht vom Tod, dem Wild umfangen. Ich sah einen neuen Menschen und beendete sein Weinen. Die Wiese am Morgen blutet hinter dir oder die Wiese am Abend atmet um dich zu finden. Grab es wieder aus. Grab es wieder aus.

2.2 Part II

2.2.1 Not Me

Der Titel Not Me bringt arhythmische Klangflächen. Es sind ferner Telefongeräusche zu hören und eine Stimme sagt mehrmals Hallo. Dann wird folgender Text zu rezitiert:

It is not me, and I don`t know how / and not now and not here I was to come / somebody, sometime, somehow, / somewhere fell down in front of me / in its centre the world became empty / and what was still existing, broke in the earth / the air perted in front of my eyes / and even the sun fell on me in the fog.
Gegen Ende des Titels setzen quäkende, an Autohupen oder mittelalterliche Blasinstrumente wie Schalmei oder Pommer erinnernde Klänge ein.
Aus der offiziellen Niederschrift von Adolf Hitlers Erklärung vor dem Reichstag am 30. Januar 1939

2.2.2 Reverse Fields

Reverse Fields lässt dumpf-eintönige Death Metal-Klängen hören. Dazu treten nach 30 Sekunden Percussionwirbel und später Klangflächen. Abrupt bricht der Titel ab, es folgt Stille und eine männliche Stimme spricht: "Backwards, three steps ... / The man who prays must step back three steps ... / This is the sign of honour."

2.2.3 Occupation

Der Titel Occupation beginnt mit unheimlich wirkenden Klangflächen, zu denen nach einer halben Minute mächtige Percussion tritt. Ein Nazi macht die Aussage "The Jews realy won the war". Dieser Satz bezieht sich auf die in der Weimarer Republik verbreitete Verschwörungstheorie, dass die Juden Deutschland in den 1. Weltkrieg getrieben hätten, sich während des Krieges finanziell bereichert hätten und auch die Niederlage der deutschen Streitkräfte herbeigeführt hätten. Auch ist der Ausschnitt "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" aus Adolf Hitlers Erklärung vor dem Reichstag am 30. Januar 1939 zu hören. Die Stimmen sind verfremdet und mit viel Hall versehen. Nach 2`15 Minuten erklingen zusätzlich von Elton Dean gespielte auf dem Altsaxophon hervorgebrachte Free Jazz-Fragmente.

2.2.4 Sto Mondo Rotondo

Der Titel Sto Mondo Rotondo beginnt mit textlosem an alte Kirchenmusik erinnerndem Gesang des London Welsh Chorale. Über diesem rezitiert Endre Szkárosi den Text von The Rose auf Italienisch:

sto mondo rotondo se crolla su me ( 2 x) / me traffige il vento (2 x) / e vecchio e nuovo / e qua e lontano / noto estraneo / e tu e tutto / amor d`universo / ti copre sto cielo se cadi (2 x)

Nachdem Gesang und Rezitation enden sind für 20 Sekunden die Geräusche eines Gewitters zu hören, das bei den Aufnahmen zu dem Stück in den 3M Studios in Budapest plötzlich ausbrach.

2.2.5 Organ Loop

Der nigerianische Percussionist Gaspar Lawal wirkt auf den Titeln Toll (II) und Pogrom mit
Der Titel basiert auf einem von Wolfsohn auf einer Hammondorgel gespielten Bordunton über den er umspielende Figuren im höheren Register legt. Márta Sebestyén singt dazu den ungarischen Text von The Rose. Nach 2`20 Minuten folgt ein von Andy Saunders vorgetragenes Solo auf dem Altsaxophon.

2.3 Part III

2.3.1 Toll (I)

Das nur knapp einminütige Toll (I) ist eine von Wolfsohn und Saunders rein elektronisch, d.h. ohne echte Musikinstrumente eingespielte Soundcollage.

2.3.2 Toll (II)

Das Grundgerüst von Toll (II) bilden von Gaspar Lawal gespielte afrikanische Rhythmen. In regelmäßigen Zeitabständen erklingt dazu ein tiefer, an Kirchenglocken erinnernder einzelner Ton. Darüber trägt Kanor Malcolm Miller Teile aus Psalm 33 vor. Dazwischen sind immer wieder die von Endre Szkárosi gesprochenen ungarischen Worte "Egy test vagy egy test" zu hören. Im Hintergrund ist erneut der London Welsh Chorale zu vernehmen. Der ganze Titel ist mit einem sehr starken Nachhall aufgenommen.

2.3.3 The Ruin

Im diesem Titel spielt Jocelyn Pook eine wehmütige Melodie auf der Viola. Andy Saunders begleitet sie dabei am Klavier. Das Stück überrascht bzw. verwirrt dabei öfters durch ungewohnte, nicht ganz der klassischen Harmonielehre entsprechende Akkordfortschreitungen. Im letzten Drittel des Titels agieren Viola und Klavier immer zurückhaltender und es ist zusätzlich ein männlicher Sprecher zu hören.

2.3.4 Juden

Der Titel basiert auf einem monoton und unerbittlich durchgezogenen synthetischen Streicherpattern im 3/4-Metrum. Dieses erfährt keine harmonischen Wechsel, sondern wird nur alle 12 Taktschläges nach oben und anschließend wieder nach unten versetzt. Mehrmals tritt für wenige Sekunden eine kurzes, auch gleichbleibendes triolisches Streichermotiv hinzu. Darüber sind einige nicht genauer heraushörbare Stimmen gemischt. Die bereits aus dem Titel Occupation bekannten Satzfragmente "The Jews really won the war" und "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" sind, hier aber häufiger und besser hörbar, ebenfalls zu vernehmen. In den letzten 15 Sekunden des Titels setzt der unerbittliche Streicherrhythmus aus und es erklingen stattdessen höher gesetzte, ähnlich aufgebaute Intervallbildungen.

2.3.5 Pogrom

Pogrom in Kiew im Jahr 1881 bei dem das Miltär dem Treiben des antisemitischen Mobs tatenlos zuschaut
Der Titel basiert ebenso wie Toll (II) auf von Gaspar Lawal gespielten afrikanischen Rhythmen. Darüber sind diverse Soundeffekte und Töne der E-Gitarre gelegt. Eine im Hintergrund schwer zu verstehende weibliche Stimme verkündet "They received us with open arms / This will be the haven / You are in a free country." Später antwortet ein männlicher Sprecher mahrmals mit dem Wort "Pogrom". Diese Sätze könnten sich auf Juden beziehen, die vor den im zaristischen Russland zwischen 1881 und 1906 wütenden Pogromen in die USA flohen. Ebenso könnten aber aus Osteuropa nach Deutschland migrierte Juden gemeint sein, die sich im Deutschen Reich in Sicherheit wähnten, dann aber in den Novemberpogromen von 1938 erneut Verfolgung ausgesetzt waren. Nach drei Minuten Spielzeit wird der Percussionrhythmus ausgeblendet. Die restliche Minute Spielzeit sind stark in Richtung eines Rauschens gehende Keyboardflächen zu hören.

2.3.6 Partisans

Das Stück beginnt mit einem a capella vorgetragenen und von Glockengeläut begleiteten volksliedartigen Melodie. Nach 45 ertönt zu Windegeräuschen im Hintergrund eine an Militärmusik erinnernde Snare Drum. Dazu singt der London Welsh Chorale. Nach zwei Minuten tritt der Violinist Alexander Kolkowski kurz mit einer an Klezmermusik erinnernden Figur hervor. Eine männliche Stimme verkündet dann "You can not leave this city", und es beginnt ein harter Rocksong dem zusätzlich militärische Snare Drum-Figuren beigemischt sind. Darüber legt die Violine dissonant bzw. atonal wirkende Tonfolgen. Eine männliche Stimmem trägt den Text aus dem Titel Not Me auf Ungarisch vor. Eine andere Stimme rezitiert parallel dazu Textteile aus dem Titel Memory. Nach 3`45 Minuten tritt auch der Chor wieder hinzu. Nach fünfeinhalb Minuten endet der Rockabschnitt plötzlich und Violine und andere Instrumente bringen kurz ein atonales Nachspiel.

2.4 Part IV

Der ungarische Rabbiner Raj Tamás rezitiert auf dem vorletzten Titel des Albums das jüdische Gebet Kaddisch

2.4.1 Modern Times

Modern Times ist der Titel des Albums, welcher noch am ehesten an einen konventionellen Rocksong erinnert. Powerchords der E-Gitarre und gleichmäßige Keyboradakkorde in Achteln sowie Bassgitarre aber keine Gesangslinie. Besonders fällt die mit viel Nachhall versehene Snare Drum auf. Der Titel wirkt durch das Fehlen einer Melodie und die sehr selten auftretenden Harmoniewechsel äußerst monoton.

2.4.2 The Rose (II)

Hier singt Márta Sebestyén, anfänglich unbegleitet, den Text aus dem Titel The Rose. Nach 25 Sekunden wird sie von sanften Keyboardflächen begleitet.

2.4.3 The Bell

Der Titel The Bell beginnt mit Glockengeläut und dunklen Klängen des Electra String Quartet. Dann trägt Márta Sebestyén begleitet vom Electra String Quartet eine traditionelle bulgarische Volksmelodie vor. Der Text lautet in deutscher Übersetzung:

"Ich lege einen schön gefärbten Teppich vor dir aus. Aber du sattelst dein Pferd und ich kann erkennen, dass du fortgehen willst. Ja, ich gehe fort, aber ich verlasse dich mit zwei Müttern, deiner und meiner. Gott verdamm deine und auch meine Mutter, denn ich wäre lieber hier bei dir auf dem Teppich."
Das jüdische Gebet Kaddisch in einem Gebetbuch aus dem Jahr 1923

Nach drei Minuten Spielzeit tritt Andrew Saunders mit einem Saxophonsolo hervor, zu dem auch die Violine wehmütige-klagende Töne beisteuert.

2.4.4 Kaddish

Das Stück beginnt mit Geräuschen und breiten Keyboardflächen. Nach einer Minuten singt Kantor David Pearl. Dabei ertönt nach jedem Satz des Kantors ein von Tim Roseman gespieltes Šōfār mit einem Oktavintervall. Dann rezitiert Rabbiner Tamás Raj nach 1`40 Minuten das jüdische Gebet Kaddisch. Im Hintergund ist ein statischer Keyboardklang zu hören. Nach 2`40 Minuten ist die Rezitation abgeschlossen und der Keyboardklang steigert sich in der Lautstärke um dann plötzlich abzubrechen.

2.4.5 The Weaver

Das nur einminütige The Weaver besteht aus einem einstimmigen, unbegleitet gesungenen traditionellen Lied aus Kreta.

3 Aufführungen

Die erste Live-Performance des Albums fand im Juli 1994 im schweizerischen Freiburg im Üechtland statt. [5] Dabei wurden acht Musiker von keyboradgesteuerten Samples unterstützt. Ab 1995 präsentierte Towering Inferno die Musik von Kaddish mit Unterstützung eines 18-köpfigen Streichorchesters und setzte für die Show zusätzlich drei Großbildprojektoren ein. [6] Das Duo tratt mit dieser Show sowohl in Underground-Locations wie auch Konzerthallen und Opernhäusern in Berlin, den Jüdischen Kulturwochen in Wien, Warschau, Budapest, Moskau und anderen Städten auf. Am 1. Oktober 1995 wurde eine im Londoner Institute of Contemporary Arts stattfindende Vorführung live von BBC Radio 3 gesendet. Die Aufführungen von Kaddish endeten 1999 mit drei Auftritten im Opernhaus von Melbourne. [7]

4 Rezeption

Das Album sowie die Live-Aufführungen wurden von der Presse überwiegend positiv aufgenommen.

Beim Mercury Music Award wurde Kaddish unter die zwanzig besten Alben des Jahres 1995 gewählt.
Grafik des eines Davidsterns und einer Menora im Booklet der CD Kaddish von Towering Inferno

Der Daily Telegraph bezeichnete Towering Inferno als "eine der originellsten und provokantesten Performance-Art-Bands der 1990er-Jahre". Kaddish sei "ein schockierendes und unvergessliches Stück Musik".

Nach The Guardian kombiniere "Kaddish osteuropäische Volksmusik, Wettergeräusche, dröhnende Elektronikklänge, Heavy Metal, jüdische Kantillation, bordunartige Begleitmuster (engl. drones) der Ambient-Musik und Free Jazz, um ein komplexe und verstörende Meditation über die Shoah zu erzeugen, die Steve Reichs Different Trains im Vegleich sehr einfach erscheinen lässt". [8]

Für den Musiker und Produzenten Brian Eno ist Kaddish als "das erschreckendste/verstörendste Album das ich je gehört habe an der Schwelle zwischen Kunst und Kommerz angesiedelt" Seiner Meinung nach "muss ein Musikstück einen sofort verführen oder vor den Kopf stoßen, was Kaddish macht". Das Album sei "sehr direkt und beeinflusst den Hörer unmittelbar".

Die britische Musikzeitschrift Mojo nannte das Album einen "Klangteppich aus Tausenden von Jahren, der beklagt, was in Zeiten großer Zerstörung verloren gegangen ist".

Nach dem Journalisten Richie Unterberger reflektiert das Album "die Schrecken und Wunden des Holocaust mit subtiler und weitgehend wortloser Komplexität". Es sei wohl "nicht für jeden Hörer geeignet", dafür könnten "abenteuerlustige Hörer vieles darin finden, was ein mehrmaliges Anhören lohnt."

5 Weblinks

5.1 Video und Audio

6 Einzelnachweise

  1. Artikel über Richard Wolfson in The Telegraph
  2. Übersetzt nach www.moredarkthanshark.org
  3. The Zohar - The most powerful spiritual tool auf www2.kabbalah.com
  4. A magyaron kívül három angol, egy orosz ésegy latin nyelvű változatban
  5. www.belluard.ch
  6. www.moredarkthanshark.org
  7. www.2015.festival.melbourne
  8. www.theguardian.com

7 Siehe auch


8 Andere Lexika

Wikipedia kennt dieses Lemma (Kaddish (Musikalbum von Towering Inferno)) vermutlich nicht.