Jüdischer Selbsthass: Unterschied zwischen den Versionen

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* Der Begriff '''Jüdischer Selbsthass''' bezieht sich auf eine Haltung einzelner Juden, sich in einer überkritischen und/oder selbstzerstörerischen Weise gegen die eigene Kultur und Identität zu wenden. Er kann ebenso wie der [[Deutschfeindlichkeit|Deutsche Selbsthass]] großer Teile der deutschen Linken auf eine gestörte Identitätsbildung und mangelnde Kenntniss und Verarbeitung der eigenen Geschichte zurückgeführt werden, und ist somit als pathologisches Phänomen anzusehen.  
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Der umstrittene Begriff '''Jüdischer Selbsthass''' bezieht sich auf eine angebliche Haltung einzelner Juden, sich in einer überkritischen und/oder selbstzerstörerischen Weise gegen die eigene Kultur und Identität zu wenden. Er kann ebenso wie der [[Deutschfeindlichkeit|Deutsche Selbsthass]] großer Teile der deutschen Linken auf eine gestörte Identitätsbildung und mangelnde Kenntniss und Verarbeitung der eigenen Geschichte zurückgeführt werden, und ist somit als pathologisches Phänomen anzusehen.  
  
* In diffamierender Intention wird der Begriff auch auf jüdische Personen wie [[Noam Chomsky]], [[Norman Finkelstein]], [[Evelyn Hecht Galinski]], oder [[Alfred Grosser]] angewandt, die sich nur selbstkritisch mit einigen Elementen der jüdischen Kultur und Geschichte sowie der aktuellen Politik Israels gegenüber den Palästinensern auseinander setzen, um diese jüdischen Personen damit unter generellen [[Antisemitismuskeule|Antisemitismusverdacht]] zu stellen.  
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In diffamierender Intention wird der Begriff auch auf jüdische Personen wie [[Noam Chomsky]], [[Norman Finkelstein]], [[Evelyn Hecht Galinski]], oder [[Alfred Grosser]] angewandt, die sich nur selbstkritisch mit einigen Elementen der jüdischen Kultur und Geschichte sowie der aktuellen Politik Israels gegenüber den Palästinensern auseinander setzen, um diese jüdischen Personen damit unter generellen [[Antisemitismuskeule|Antisemitismusverdacht]] zu stellen.  
  
* Jüdische Autoren haben sich schon früh mit dem jüdischen Selbsthass auseinandergesetzt. Arnold Zweig schrieb im Jahr 1927, dass der jüdische Selbsthass eine Form der Ich-Entwertung und Verneinung des eigenen Wesens sei. Der Kulturphilosoph Theodor Lessing verfasste das Buch "Der jüdische Selbsthass", in dem er diesen als psychopathologisches Problem definierte.
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* Jüdische Autoren haben sich schon früh mit dem angeblichen ''Jüdischen Selbsthass'' auseinandergesetzt. [[Arnold Zweig]] schrieb im Jahr 1927, dass der jüdische Selbsthass eine Form der Ich-Entwertung und Verneinung des eigenen Wesens sei. Der Kulturphilosoph [[Theodor Lessing]] verfasste das Buch "''Der jüdische Selbsthass''", in dem er diesen als psychopathologisches Problem definierte.
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* Gilman Sander erklärte die Entstehung von jüdischem Selbsthass aus der geschichtlich lang andauernden Position der Juden in der gesellschaftlichen Minderheitsrolle und einer psychologischen Identifikation mit dem Agressor. Er entstehe dann,
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:''... wenn Juden aus der begründeten Angst davor, als solche behandelt zu werden, danach streben, sich mit dem Angreifer zu identifizieren.'' <ref>Gilman Sander: ''Jüdischer Selbsthass, Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden'', Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M., 1993, S. 38</ref> 
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* Allan Janik lehnt einen speziellen Begriff des ''Jüdischen Selbsthasses'' dagegen ab. Für ihn ist die Ablehnung der eigenen Herkunft ein Identitätsproblem welches auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen auftritt, ohne dass man hierfür extra eigene Begriffe definiert und Untersuchungen anstellt. <ref>Allan Janick: ''Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthass-Hyphothese''; Gerhard Botz (Hrsg.): ''Zerstörte Kultur - Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert'', Wien, 2002, S. 123</ref>   
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* Auch Autoren wie Gershom Scholem lehnen das Konzept des Begriffs ''Jüdischer Selbsthass'' ab, welches letztlich nur die individuellen Neurosen einzelner Juden beschreibe, und die Gefahr in sich berge dass damit ein Jude dem anderen Juden wilkürlich ein unangemessenes Verhältnis zur jüdischen Identität vorwerfen kann.
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Im folgenden einige Zitate die als Beispiel für jüdischen Selbsthass gewertet werden können aber nicht müssen. So meinte [[Aaron David Gordon]], ein Pionier des [[Zionismus]], im Jahr 1911:
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:''Wir haben keine Wurzeln in der Scholle; es gibt kein Boden unter unseren Füßen. Und wir sind Parasiten - nicht nur im ökonomischen Sinn, sondern auch im Geist, in den Gedanken, in der Poesie, in der Literatur und in unseren Tugenden und unseren Idealen.'' <ref>Zitiert nach Hajo G. Meyer:'' Judentum, Zionismus, Antizionismus und Antisemitismus - Versuch einer Begriffsbestimmung'', Frank & Timme, 2009, S. 68</ref>
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==Literatur==
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* [[Theodor Lessing]]: ''Der jüdische Selbsthaß'' (1930), mit einem Vorwort von Boris Groys, Matthes & Seitz Verlag, München, 2004
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* Sander Gilman: ''Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden'', Frankfurt am Main, 1993
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* Marie Haller-Nevermann: ''Jüdische Herkunft und ihre Negation - Jude und Judentum im Werk Anna Seghers’''; in ''Argonautenschiff 6'', 1997, S. 307-323
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* [[Walter Grab]]: ''„Jüdischer Selbsthaß“ und jüdische Selbstachtung in der deutschen Literatur und Publizistik 1890 bis 1933''; in: ''Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg'', hrsg. von Horst Denkler und Hans Otto Horch, Tübingen, 1989, S. 313-336
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* Carsten Schapkow: ''Judenbilder und jüdischer Selbsthaß - Versuch einer Standortbestimmung Ernst Tollers''«; in ''Ernst Toller und die Weimarer Republik - Ein Autor im Spannungsfeld von Literatur und Politik'', hrsg. von Stefan Neuhaus, u.a., Würzburg 1999, S. 71-87
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== Andere Lexika ==
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* [http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Selbsthass Der Artikel'' Jüdischer Selbsthass'' in der deutschsprachigen Wikipedia]
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== Einzelnachweise ==
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Version vom 12. Mai 2011, 20:18 Uhr

Der umstrittene Begriff Jüdischer Selbsthass bezieht sich auf eine angebliche Haltung einzelner Juden, sich in einer überkritischen und/oder selbstzerstörerischen Weise gegen die eigene Kultur und Identität zu wenden. Er kann ebenso wie der Deutsche Selbsthass großer Teile der deutschen Linken auf eine gestörte Identitätsbildung und mangelnde Kenntniss und Verarbeitung der eigenen Geschichte zurückgeführt werden, und ist somit als pathologisches Phänomen anzusehen.

In diffamierender Intention wird der Begriff auch auf jüdische Personen wie Noam Chomsky, Norman Finkelstein, Evelyn Hecht Galinski, oder Alfred Grosser angewandt, die sich nur selbstkritisch mit einigen Elementen der jüdischen Kultur und Geschichte sowie der aktuellen Politik Israels gegenüber den Palästinensern auseinander setzen, um diese jüdischen Personen damit unter generellen Antisemitismusverdacht zu stellen.

1 Definitions- und Erklärungsversuche

  • Jüdische Autoren haben sich schon früh mit dem angeblichen Jüdischen Selbsthass auseinandergesetzt. Arnold Zweig schrieb im Jahr 1927, dass der jüdische Selbsthass eine Form der Ich-Entwertung und Verneinung des eigenen Wesens sei. Der Kulturphilosoph Theodor Lessing verfasste das Buch "Der jüdische Selbsthass", in dem er diesen als psychopathologisches Problem definierte.
  • Gilman Sander erklärte die Entstehung von jüdischem Selbsthass aus der geschichtlich lang andauernden Position der Juden in der gesellschaftlichen Minderheitsrolle und einer psychologischen Identifikation mit dem Agressor. Er entstehe dann,
... wenn Juden aus der begründeten Angst davor, als solche behandelt zu werden, danach streben, sich mit dem Angreifer zu identifizieren. [1]

2 Kritik am Begriff an sich

  • Allan Janik lehnt einen speziellen Begriff des Jüdischen Selbsthasses dagegen ab. Für ihn ist die Ablehnung der eigenen Herkunft ein Identitätsproblem welches auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen auftritt, ohne dass man hierfür extra eigene Begriffe definiert und Untersuchungen anstellt. [2]
  • Auch Autoren wie Gershom Scholem lehnen das Konzept des Begriffs Jüdischer Selbsthass ab, welches letztlich nur die individuellen Neurosen einzelner Juden beschreibe, und die Gefahr in sich berge dass damit ein Jude dem anderen Juden wilkürlich ein unangemessenes Verhältnis zur jüdischen Identität vorwerfen kann.

3 Beispiele für jüdischen Selbsthass

Im folgenden einige Zitate die als Beispiel für jüdischen Selbsthass gewertet werden können aber nicht müssen. So meinte Aaron David Gordon, ein Pionier des Zionismus, im Jahr 1911:

Wir haben keine Wurzeln in der Scholle; es gibt kein Boden unter unseren Füßen. Und wir sind Parasiten - nicht nur im ökonomischen Sinn, sondern auch im Geist, in den Gedanken, in der Poesie, in der Literatur und in unseren Tugenden und unseren Idealen. [3]

4 Literatur

  • Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthaß (1930), mit einem Vorwort von Boris Groys, Matthes & Seitz Verlag, München, 2004
  • Sander Gilman: Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden, Frankfurt am Main, 1993
  • Marie Haller-Nevermann: Jüdische Herkunft und ihre Negation - Jude und Judentum im Werk Anna Seghers’; in Argonautenschiff 6, 1997, S. 307-323
  • Walter Grab: „Jüdischer Selbsthaß“ und jüdische Selbstachtung in der deutschen Literatur und Publizistik 1890 bis 1933; in: Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, hrsg. von Horst Denkler und Hans Otto Horch, Tübingen, 1989, S. 313-336
  • Carsten Schapkow: Judenbilder und jüdischer Selbsthaß - Versuch einer Standortbestimmung Ernst Tollers«; in Ernst Toller und die Weimarer Republik - Ein Autor im Spannungsfeld von Literatur und Politik, hrsg. von Stefan Neuhaus, u.a., Würzburg 1999, S. 71-87

5 Andere Lexika

6 Einzelnachweise

  1. Gilman Sander: Jüdischer Selbsthass, Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden, Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M., 1993, S. 38
  2. Allan Janick: Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthass-Hyphothese; Gerhard Botz (Hrsg.): Zerstörte Kultur - Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert, Wien, 2002, S. 123
  3. Zitiert nach Hajo G. Meyer: Judentum, Zionismus, Antizionismus und Antisemitismus - Versuch einer Begriffsbestimmung, Frank & Timme, 2009, S. 68