Biblische Manuskripte

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Ein Biblisches Manuskript bezeichnet Manuskripte (Handschriften), die Texte aus der Bibel enthalten. Biblische Manuskripte gibt es von kleinen Schriftrollen, die spezielle Verse von jüdischen Schriften enthalten (siehe Tefillin), bis zu großen mehrsprachigen Büchern (Polyglotte), die sowohl die Hebräische Bibel (Altes Testament, Tanach) und das Neue Testament als auch nichtkanonische Bücher enthalten.

Ein Vergleich der Biblischen Manuskripte ist wichtig, weil es gerade unter den handgeschriebenen Texten viele Abweichungen gibt, die auch durch Fehler in der Übertragung entstanden sein können. Die Wissenschaft der Textkritik versucht den ursprünglichen Text der Bücher wiederherzustellen, insbesondere von jenen, die vor der Erfindung des Buchdrucks veröffentlicht wurden.

1 Manuskripte der Hebräischen Bibel

Eine Seite des Aleppo Codex, 5. Buch Mose

Der Aleppo Codex (um 920) und der Codex Leningradensis (etwa 1008) sind die ältesten vollständigen hebräischen Manuskripte der Bibel. Nachdem im Jahre 1947 in Qumran die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden wurden, ergab sich eine völlig neue Sicht auf die alten Texte. Allerdings fanden sich in den Qumran nur etwa 5% der Texte aus der ältesten Bibelausgabe, der Septuaginta.

Vor dieser Entdeckung waren die ältesten erhaltenen Manuskripte des Alten Testaments (Tanach) griechische Manuskripte wie der Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus. Unter den etwa 850 in Qumran gefundenen Manuskripten und rund 15.000 Fragmenten sind etwa 200 Texte aus dem Alten Testament zu finden. Bemerkenswerterweise gibt es zwei Rollen des Buches Jesaja, eine vollständige (1QIsa) und eine zu etwa 75 Prozent vollständige (1QIsb). Diese Manuskripte werden normalerweise auf die Zeit zwischen 150 v.Chr. und 70 n.Chr. datiert.[1]

Alte jüdische Schreiber entwickelten viele Praktiken, um Abschriften ihrer Schriften vor Fehlern zu bewahren. Dank dieser Methoden finden sich signifikante Veränderungen innerhalb der Texte mit einer mittleren Rate von nur einem Konsonanten unter 1500.[2]

1.1 Manuskripte zum Tanach

Manuskript Beispiele Sprache Datierung
Schriftrollen vom Toten Meer Buch Jesaja Hebräisch 2. Jhd. v. Chr.
Septuaginta Codex Vaticanus, Codex Sinaiticus, Codex Alexandrinus u. a. frühe Papyri Altgriechisch 250 v. Chr.
Peshitta Syrisch 1.-5. Jhd. n. Chr.
Vulgata Latein 4. Jhd. n. Chr.
Masoretischer Text Aleppo Codex, Codex Leningradensis u. a. Hebräisch 8.-10. Jhd. n. Chr.
Samaritanischer Pentateuch Hebräisch wahrscheinlich um 120 v. Chr., ältestes erhaltenes Manuskript etwa 11. Jhd. n. Chr., ältestes zugängliches Manuskript 16. Jhd. n. Chr.

2 Manuskripte des Neuen Testaments

Datei:CodeAlexandrinusFol65vExplLuke.jpg
Folio 65v des Codex Alexandrinus enthält das Evangelium nach Lukas mit dekorativem Schlussstück.

Das Neue Testament ist in mehr Manuskripten erhalten geblieben als jedes andere historische Werk. Es existieren mehr als 5.700 vollständige oder fragmentierte griechische Manuskripte, 10.000 lateinische Manuskripte und 9.300 Manuskripte in vielen anderen alten Sprachen wie Syrisch, Slawisch, Gotisch, Äthiopisch, Koptisch und Armenisch. Die Daten dieser Manuskripte reichen vom 2. Jahrhundert bis zur Erfindung der Buchdruckpresse im 15. Jahrhundert. Die Mehrheit dieser Manuskripte ist nach dem 10. Jahrhundert datiert.

Wenn man die Manuskripte mit Ausnahme der kleinsten Fragmente miteinander vergleicht, so stellt man fest, dass keine zwei Abschriften im vergleichbaren Manuskript exakt wortgetreu übereinstimmen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass bei einem Vergleich eines einseitigen Manuskriptes mit einem zehnseitigen schon eine etwas andere Schreibweise eines Ortsnamens zu mehrfachen Abweichungen führt. Man geht rein statistisch von etwa 200.000 bis 300.000 Variationen unter allen Manuskripten aus der Zeit vom 2. bis 15. Jahrhundert aus. Doch dieser Vergleich ist unzuverlässig, da er Texte über deren sprachliche Grenzen hinaus vergleicht, zumal es immer unterschiedliche Übersetzungen gibt. Weit realistischer ist ein Vergleich von Texten innerhalb der jeweiligen Sprache. In diesem Fall sind die Unterschiede weit geringer. Und selbst diese Abweichungen sind zum großen Teil zufällige Fehler der Schreiber, die sich leicht identifizieren lassen: ausgelassene Wörter, doppelte Zeilen, andere Schreibweisen und Wortanordnungen. In manchen Fällen jedoch scheinen die Abweichungen absichtlich eingefügt worden zu sein. Für einen Forscher ist es dann schwierig, herauszufinden, ob diese Änderung Korrekturen eines besseren Exemplares waren, der Harmonisierung dienten oder ideologisch begründet waren.[3]

Verbreitung griechischer Manuskripte nach Jahrhundert[4]

Manuskripte des Neuen Testaments Lektionare
Jahrhundert Papyri Unziale Minuskeln Unziale Minuskeln
2. 2
um 200 4
2./3. 1 1
3. 28 2
3./4. 8 2
4. 14 14 1
4./5. 8 8
5. 2 36 1
5./6. 4 10
6. 7 51 3
6./7. 5 5 1
7. 8 28 4
7./8. 3 4
8. 2 29 22
8./9. 4 5
9. 53 13 113 5
9./10. 1 4 1
10. 17 124 108 38
10./11. 3 8 3 4
11. 1 429 15 227
11./12. 33 13
12. 555 6 486
12./13. 26 17
13. 547 4 394
13./14. 28 17
14. 511 308
14./15. 8 2
15. 241 171
15./16. 4 2
16. 136 194

2.1 Manuskripte und Textkritik

Das Neue Testament wurde in drei Hauptrichtungen der Manuskripttradition erhalten: der Alexandrinische Texttyp des 4. Jahrhunderts, der Westliche Texttyp und der Byzantiner Texttyp. Zusammen machen sie über 80% aller Manuskripte aus, in Mehrheit in vergleichsweise später Tradition. Forscher halten den Alexandrinischen Texttyp für allgemein verlässlicher und näher am Urtext in Bezug auf textliche Variationen. Moderne Übersetzungen des Neuen Testaments basieren auf allen drei Texttypen.

Ein wichtiger Punkt bei Manuskripten ist ihre Erhaltung. Die frühesten Manuskripte des Neuen Testaments wurden auf Papyrus geschrieben, einer Pflanze, die im Ägyptischen Nildelta im Überfluss vorhanden ist. Diese Tradition setzte sich bis in das 8. Jahrhundert fort.[5] Papyrus verfällt mit der Zeit und wird brüchig. Das trockene Klima Ägyptens ermöglichte es einigen Papyrusmanuskripten teilweise erhalten zu bleiben. Doch mit Ausnahme von P77 ist kein Papyrusmanuskript des Neuen Testaments vollständig. Viele bestehen nur aus einer einzigen fragmentierten Seite.[6] Mit Beginn des 4. Jahrhunderts wurde Pergament (auch Vellum genannt) zum allgemeinen Medium für Manuskripte des Neuen Testaments.[7] Erst ab dem 12. Jahrhundert begann Papier, das im 1. Jahrhundert in China erfunden wurde, zu einem beliebten Material für Biblische Manuskripte zu werden.[8]

Von den 476 nichtchristlichen Manuskripten, die in das 2. Jahrhundert datiert sind, befinden sich 97 Prozent in Form von Schriftrollen vor. Im Gegensatz dazu haben die 8 christlichen Manuskripte die Form eines Kodex. Tatsächlich handelt es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Manuskripte des Neuen Testaments um Kodexe. Die Übernahme des Kodex für nichtchristliche Texte erfolgte erst im 4. und 5. Jahrhundert. Dies zeigt die frühe Bevorzugung des Kodex durch die Christen im Vergleich zu nichtchristlichen Manuskripten.[9] Die bemerkenswerte Länge von Zusammenstellungen der Bücher des Neuen Testaments (wie den Paulusbriefen) passte nicht zum begrenzten Platz, der auf einer einfachen Schriftrolle verfügbar war. Der Kodex hingegen konnte auf Hunderte von Seiten erweitert werden.

2.2 Katalogisierung

Eine Seite des Codex Sinopensis. Die Miniatur am Fuß zeigt Jesus, der einen Blinden heilt.

Desiderius Erasmus stellte die erste gedruckte Ausgabe des griechischen Neuen Testaments 1516 zusammen, basierend auf verschiedenen Manuskripten, da er kein einzelnes vollständiges Werk besaß und außerdem jedes Manuskript kleine Fehler enthielt. Er teilte die Manuskripte nach den verwendeten Schreibweisen (Unziale, Minuskel) oder dem Format (Lektionar) sowie nach dem Inhalt ein (Evangelien, Paulusbriefe, Apostelgeschichte sowie Katholische Briefe und die Offenbarung). Er teilte jedem Unzialbrief, Minuskel und Lektioniar eine Nummer für jede Inhaltsgruppe zu, so dass Manuskripte mit demselben Buchstaben oder derselben Nummer bezeichnet werden konnten.[10]

2.2.1 Von Soden

Hermann von Soden veröffentlichte in der ersten Dekade des 20 Jahrhunderts ein komplexes Katalogsystem für die Manuskripte. Er gruppierte die Handschriften auf Basis ihres Inhaltes und ordnete ihnen einen griechischen Prefix zu: δ für ein vollständiges Neues Testament, ε für die Evangelien und α für den verbleibenden Teil. Diese Gruppierung war jedoch fehlerhaft, da einige der Handschriften aus der Gruppe δ die Offenbarung nicht enthielten und viele in α eingeordnete Manuskripte entweder die allgemeinen Briefe oder die Paulinischen Briefe enthielten, jedoch nicht beide.

Nach dem griechischen Prefix fügte von Soden eine Nummer an, die in etwa mit der Datierung in Zusammenhang stand. Zum Beispiel stammen δ1–δ49 aus der Zeit vor dem 10. Jahrhundert, während δ150–δ249 aus dem 11. Jahrhundert stammen. Dieses System erwies sich als problematisch, wenn Manuskripte umdatiert wurden oder mehr Manuskripte entdeckt wurden, als die Anzahl freier Nummern war, die einem bestimmten Jahrhundert zugeordnet wurden.[11]

2.2.2 Gregory-Aland

Caspar René Gregory veröffentlichte 1908 ein anderes Katalogsystem in seinem Buch Die griechischen Handschriften des Neuen Testaments. Dieses System wird noch heute benutzt. Gregory teilte die Manuskripte in vier Gruppen ein: Papyri, Unziale, Minuskeln und Lektionare. Diese Einteilung ist bisweilen willkürlich. Die erste Gruppierung basiert auf dem physischen Material (Papyrus), das für das Manuskript verwendet wurde. Die nächsten beiden Einteilungen basieren auf der Schrift: Unziale und Minuskeln (Klein- und Großbuchstaben). Die letzte Gruppierung basiert auf dem Inhalt: Lektionare. Fast alle Papyrusmanuskripte und Lektionare vor dem Jahr 1000 sind in Unzialen geschrieben. Dennoch ergibt sich eine gewisse Konsistenz, da die meisten Papyri sehr alt sind. Ab dem 4. Jahrhundert begann Pergament das Papyrus zu ersetzten (obwohl es auch Papyri aus dem 8. Jahrhundert gibt). In ähnlicher Weise wird die Mehrheit der Unziale vor das 11. Jahrhundert datiert, der Großteil der Minuskeln hingegen danach.[12]

2.3 Datierung von Manuskripten des Neuen Testaments

Datei:Escribano.jpg
Illustration eines europäischen Schreibers bei der Arbeit

Die Bücher des Neuen Testaments wurden im 1. Jahrhundert fertiggestellt. Doch leider sind die Originalmanuskripte heute nicht mehr verfügbar. Die Autographien sind schon vor langer Zeit verlorengegangen oder wurden zerstört. Die Paläografie, die Wissenschaft von der Datierung von Manuskripten durch typologische Analyse der Schriften, ist die präziseste und objektivste bekannte Methode, das Alter eines Manuskriptes zu bestimmen. Schriftgruppen gehören typologisch zu ihrer Generation. Veränderungen können mit hoher Genauigkeit in einer relativ kurzen Zeitperiode ausgemacht werden. Eine Datierung der Manuskripte nach der Radiokarbonmethode erfordert die Zerstörung eines kleinen Teils des Materials während des Datierungsprozesses und ist weniger genau als die Paläografie.

[13] Es sollte angemerkt werden, dass sowohl die Radiokarbonmethode als auch die Paläographie nur einen Bereich möglicher Daten ergeben. Bis heute wird diskutiert, wie eng jener Bereich tatsächlich sein könnte. Das mit der Radiokarbonmethode bestimmte Alter kann einen Bereich von 10 bis zu über 100 Jahren repräsentieren. In ähnlicher Weise passen Daten, die mit der Paläographie bestimmt wurden, in einen Bereich von 25 bis zu über 125 Jahren.[14]

2.3.1 Älteste noch erhaltene Manuskripte

Das älteste Manuskript des Neuen Testaments ist ein visitenkartengrößes Fragment des Evangeliums nach Johannes, Papyrus 52, welches in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts datiert wrid. Die erste vollständige Abschrift eines einzelnen Buches des Neuen Testaments erscheint um 200. Die älteste vollständige Kopie des Neuen Testaments, der Codex Sinaiticus, stammt aus dem 4. Jahrhundert.[15] Die folgende Tabelle listet die ältesten verfügbaren Manuskripte für jedes Buch des Neuen Testaments auf.

Buch

ältestes verfügbares
Manuskript

Datierung

Zustand

Matthäus

P64, P67, P104

um 200

Fragmente

Markus

P45

um 250

Große Fragmente

Lukas

P4, P75

um 200

Fragment

Johannes

P52

um 125–160

Fragment

Apostelgeschichte

P38

3./4. Jh.

Fragment

Römer

P46

um 175–225

Fragmente

1. Korinther

P46

um 175–225

Fragmente

2. Korinther

P46

um 175–225

Fragmente

Galater

P46

um 175–225

Fragmente

Epheser

P46

um 175–225

Fragmente

Philipper

P46

um 175–225

Fragmente

Kolosser

P46

um 175–225

Fragmente

1. Thessalonicher

P46

um 175–225

Fragmente

2. Thessalonicher

P92

3./4. Jh.

Fragment

1. Timotheus

א

um 350

Vollständig

2. Timotheus

א

um 350

Vollständig

Titus

P32

um 200

Fragment

Philemon

P87

3. Jh.

Fragment

Hebräer

P46

um 175–225

Fragmente

Jakobus

P23, P20

3. Jh.

Fragment

1. Petrus

P72

3./4. Jh.

Fragmente

2. Petrus

P72

3./4. Jh.

Fragmente

1. Johannes

P9

3. Jh.

Fragment

2. Johannes

0232

3./4. Jh.

Fragment

3. Johannes

א

um 350

Vollständig

Judas

P72

3./4. Jh.

Fragmente

Offenbarung

P98, P115

um 275

Fragment

3 Berühmte Manuskripte

4 Siehe auch

5 Literatur

  • Kurt Aland, Barbara Aland: Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik; 1982
  • Bart D. Ehrman: he New Testament: A Historical Introduction to the Early Christian Writings; New York: Oxford University Press, 2004; ISBN 0-19-515462-2; S. 480f
  • Bruce M. Metzger: The Text of the New Testament: Its Transmission, Corruption and Restoration; New York: Oxford University Press, 2005; ISBN 0-19-516667-1
  • Nestle-Aland Novum Testamentum Graece, 27. Auflage (2006); Hendrickson Publishers; ISBN 1-59856-172-3
  • Timothy W. Seid: Interpreting Ancient Manuscripts; Interpreting Ancient Manuscripts Web; Earlham School of Religion
  • Robert Waltz: An Introduction to New Testament Textual Criticism
  • Robert Dick Wilson: The Textual Criticism of the Old Testament; in: The Princeton Theological Review 27 (1929); S. 40 f.

6 Weblinks

 Commons: Bible manuscripts – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

7 Einzelnachweise

  1. F. F. Bruce: The Last Thirty Years; in: Frederic G. Kenyon (Hg.): Story of the Bible; eingesehen am 19. Juni 2007
  2. Wilson 1929, S. 40 ff.
  3. Ehrman 2004, S. 480 f.
  4. Aland, S. 81
  5. Metzger 2005, S. 3 f
  6. Waltz
  7. Metzger 2005, S. 3–10
  8. Aland 1995, S. 77
  9. Seid
  10. Aland 1995, S. 72
  11. Aland 1995, S. 40–41
  12. Aland 1995, S. 73–77
  13. Britannica Online: Types of manuscript errors
  14. F. V. Greifenhagen: Egypt on the Pentateuch’s Ideological Map
  15. Ehrman 2004, S. 479–480

8 Andere Lexika

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